An der von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Auftrag gegebenen Studie des Forschungsverbunds ForuM waren unter Leitung der Hochschule Hannover fünf weitere Institute und Universitäten beteiligt. Auch die bayerische Landeskirche hat Akten geprüft und Fälle gemeldet. Wir bündeln die wichtigsten Hintergründe und Entwicklungen.

 

Aktuell im Newsticker:

    Sprecherin Janz: Missbrauchsaufarbeitung braucht Wut Betroffener

    Donnerstag, 22. Februar 2024, 08:52 Uhr

    Bei der weiteren Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche ist es aus Sicht der Betroffenensprecherin Nancy Janz unabdingbar, dass die Betroffenen selbst von Anfang an daran beteiligt sind. "An dem, was bisher erreicht worden ist, haben Betroffene den größten Anteil", sagte die 42-Jährige im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Janz ist Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

    "Es braucht die Betroffenen, die wütend sind, die in dieser Wut auch eine zerstörerische Kraft haben und sagen: Alles, was ihr tut, ist falsch. Ihr könnt es nicht richtig machen! Eine Institution kann sich selbst nicht aufarbeiten", sagte Janz. "Diese Kraft hat es gebraucht, um überhaupt wach zu werden als evangelische Kirche." Sie werde weiter benötigt, und deshalb sei es wichtig, neben den in ganz Deutschland geplanten regionalen unabhängigen Aufarbeitungskommissionen mit jährlich geplanten Foren weitere Formen des Mitwirkens zu schaffen.

    Die Ende Januar veröffentlichte ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche geht von mindestens 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern aus. Die Dunkelziffer wird aber viel höher eingeschätzt. Jetzt gehe es darum, aus der Studie Folgerungen zu ziehen und die 46 Handlungsempfehlungen umzusetzen, sagte Janz. "An vielen Themen arbeiten wir da als Beteiligungsforum schon."

    In der Studie stehe zum Beispiel, dass viele Betroffene mit ihrer erlebten sexualisierten Gewalt vereinzelt seien und der Wunsch nach Vernetzung groß sei, erläuterte sie. "Wir haben in den letzten zwei Jahren in der Betroffenenvertretung sehr intensiv an der digitalen Vernetzungsplattform BeNe (Betroffenen Netzwerk) gearbeitet, mit der wir hoffentlich im April starten können."

    Innerhalb der nächsten 15 Monate sollten sich die regionalen unabhängigen Aufarbeitungskommissionen der verschiedenen Landeskirchen bilden, an denen jeweils auch mindestens zwei Betroffene mitwirken sollen. Für den Verbund der niedersächsischen Kirchen und der bremischen Kirche sei als erster Schritt die Geschäftsführung ausgeschrieben, die weitere Schritte koordinieren solle, sagte Janz.

    Janz lebt in Bremen und ist neben ihrer Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie auch für die Bremische Evangelische Kirche tätig. Sie hat als junge Frau selbst in einer diakonischen Einrichtung in Niedersachsen sexualisierte Gewalt durch einen Jugendpastor erfahren. Im Beteiligungsforum gibt sie Betroffenen eine Stimme. "Die Arbeit ist sehr zeitintensiv und herausfordernd, dennoch so notwendig und wirksam und bitter nötig", sagte sie.

    Die neu zu gründenden regionalen Kommissionen benötigten neben der Beteiligung von Betroffenen auch die Mitarbeit der jeweiligen Landesregierungen, erläuterte Janz. Diese sollen unabhängige Expertinnen und Experten als Mitwirkende in den Kommissionen benennen. "Da sind wir sehr angewiesen auf die Politik und darauf, welche Menschen sich für die Kommissionen zur Verfügung stellen."

    Neue Fachtstellenleiterin fordert klare Informationen zum Thema sexualisierte Gewalt

    Mittwoch, 21. Februar 2024, 11:32 Uhr

    Die Leiterin der Fachstelle für Umgang mit sexualisierter Gewalt in der bayerischen evangelischen Landeskirche (ELKB) ist in ihr neues Amt eingeführt worden. Die Sozialpädagogin Martina Frohmader habe die Aufgabe übernommen, teilte die Landeskirche am Mittwoch mit. Mit einem 14-köpfigen Team in der Fachstelle werde sie Standards für Prävention, Intervention und Aufarbeitung entwickeln und umsetzen, hieß es. Klare Strukturen, Handlungsanleitungen und Informationen zum Thema sexualisierte Gewalt, die allen bekannt sein müssen, seien nötig, sagte Frohmader.

    Zur Fachstelle gehören die Ansprechstelle für Betroffene, in der vertrauliche Gespräche geführt werden und die Meldestelle für alle Anfragen bei einem Verdacht und Mitteilungen von sexuellen Übergriffen aus dem Bereich der Landeskirche, hieß es. Bei der zugehörigen Anerkennungskommission könnten Betroffene eine finanzielle Leistung beantragen. Die Beschäftigung der Kommission mit der Geschichte der Betroffenen solle dazu beitragen, das Unrecht, das Betroffenen in Kirche oder Diakonie angetan worden sei, wahrzunehmen, heißt es in der Mitteilung. Folgen der erlittenen sexualisierten Gewalt sollten zumindest gemildert und die Anerkennung des Unrechts ausgedrückt werden.

    Der Fachstelle ist auch das Thema Prävention zugeordnet. Das Team unterstütze Kirchengemeinden, Dekanate und kirchliche Einrichtungen bei der Schulung von Mitarbeitenden und der Erstellung von Schutzkonzepten, teilte die Landeskirche mit.

    Detlev Zander: Thema Missbrauch in alle Gemeinden hineintragen

    Montag, 19. Februar 2024, 10:49 Uhr

     Das Thema Missbrauch sollte nach Ansicht des Sprechers der Betroffenen in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Detlev Zander, in alle evangelischen Kirchengemeinden hineingetragen werden.

    "Mir fehlt der Aufschrei", sagte Zander dem Evangelischen Pressedienst (epd) gut drei Wochen nach Vorstellung der ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie.

    Das Thema sei nach seinem Eindruck ziemlich schnell von der Bildfläche verschwunden.

    Zander, der Sprecher der Betroffenen im Beteiligungsforum sexualisierte Gewalt in der EKD und der Diakonie ist, betonte, die Kirche könne nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Es brauche mehr Demut. Wer glaubwürdig auf Demonstrationen gegen Rechtsextremismus auftreten wolle, müsse zuerst Ordnung im eigenen Laden schaffen, betonte er.

    Am 25. Januar hatte der unabhängige Forschungsverbund ForuM im Auftrag der EKD und der Diakonie eine Studie über Risikofaktoren und Ausmaß sexualisierter Gewalt vorgestellt. Die Forschenden fanden Hinweise auf mindestens 2.225 Betroffene und mindestens 1.259 mutmaßliche Täter, die tatsächliche Zahl der Betroffenen dürfte der Einschätzung zufolge deutlich höher liegen. Zudem attestierten die Forscher eine "Verantwortungsdiffusion", ein problematisches Amtsverständnis bei Pfarrern und die Diskreditierung von Betroffenen, die die Gewalt gegen sie öffentlich machten.

    Am Wochenende berät das Beteiligungsforum über Konsequenzen und Empfehlungen der Studie. Zander sagte, alle Verantwortlichen müssten sich fragen, wo sie vielleicht nicht so genau hingeschaut hätten. Es dürfe nicht mehr vom Thema abgelenkt werden, forderte er. Es gehe um berechtigte Anliegen von Betroffenen auf Aufarbeitung und etwa die Zahlung von Anerkennungsleistungen. Das Beteiligungsforum berät derzeit unter anderem über eine Reform des Disziplinarrechts von Pfarrern und kirchlichen Angestellten und über die Neuordnung der Anerkennungsleistungen.

    Kirchenjuristin für schärferes Kirchen-Disziplinarrecht

    Freitag, 16. Februar 2024, 10:48 Uhr

    Die Berliner Konsistorialpräsidentin Viola Vogel hat sich für eine Verschärfung des kirchlichen Disziplinarrechts ausgesprochen, um gegen sexuellen Missbrauch vorzugehen. Derzeit verjährten Delikte mit Blick auf Disziplinarmaßnahmen in der Regel innerhalb von vier Jahren, sagte die Chefjuristin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin: "Darüber müssen wir reden."

    Die aktuellen Verjährungsregeln seien "schwierig, weil Betroffene oft erst nach Jahren die Kraft finden, über den erlittenen Missbrauch zu sprechen", sagte die promovierte Juristin: "Das ist eine der Stellschrauben, es könnten längere Fristen für Disziplinarverfahren eingeführt werden."

    In einer unabhängigen Studie, die Ende Januar vorgestellt wurde, sind bundesweit für den Zeitraum 1946 bis 2020 mindestens 2.225 von sexualisiertem Missbrauch betroffene Minderjährige und 1.259 mutmaßliche Täter ermittelt worden. Es sei davon auszugehen, dass dies nur die "Spitze der Spitze des Eisbergs" sei, hieß es.

    Die innerkirchlichen Sanktionen reichten vom Verweis über Geldbußen, Versetzungen in den Wartestand oder Ruhestand, Kürzungen der Bezüge bis hin zu Entlassungen, je nach Schwere des Delikts, sagte Vogel: "Einige Fälle, die wir haben, sind so furchtbar, dass ich jedem und jeder Betroffenen am liebsten sofort ermöglichen würde, zu klagen, egal wie lange es her ist." In der Landeskirche wurden im Rahmen der Studie 116 Fälle betroffener Minderjähriger benannt und 41 Beschuldigte ermittelt.

    Zur Frage möglicher Entschädigungszahlungen sagte Vogel, die Entschädigung in Geld sei nur eine Form der Anerkennung. "Ich würde vorsichtig sein, vorschnell mit Geld die Schuld zuschütten zu wollen", sagte sie: "Das kann nur ein Strang sein, in welcher Höhe auch immer." Die Anerkennungskommission der Landeskirche könne Unterstützungsleistungen von bis zu 50.000 Euro an Betroffene vergeben. Seit 2019 seien so rund 220.000 Euro an 20 Menschen gezahlt worden.

    Wichtig sei, dass die Betroffenen die Kirche "als lernende Institution erleben, die nicht erneut verletzt, indem sie weghört und abwiegelt", sagte Vogel. Jeder Betroffene, der sich melde, müsse gehört werden. Die Prävention müsse verbessert werden. Risikofaktoren für sexualisierte Gewalt müssten minimiert werden. "Es ist absolut wichtig, dass das Thema oberste Priorität behält und nicht zu einem Thema unter vielen wird", sagte die Konsistorialpräsidentin.

    Göring-Eckardt fordert Reform der Kirchenstruktur

    Dienstag, 13. Februar 2024, 14:49 Uhr

    Nach den Erkenntnissen der Studie über Ausmaß und Umgang mit sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche hat die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt Strukturreformen gefordert. Die Vielzahl der Landeskirchen gehe "nicht zuletzt auch zulasten der Betroffenen sexualisierter Gewalt, weil die Verantwortung in unseren vielen Gremien diffundiert", sagte die Bundestagsvizepräsidentin, die der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehört, in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Wir müssen unsere kirchlichen Strukturen verschlanken", sagte sie.

    Göring-Eckardt sagte, seit Jahren werde darüber diskutiert, dass mehr zentrale Strukturen gebraucht würden, gerade in Verwaltungs- und Gesetzesfragen. "Wir haben auch darüber geredet, ob man weitere Landeskirchen zusammenlegen muss", sagte sie. Viele seien "dann schnell mit Ausreden zur Stelle und die wirklich großen Reformen bleiben aus". "In diesem Fall ist es für die Betroffenen von sexualisierter Gewalt nichts anderes als brutal, dass es keine Einheitlichkeit gibt", sagte sie.

    Perspektivisch würden Strukturreformen Betroffenen sexualisierter Gewalt helfen, ist Göring-Eckardt überzeugt. "Die Studie hat gezeigt, dass die Betroffenen nicht nur durch konkrete Personen, sondern auch durch Strukturen gelitten haben", sagte sie und ergänzte: "Und zwar doppelt." Die Strukturen hätten Gewalt begünstigt und die Aufarbeitung schwer gemacht.

    Die Ende Januar vorgestellte Studie eines von der EKD beauftragten, unabhängigen Forschungsverbunds zu Missbrauch in der evangelischen Kirche (ForuM) hatte unter anderem zum Ergebnis, dass der evangelische Föderalismus mit seinen 20 Landeskirchen dazu führt, dass mit Betroffenen unterschiedlich umgegangen wird. Das betrifft unter anderem auch die Verfahren für Entschädigungen, die sogenannten Anerkennungsleistungen.

    Betroffene fordern einheitliche Verfahren. Göring-Eckardt sagte, die Betroffenen hätten jetzt Priorität. Es gehe jetzt "ganz grundsätzlich darum, ob wir wieder glaubwürdig sind". Gleichzeitig erwartet sie nach eigenen Worten "eine harte Debatte" unter anderem über die Zahlungen, weil eigene Verfehlungen aufgearbeitet würden "und weil wir andere Dinge nicht machen können". "Aber da müssen wir durch und dürfen uns nicht wegducken", sagte sie.

    Gemeinde kritisiert Umgang der Kirchenleitungen mit Missbrauch in offenem Brief

    Dienstag, 13. Februar 2024, 14:00 Uhr

    Der Vorstand der Kirchengemeinde St. Marien in Osnabrück hat den Umgang der evangelischen Kirche mit sexualisierter Gewalt scharf kritisiert. Mit "Scham und Entsetzen" hätten sie die Ergebnisse der Ende Januar vorgestellten Missbrauchsstudie zur Kenntnis genommen, betonten die Mitglieder in einem auf der Homepage am Wochenende veröffentlichten Schreiben. Vor den Kirchenvorstandswahlen am 10. März fragten sich viele Kandidierende, "ob diese Kirche es wert ist, für sie Gesicht zu zeigen und in ihr ehrenamtlich Verantwortung zu übernehmen". Der offene Brief richtet sich an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die hannoversche Landeskirche.

    Während der ersten Kirchenvorstandssitzung nach der Veröffentlichung der Studie hätten einige Mitglieder ihren Unmut geäußert, sagte Pastor Thorsten Both am Montag dem Evangelischen Pressedienst (epd). Nach einer kontroversen Diskussion habe eine Kleingruppe das Schreiben formuliert, das alle ehren- und hauptamtlichen Mitglieder unterzeichnet hätten. Bislang habe keines der Mitglieder, die sich erneut zur Wahl stellen, seine Kandidatur zurückgezogen.

    Die Unterzeichner des Briefes zeigen sich bestürzt, dass Schutzbefohlene über Jahrzehnte missbraucht worden seien. Die Betroffenen hätten keinen Beistand erhalten. Täter seien straffrei geblieben und Taten vertuscht worden. Der Brief kritisiert zudem "die möglicherweise mangelnde Bereitschaft der Landeskirchen, die von den Verfassern der Studie angeforderten Personalakten zur Verfügung zu stellen".

    Das Gremium fordert die hannoversche Landeskirche und den Rat der EKD auf, "unverzüglich einen überprüfbaren Aktionsplan zur rückhaltlosen und vollständigen Aufklärung" zu erarbeiten. Eine erste Vorlage müsse noch vor den Kirchenvorstandswahlen präsentiert werden.

    Die hannoversche Landeskirche will nach eigenen Aussagen demnächst Gespräche mit dem Kirchenvorstand führen. Eine öffentliche Stellungnahme werde es jedoch nicht geben, sagte Sprecher Benjamin Simon-Hinkelmann. Bischof Ralf Meister habe bereits in Interviews und in einem allgemeinen Brief an alle 7.411 Kirchenvorstandsmitglieder und -kandidaten seine Sicht der Dinge dargestellt.

    In dem Brief betonte Meister, die Landeskirche befasse sich seit mehr als 15 Jahren intensiv mit Fällen sexualisierter Gewalt. "Viele Schritte wurden bereits unternommen." Die Landeskirche habe zudem alle für die Studie geforderten Daten fristgerecht zur Verfügung gestellt. Er räumte allerdings auch ein, "dass der Umgang mit sexualisierter Gewalt lange Zeit in unserer Kirche nicht ansatzweise die Bedeutung hatte, die notwendig gewesen wäre und die sie heute hat".

    Grüne kritisieren Zurückhaltung des Staats bei Missbrauchsaufklärung

    Freitag, 09. Februar 2024, 11:05 Uhr

    Die Kirchen sind nach Ansicht der Grünen-Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel mit der Aufarbeitung ihres "institutionellen Versagens" bei Missbrauchsfällen überfordert. Die Staatsregierung müsse nun eingreifen, weise aber "immer noch jede Verantwortung zur Aufarbeitung und Aufklärung" von sich, sagte Triebel am Freitag in München. Der Staat habe eine "grundgesetzlich festgeschriebene Wächterfunktion", das Recht auf Aufarbeitung müsse endlich "im Sinne der Betroffenen festgeschrieben werden".

    Triebel reagierte auf eine Antwort des Justizministeriums zu ihrer Anfrage vom 1. Februar. Darin wollte die Politikerin wissen, ob die bayerischen Ermittlungsbehörden bereits damit begonnen hätten, die ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in evangelischer Kirche und Diakonie "auf strafrechtlich relevante Fälle zu überprüfen". Die Studie war am 25. Januar vorgestellt worden. Zudem forderte Triebel in ihrer Anfrage Auskunft darüber, welche Ressourcen seitens der Behörden bereitgestellt würden, um die Akten zu sichten, die der Studie zugrunde liegen.

    Die Antwort des Justizministeriums ist faktisch wortgleich mit einer Presseinformation des Ministeriums vom vergangenen Freitag (2. Februar). Es verweist auf eine Vereinbarung zwischen bayerischer Landeskirche und der Generalstaatsanwaltschaft München. Danach müssen Akten zu allen Fällen, die von der Anerkennungskommission der Kirche behandelt wurden, den Staatsanwaltschaften mitgeteilt werden. Ausdrücklich gehöre zu der Vereinbarung, dass auch Fälle mitgeteilt werden, die im Rahmen von Studien erstmals ans Licht kommen.

    Man habe keine Erkenntnisse darüber, dass diese Vereinbarung "bislang nicht eingehalten wurde", heißt es in der Antwort weiter. Bereits wenige Wochen vor und auch noch einmal nach Veröffentlichung der Studie habe die Generalstaatsanwaltschaft die bayerische Landeskirche aufgefordert, eine Liste der an die ForuM-Forscher gemeldeten Fälle sowie "Daten zu allen Verdachtsfällen seit 1975" einzureichen. Ein Kirchensprecher sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Mittwoch, man werde "auch dieser Bitte entsprechen".

    Grünen-Politikerin Triebel kritisierte, dass die Betroffenen sexualisierter Gewalt "immer noch als Bittsteller auftreten" müssten: "Das ist eine Schande für alle Verantwortlichen." Die Staatsregierung brauche "einen gut ausgestatteten Werkzeugkasten", um das Recht auf Aufarbeitung und Aufklärung im Sinne der Betroffenen "auch gegenüber den Täterorganisationen durchzusetzen, seien es Kirchen, Heime oder Vereine", betonte die Landtagsabgeordnete.

    Missbrauch: Kirche und Diakonie bekennen "jahrzehntelanges Versagen"

    Dienstag, 06. Februar 2024, 15:34 Uhr

    Nach der jüngst vorgestellten Studie über das Ausmaß von Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in der evangelischen Kirche haben relevante Gremien der Kirche eine gemeinsame Erklärung abgegeben. Die Studie lege ein "jahrzehntelanges Versagen der evangelischen Kirche und der Diakonie auf allen Ebenen und in allen Landeskirchen offen", heißt es in der am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der 20 evangelischen Landeskirchen und des Bundesvorstands der Diakonie.

    Der Sprecher der Betroffenen von sexualisierter Gewalt in der EKD, Detlev Zander, sprach von einem "langen und steinigen Weg" bis zu der gemeinsamen Erklärung. In der Erklärung heißt es:

    "Sexualisierte Gewalt gehört zur Realität unserer Kirche und unserer Diakonie. Diese Einsicht nimmt uns in die Pflicht."

    Betroffene seien nicht gehört, Taten nicht aufgearbeitet, Täter geschützt und Verantwortung nicht übernommen worden. 

    EKD, Landeskirchen und Diakonie formulieren darin auch Konsequenzen. Man verpflichte sich zu einheitlichen Standards der Prävention und Transparenz, einheitlichen Verfahren für kirchliche Zahlungen - die sogenannten Anerkennungsverfahren - sowie einen einheitlichen Prozess der weiteren Aufarbeitung sexualisierte Gewalt.

    Konkrete Schritte sollen im Beteiligungsforum der EKD, in dem kirchliche Verantwortliche und Betroffene vertreten sind, besprochen werden. Mitte Februar werde das Gremium gemeinsam mit den Forschenden die Ergebnisse und Empfehlungen erstmals beraten, heißt es in der Stellungnahme. Die Rede ist darin von einem "klaren Maßnahmenplan". Die Stellungnahme bekennt sich zur Beteiligung von Betroffenen. Man stehe hinter dem "Grundsatz der direkten Mitentscheidungen" von Betroffenenvertretern und -vertreterinnen.

    Zander, der Sprecher der Betroffenen im Beteiligungsforum ist, sagte dem epd, er erwarte, dass alle Landeskirchen und alle Diakonie-Landesverbände sich an die Beschlüsse hielten. "Ich werde im Beteiligungsforum darauf achten, dass alles umgesetzt wird", sagte er. Zugleich zeige die Erklärung, dass die Betroffenenbeteiligung einen hohen Einfluss habe.

    Justizminister fordert Landeskirche zu Personalakten-Auswertung auf

    Freitag, 02. Februar 2024, 15:10 Uhr

    Der bayerische Justizminister Georg Eisenreich (CSU) hat die evangelische Landeskirche zu einer umfassenden Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche aufgefordert. Die Verfasser der ForuM-Studie hätten bei deren Präsentation in der vergangenen Woche klargemacht, "dass eine umfassende Auswertung der Personalakten statt nur der Disziplinarakten weitere Verdachtsfälle zutage fördern kann", sagte Eisenreich dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Freitag:

    "Ich fordere die Landeskirche daher auf, dies in die Wege zu leiten. Es ist bereits wertvolle Zeit vergangen."

    Das Justizministerium teilte außerdem mit, dass die bayerischen Generalstaatsanwaltschaften bereits 2018 die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) aufgefordert hatten, die bekannten Missbrauchsfälle den Strafverfolgungsbehörden mitzuteilen. Im Mai 2019 habe die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg mit der ELKB vereinbart, wonach die Akten zu allen Fällen, die von der Anerkennungskommission behandelt wurden, den Staatsanwaltschaften mitgeteilt werden müssen. Ausdrücklich gehöre zu der Vereinbarung, dass auch Fälle, die im Rahmen von Studien neu bekannt werden, mitgeteilt werden.

    Das Justizministerium betont, ihm lägen "keine Erkenntnisse vor, dass dies bislang nicht eingehalten wurde". Um sicherzustellen, dass die Behörden entsprechend der Vereinbarung vom Mai 2019 Kenntnis von allen der ForuM-Studie zugrunde liegenden Verdachtsfällen erhalten, habe man vom Landeskirchenamt am 19. Dezember 2023 vor der Veröffentlichung der Studie eine Liste der an die ForuM-Forscher gemeldeten Fälle angefordert. Nach Veröffentlichung habe man zusätzlich das Landeskirchenamt schriftlich zur Vorlage einer Liste aufgefordert, "die die Daten zu allen Verdachtsfällen seit 1975 umfasst".

    Die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg geht laut Justizministerium davon aus, dass diese Fälle bereits entsprechend der Vereinbarung den Staatsanwaltschaften gemeldet wurden. "Für den Fall, dass dies entgegen der Vereinbarung von 2019 nicht vollständig erfolgt sein sollte, fordert die Generalstaatsanwaltschaft Bamberg zudem die Kirche auf, den Strafverfolgungsbehörden umgehend die Akten zu den betreffenden Fällen vorzulegen", heißt es in der Stellungnahme des Ministeriums.

    Das von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beauftragte unabhängige Forscherteam sprach von mindestens 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern bundesweit. Die Forscher betonten, dass dies nur "die Spitze der Spitze des Eisbergs" sei, weil vor allem Disziplinar-, kaum aber Personalakten eingesehen wurden.

    Kirchenhistoriker: Missbrauch kann in jeder evangelischen Gemeinde vorkommen

    Freitag, 02. Februar 2024, 15:00 Uhr

    Nach der Veröffentlichung der Studie über sexualisierte Gewalt in den evangelischen Kirchen rücken Faktoren für Missbrauch in den Kirchen und der Diakonie in den Blick. Der Hamburger Kirchenhistoriker Thomas Großbölting sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), sexualisierte Gewalt könne in allen evangelischen Gemeinden vorkommen. "Sowohl in den traditionellen als auch in den liberalen Tatkontexten machen sich die Missbrauchstäter die jeweiligen Strukturen zunutze", sagte der Mit-Autor der Studie. 

    Ein zentraler Befund der Studie des unabhängigen Forschungsverbunds "ForuM" ist nach Großböltings Worten die Beobachtung, wie parallel in der katholischen und evangelischen Kirche geistliche Ämter Risikofaktoren seien. "Bei allen Unterschieden scheinen mir die grundlegenden Mechanismen sehr ähnlich zu sein. Und das finde ich erstaunlich", sagte Großbölting. Auch auf der evangelischen Seite gebe es "eine ebenso große und im Tatfall dann fatale Pastoralmacht". Im Protestantischen scheine nicht wie in der katholischen Kirche die formale Weihe der ausschlaggebende Punkt zu sein, sondern eher die Einbindung in die Institution und die besondere Herausgehobenheit des Pfarrers.

    Der Kirchenhistoriker, der eine Aufarbeitungsstudie für das Bistum Münster leitete, sprach von "Machtvergessenheit". "Das vorherrschende Ideal der Geschwisterlichkeit, der Partizipation, der Demokratie verhindert, dass es klare Strukturen gibt, sowohl für die Aufarbeitung als auch für den Umgang mit Betroffenen, die versuchen, ihre Erfahrungen zu berichten", sagte er.

    Nach seiner Beobachtung gebe es in der evangelischen Kirche jenseits der etablierten Strukturen, also dem Beteiligungsforum, den Landeskirchenämtern, dem Rat der EKD, wenig Auseinandersetzung zu sexualisierter Gewalt. In der katholischen Kirche gebe es Laien-Bewegungen wie "Wir sind Kirche", "Maria 2.0", die katholische Jugend und das Zentralkomitee der Katholiken. Diese Gruppen und Verbände übten Druck aus, dass sich etwas ändere.

    Kopp nimmt Bedford-Strohm gegen Kritik in Schutz

    Donnerstag, 01. Februar 2024, 11:50 Uhr

    Der bayerische Landesbischof Christian Kopp hat seinen Amtsvorgänger Heinrich Bedford-Strohm gegen Kritik von Missbrauchs-Betroffenen in Schutz genommen. Bedford-Strohm habe die Aufklärung und Aufarbeitung von sexueller Gewalt in der evangelischen Kirche "zu einem wichtigen Arbeitsthema" seiner Amtszeit in Bayern und auf der Ebene der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gemacht, sagte Kopp in der Sendung "Stationen", die am Mittwochabend im BR-Fernsehen ausgestrahlt wurde. Zwar hätten manche Dinge auch schneller gehen können, er sehe bei Bedford-Strohm aber "keinerlei Versäumnisse".

    Missbrauchs-Betroffene sehen das nicht ganz so. In dem Beitrag kommt auch der Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum in der EKD, Detlev Zander, zu Wort. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) sei bei Aufklärung und Aufarbeitung "ganz, ganz schwer hinterher", sagte Zander. Er werfe Bedford-Strohm vor, dass dieser auf landeskirchlicher Ebene "einfach nichts gemacht" habe, weil es ihm "nicht wichtig" gewesen sei, erläuterte Zander im Bayerischen Rundfunk (BR):

    "Eigentlich müsste er in Sack und Asche gehen - und wenn es nötig ist, auch in seinen Ämtern zurücktreten. Fertig. Das geht nicht anders."

    Der Leiter des unabhängigen Forschungsverbunds ForuM, Martin Wazlawik, sagt in dem "Stationen"-Beitrag, auf EKD-Ebene habe erst im Jahr 2018 "im breiten Sinne" eine Beschäftigung mit dem Thema sexualisierte Gewalt eingesetzt. Ohne Namen zu nennen, sagte Wazlawik auf die Frage, wie die Kirche nun Verantwortung übernehmen müsste: "Wenn man darauf wartet, dass einem juristisch sauber etwas nachgewiesen wird, ist das die eine Strategie des Umgangs. Man könnte aber auch die Frage stellen, ob man so etwas wie sein eigenes Gewissen befragt, wenn man viele Jahre auch noch mal in verantwortlicher Position war."

    Bereits bei der Vorstellung der ForuM-Studienergebnisse am vergangenen Donnerstag (25. Januar) hatte die Betroffene Katharina Kracht dem früheren EKD-Ratsvorsitzenden (2014-2021) und Landesbischof (2011-2023) Tatenlosigkeit vorgeworfen: Das Thema hätte seit 2010 bekannt sein können, sagte Kracht. Bedford-Strohm hatte zum Ende seiner EKD-Amtszeit gesagt, dass er sich gewünscht hätte, dass das Thema auf EKD-Ebene sichtbarer geworden wäre. "Für mich ist das ganz typisch: Da stellt sich jemand hin, der sieben Jahre lang in dieser Zeit nach 2010 Ratsvorsitzender war und sagt, 'ich hätte mir das gewünscht'", sagte Kracht.

    EKD: Sichten von Personalakten für Missbrauch-Studie war vereinbart

    Mittwoch, 31. Januar 2024, 17:15 Uhr

    Die Sichtung von kirchlichen Personalakten für die Missbrauchs-Studie in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie war vertraglich mit dem Forscherteam vereinbart. Das stellte die EKD am Mittwoch auf ihrer Internetseite klar, nachdem sich vereinzelt evangelische Landeskirchen nach der Veröffentlichung der Missbrauch-Studie über die Aussagen des Forscherteams beschwert hatten, die Landeskirchen hätten nicht alle ursprünglich benötigten Daten zu Fallzahlen erhoben.

    So hatte etwa der bayerische Landesbischof Christian Kopp am Dienstag vor Journalisten gesagt, seine Landeskirche habe vor Veröffentlichung der Studie keine Kenntnis davon gehabt, dass alle Personalakten gesichtet werden sollten. Zuvor hatte er erklärt, wegen der schieren Menge habe man weder zeitlich noch personell die Kapazitäten dazu gehabt.

    Der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Christoph Pistorius, hatte dem Evangelischen Pressedienst (epd) gesagt, es gebe eine "Differenz zwischen der Darstellung der Forschenden und dem, was man tatsächlich beigetragen" habe.

    Nach Darstellung der EKD war die Unterstützung für die Studie im September 2020 von den leitenden Geistlichen der Landeskirchen beschlossen worden. Das eingereichte Forschungsdesign habe ein Screening von Personalakten in einer Stichprobe von Landeskirchen vorgesehen, die auf Basis einer vorgeschalteten Exploration und Datenerhebung in den Landeskirchen geschehen sollte. Bei der Datenerhebung kam es letztlich zu einer Verzögerung. Daraufhin hätten die Forscher des Teilprojekts zusammen mit den zuständigen Gremien in der EKD eine Nacherhebung festgelegt, was auch an alle Landeskirchen kommuniziert worden sei.

    Wegen der Verzögerung schlugen die Forschenden im Juni 2022 dann ein neues Vorgehen vor, das statt des stichprobenartigen Screenings von Personalakten ein Screening der Disziplinarakten von Pfarrern in allen Landeskirchen vorsah. Auf dieser Basis wurden die Kennzahlen schließlich errechnet. Mit einer Landeskirche, der Evangelisch-Reformierten Kirche, vereinbarte das Teilprojekt als Modellprojekt auch ein Screening der Personalakten von Pfarrern, um Anhaltspunkte dafür zu finden, wie sich eine komplette Sichtung auf die Fallzahlen auswirken könnte.

    Der Leiter des unabhängigen Forschungsverbunds ForuM, Martin Wazlawik, sagt der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag), diese Datenbasis sei "nicht die Traumvorstellung von Wissenschaft". Die Zahlen beschrieben noch nicht das Gesamtausmaß sexualisierter Gewalt:

    "Was wir in der ForuM-Studie gemacht haben, ist ein Anfang, hinter dem ein Doppelpunkt steht. Es kommt noch einiges an Arbeit auf die Landeskirchen und die EKD zu, um den Raum hinter diesem Doppelpunkt zu füllen."

    Der Sprecher der Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche, Detlev Zander, kritisierte die Beschwerden aus den Landeskirchen.

    "Die Diskussionen über Akten, Zahlen und wer die besseren Konzepte zur Aufklärung und Aufarbeitung in den Landeskirchen hat, sind unprofessionell und für viele Betroffene erneut verletzend", schrieb er bei Facebook. Die öffentliche Diskussion von einigen leitenden Kirchenvertretern rund um die Missbrauchs-Studie stelle alles in den Schatten, was er sich habe vorstellen können.

    Forscher widerspricht Landesbischof Kopp: Daten aus Personalakten waren vereinbart

    Mittwoch, 31. Januar 2024, 17:14 Uhr

    Die Sichtung von kirchlichen Personalakten für die Missbrauchs-Studie in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Diakonie war vertraglich mit dem Forscherteam vereinbart. Das stellte die EKD am Mittwoch auf ihrer Internetseite klar, nachdem sich vereinzelt evangelische Landeskirchen nach der Veröffentlichung der Missbrauch-Studie über die Aussagen des Forscherteams beschwert hatten, die Landeskirchen hätten nicht alle ursprünglich benötigten Daten zu Fallzahlen erhoben.

    So hatte etwa der bayerische Landesbischof Christian Kopp am Dienstag vor Journalisten gesagt, seine Landeskirche habe vor Veröffentlichung der Studie keine Kenntnis davon gehabt, dass alle Personalakten gesichtet werden sollten. Zuvor hatte er erklärt, wegen der schieren Menge habe man weder zeitlich noch personell die Kapazitäten dazu gehabt. Der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Christoph Pistorius, hatte dem Evangelischen Pressedienst (epd) gesagt, es gebe eine "Differenz zwischen der Darstellung der Forschenden und dem, was man tatsächlich beigetragen" habe.

    Nach Darstellung der EKD war die Unterstützung für die Studie im September 2020 von den leitenden Geistlichen der Landeskirchen beschlossen worden. Das eingereichte Forschungsdesign habe ein Screening von Personalakten in einer Stichprobe von Landeskirchen vorgesehen, die auf Basis einer vorgeschalteten Exploration und Datenerhebung in den Landeskirchen geschehen sollte. Bei der Datenerhebung kam es letztlich zu einer Verzögerung. Daraufhin hätten die Forscher des Teilprojekts zusammen mit den zuständigen Gremien in der EKD eine Nacherhebung festgelegt, was auch an alle Landeskirchen kommuniziert worden sei.

    Wegen der Verzögerung schlugen die Forschenden im Juni 2022 dann ein neues Vorgehen vor, das statt des stichprobenartigen Screenings von Personalakten ein Screening der Disziplinarakten von Pfarrern in allen Landeskirchen vorsah. Auf dieser Basis wurden die Kennzahlen schließlich errechnet. Mit einer Landeskirche, der Evangelisch-Reformierten Kirche, vereinbarte das Teilprojekt als Modellprojekt auch ein Screening der Personalakten von Pfarrern, um Anhaltspunkte dafür zu finden, wie sich eine komplette Sichtung auf die Fallzahlen auswirken könnte.

    Der Leiter des unabhängigen Forschungsverbunds ForuM, Martin Wazlawik, sagt der Wochenzeitung "Die Zeit" (Donnerstag), diese Datenbasis sei "nicht die Traumvorstellung von Wissenschaft". Die Zahlen beschrieben noch nicht das Gesamtausmaß sexualisierter Gewalt:

    "Was wir in der ForuM-Studie gemacht haben, ist ein Anfang, hinter dem ein Doppelpunkt steht. Es kommt noch einiges an Arbeit auf die Landeskirchen und die EKD zu, um den Raum hinter diesem Doppelpunkt zu füllen."

    Der Sprecher der Betroffenen sexuellen Missbrauchs in der evangelischen Kirche, Detlev Zander, kritisierte die Beschwerden aus den Landeskirchen. "Die Diskussionen über Akten, Zahlen und wer die besseren Konzepte zur Aufklärung und Aufarbeitung in den Landeskirchen hat, sind unprofessionell und für viele Betroffene erneut verletzend", schrieb er bei Facebook. Die öffentliche Diskussion von einigen leitenden Kirchenvertretern rund um die Missbrauchs-Studie stelle alles in den Schatten, was er sich habe vorstellen können.

    Betroffenenvertreter kritisiert Preidel und fordert Entschuldigung

    Mittwoch, 31. Januar 2024, 11:46 Uhr

    Der Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Detlev Zander, hat die bayerische Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel für ihre Aussagen zur ForuM-Studie scharf kritisiert. Diese habe "leider immer noch nicht verstanden, um was es geht", schrieb Zander am Mittwoch im sozialen Netzwerk Facebook zu einem Interview Preidels mit dem Evangelischen Pressedienst (epd):

    "Die Diskussionen über Akten, Zahlen und wer die besseren Konzepte zur Aufklärung und Aufarbeitung in den Landeskirchen hat, sind unprofessionell und für viele Betroffene erneut verletzend."

    Preidel hatte gesagt, sie fordere Einsicht in die Verträge zwischen der EKD und dem Forscher-Konsortium der ForuM-Studie, weil unklar sei, was genau vereinbart wurde: "Wir brauchen da auch als Landeskirche Klarheit." Preidel betonte, dass eine umfassende Personalakten-Studie in Bayern nach der Kritik der Forschenden zwar unausweichlich sei, stellte aber zugleich deren Erkenntnisgewinn infrage. Auch lobte sie ihre Landeskirche für deren Umgang mit dem Thema: "Ich finde, wir haben da etwas Vorbildliches aufgebaut im Bereich Prävention, Intervention und Aufarbeitung, an dem sich andere ein Beispiel nehmen könnten", erläuterte Preidel.

    Zander sagte, "die öffentliche Diskussion" von einigen leitenden Kirchenvertretern rund um die ForuM-Studie zu sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie stelle "alles in den Schatten, was ich mir vorstellen konnte". Zu Preidel sagte Zander, es entstehe der Eindruck, als lenke die bayerische Synodalpräsidentin "geschickt von den eigentlichen Problemen in ihrer Landeskirche und Gemeinden ab". Mit derartigen Äußerungen verunsichere sie "die Basis, die sehr gute Arbeit leistet". Viele Betroffene seien nach diesen Wortmeldungen empört. Deshalb rufe er als Betroffenensprecher die Synodalpräsidentin "zur Sachlichkeit und Mäßigung auf".

    Dem epd sagte Zander auf Nachfrage, er fordere eine öffentliche Entschuldigung von Preidel. Es sei nämlich mitnichten so, dass in der bayerischen Landeskirche alles vorbildlich ablaufe. Zander liegen Erkenntnisse vor, dass es auch Betroffene gebe, bei denen der persönliche Aufarbeitungsprozess alles andere als gut, zum Teil katastrophal verlaufen sei: "Mit solchen Aussagen erweisen Leitungspersonen der Kirche und Diakonie daher einen echten Bärendienst."

    Kopp: "Sexuelle Gewalt widerspricht allen unseren Grundauffassungen"

    Dienstag, 30. Januar 2024, 14:21 Uhr

    Die ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche hat nach Aussage des bayerischen Landesbischofs Christian Kopp auch bei ihm Spuren hinterlassen. Es sei entsetzlich zu hören, dass es in der Gesellschaft sexualisierte Gewalt gibt, sagte er am Dienstag im Münchner Presseclub. Noch entsetzlicher sei es, zu konstatieren, dass sie auch im Raum der evangelischen Kirche stattfindet:

    "Das widerspricht einfach so allem, was wir an Grundauffassungen haben."

    Zugleich kritisierte er die Entstehung der Studie und wies die Kritik der Forschenden zurück, die Landeskirchen hätten zu wenige Daten geliefert.

    Die bayerische Landeskirche habe in kleinteiliger Arbeit alle Meldungen und alle Disziplinarakten untersucht und diese Analyse weitergemeldet, erläuterte Kopp. Von der Forderung, dass alle Landeskirchen auch alle Personalakten hätten sichten sollen, habe man erst am vergangenen Donnerstag erfahren - also erst bei der offiziellen Präsentation der Studie. Vergangenen Freitag hatte Kopp dem Evangelischen Pressedienst (epd) gesagt, für die bayerische Landeskirche belaufe sich die Zahl aller Personalakten auf eine mindestens hohe sechsstellige Summe. Diese zu sichten sei im Erhebungszeitraum schlicht nicht möglich gewesen.

    Am Dienstag betonte Kopp im Münchner Presseclub: In den Gesprächen, "von denen wir Kenntnis hatten" zwischen Forschenden und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sei die Sichtung aller Personalakten nicht angekündigt gewesen. Er selbst habe keine Kenntnis von dem Vertrag zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und den Studienmachern. Er sei daher sehr unglücklich mit dem Vorwurf der Forschenden "des mangelnden Engagements" bei der Durchsicht der Personalakten.

    Kopp gab auch zu bedenken, dass in der Diskussion um die Personalakten aus dem Blick gerate, um was es der Studie eigentlich gehe: nämlich um die Benennung von Risikofaktoren, die sexualisierte Gewalt begünstigten. Bei der Studie sollte es ausdrücklich nicht um Einzelpersonen gehen, erläuterte er. Als Risikofaktoren hatten die Studienmacher etwa die föderale Struktur der evangelischen Kirche ausgemacht.

    Es sei zwar nun eine große Herausforderung, alle Personalakten zu sichten, weil sie in der bayerischen Landeskirche nicht zentral hinterlegt seien. "Aber dem wollen wir uns stellen", betonte Kopp, pochte aber auch auf eine EKD-weite Linie. Man werde sicherlich nicht anfangen, Personalakten zu analysieren, wenn es die anderen Landeskirchen nicht auch machten. Man wisse auch nicht genau, um wie viele Akten es genau gehe. Synodenpräsidentin Annekathrin Preidel sprach am Dienstag von "100.000 Akten oder mehr".

    Die ForuM-Studie hatte Kritik wegen ihrer geringen Datenbasis auf sich gezogen. Die meisten Landeskirchen hatten den Forschern lediglich Disziplinarakten geliefert, aber keine Personalakten. Die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) beauftragte Untersuchung ermittelte für den Zeitraum von 1946 bis 2020 mindestens 2.225 Betroffene und 1.259 mutmaßliche Täter.

    Kopp sieht die evangelische Kirche bereits auf einem guten Weg bei der Aufarbeitung. Die Kirche habe zwar lange gebraucht, "da wurde auch manches falsch gemacht". Aber in den vergangenen Jahren sei in allen Landeskirchen Wesentliches passiert: "Wir haben etwas geschaffen, was sonst keine andere Organisation hat - nämlich eine echte Betroffenenpartizipation mit Entscheidungsgewalt", betonte Kopp. Dennoch müsse man bei der Prävention noch "proaktiver" werden und die Studienergebnisse nun konsequent auswerten.

    Bayerischer Landesbischof Kopp will einheitliche Anerkennungsleistungen und Dunkelfeldstudie

    Freitag, 26. Januar 2024, 09:21 Uhr

    Der bayerische Landesbischof Christian Kopp pocht nach Veröffentlichung der Ergebnisse der ForuM-Missbrauchsstudie auf einheitliche Verfahrenswege und Anerkennungsleistungen in der evangelischen Kirche. Bis zu diesem Herbst sollte in allen 20 evangelischen Landeskirchen bei Meldungen von sexualisierter Gewalt ein einheitliches und transparentes Vorgehen umgesetzt sein, sagte der Landesbischof am Freitag der Evangelischen Funk-Agentur (efa) in München. Zugleich regte er eine Dunkelfeldstudie an und sprach sich für ein staatliches Aufarbeitungsgesetz mit festgeschriebenen Anerkennungsleistungen aus.

    Zum Vorwurf des unzureichenden Datenmaterials sagte Kopp, er könne für die Landeskirche "ausschließen", dass man etwas verheimlichen wolle. Die Forschungsgruppe hatte bei der Präsentation der Studie kritisiert, dass nur eine der beteiligten 20 Landeskirchen Informationen aus Personalakten zur Verfügung gestellt hatte. Man sei schlicht nicht in der Lage gewesen, im Erhebungszeitraum der ForuM-Studie eine mindestens hohe sechsstellige Zahl an Personalakten zu sichten. Man habe sich einvernehmlich mit den Studien-Machern auf Durchsicht der Disziplinarakten geeinigt. Dies sei "schon ein gutes Zahlenmaterial" gewesen, sagte er.

    Im Bayerischen Rundfunk (BR) sagte Kopp am Freitagmorgen, in der bayerischen Landeskirche gebe es inzwischen keine "Kultur des Schweigens" beim Thema sexualisierte Gewalt mehr. Dies sei vielleicht in den 1960er- und 1970er-Jahren so gewesen, dies habe man aber "durchbrochen". Seit 2020 habe die Landeskirche ein Präventionsgesetz, man habe 25 Mitarbeitende, die sich jeden Tag nur mit diesem Thema befassen. Kopp sagte, er wünsche sich auch eine Studie dazu, "was Betroffene in den vergangenen vier Jahren erlebt haben, seit wir unsere Strukturen überarbeitet haben", erläuterte er in der Bayern2-Radiowelt am Morgen.

    Grundsätzlich will Kopp bei der weiteren Aufarbeitung aber nicht so sehr die ermittelten Betroffenen- und Täter-Zahlen in den Blick nehmen, sondern vor allem die spezifisch evangelischen Gründe für Missbrauch. "Wir haben ein Nähe-Thema, ein Macht-Thema und ein Harmonie-Milieu", sagte er der efa. Zudem müsse man sich damit befassen, dass sich die evangelische Kirche in der Vergangenheit vieles schöngeredet habe. Die übliche Kirchenpraxis der Bitte um Vergebung müsse man "zeitnah" überprüfen. Sie war im Rahmen der Studie von vielen Missbrauchsopfern kritisiert worden. Die ForuM-Studie sei ein Start- und kein Endpunkt, sagte Kopp.

    In der am Donnerstag vorgestellten Studie ist von mindestens 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern in Kirche und Diakonie die Rede. Dabei betonten die Forscher, dass dies nur "die Spitze der Spitze des Eisbergs" sei. Nach einer von beteiligten Forschern als "sehr spekulativ" bezeichneten Hochrechnung ergebe sich eine Zahl von mehr als 9.000 Betroffenen bei geschätzt rund 3.500 Beschuldigten. Bislang war nur bekannt, wie viele Betroffene sich bislang an die Landeskirchen gewandt hatten. Laut EKD waren das 858 bundesweit. In Bayern sprach man von etwa 250 Taten zwischen 1917 und 2020.

    "Eckiger Tisch": Staat muss Aufarbeitung von Missbrauch übernehmen

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 16:59 Uhr

    Die Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" dringt nach der Veröffentlichung der evangelischen  ForuM-Studie auf die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in den Kirchen durch den Staat. Entsprechende Aufarbeitungsstrukturen seien lange überfällig, sagte der Sprecher des "Eckigen Tisches", Matthias Katsch, am Donnerstag in Berlin. Er warf der evangelischen Kirche zugleich vor, sich bei der Missbrauchsaufarbeitung jahrelang hinter der katholischen Kirche versteckt zu haben.

    Die Kirchen hätten Schuld und Verantwortung auf sich geladen. "Sie haften nach unserem Grundgesetz von Amts wegen dafür", sagte Katsch. Auf eine erschütternde Studie müsse wirklich Aufklärung und Aufarbeitung folgen. "Es ist Zeit, dass die Opfer angemessen entschädigt werden", forderte der Betroffenenvertreter.

    Kirchentag übernimmt Empfehlungen der Missbrauchsstudie

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 16:56 Uhr

    Der Deutsche Evangelische Kirchentag will Empfehlungen an Kirche und Diakonie der am Donnerstag vorgestellten Missbrauchsstudie übernehmen. Dies gelte für Empfehlungen, die auf den Kirchentag übertragbar seien, erklärte Kirchentags-Generalsekretärin Kristin Jahn am Donnerstag in Fulda. Auch der Kirchentag sei ein Ort für Menschen gewesen, die sexualisierte Gewalt ausgeübt, gedeckt, ermöglicht oder relativiert hätten.

    Das Wirken dieser Personen, soweit es dem Kirchentag bekannt sei und in der Studie benannt ist, werde derzeit an der Universität Greifswald erforscht. Zur Prävention und dem Umgang mit sexualisierter Diskriminierung und Gewalt habe der Kirchentag ein Schutz- und Fürsorgekonzept erarbeitet, sagte Jahn.

    Jahn sagte, die Studie mache das Ausmaß von strukturellem und individuellem Versagen der evangelischen Kirche deutlich. Dieses Versagen aufzuarbeiten und Strategien zur Verhinderung sexualisierter Gewalt zu entwickeln, sei die zentrale Aufgabe, forderte Jahn: "Denn eine Kirche, in der Menschen nicht sicher sind, verfehlt ihre Aufgabe und hat keine Zukunft."

    Betroffene kritisiert früheren EKD-Ratsvorsitzenden Bedford-Strohm

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 16:02 Uhr

    Betroffene von sexualisierter Gewalt haben dem früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, Tatenlosigkeit vorgeworfen. Das Thema "Sexualisierte Gewalt in Kirchen" hätte seit mindestens 2010 bekannt sein können, sagte die Bremer Lehrerin Katharina Kracht am Donnerstag in Hannover bei der Vorstellung der ForuM-Studie über sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche und Diakonie. Der frühere bayerische Landesbischof habe zum Ende seiner EKD-Amtszeit gesagt, dass er sich gewünscht hätte, dass das Thema in der EKD sichtbarer geworden wäre.

    "Für mich ist das ganz typisch: Da stellt sich jemand hin, der sieben Jahre lang in dieser Zeit nach 2010 Ratsvorsitzender war und sagt, "ich hätte mir das gewünscht", kritisierte Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat ForuM-Studie war. Sie habe daher keine Wünsche mehr an die evangelische Kirche, sondern nur noch an staatliche Behörden. Vor allem die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bundesregierung müsse gestärkt werden. Kracht war in den 1980er-Jahren als Jugendliche von einem evangelischen Pfarrer missbraucht worden.

    Bedford-Strohm war von 2014 bis 2021 EKD-Ratsvorsitzender und von 2011 bis 2023 bayerischer Landesbischof. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) etwa hatte er wenige Wochen vor Ende seiner Amtszeit als Ratsvorsitzender im Herbst 2021 gesagt, dass die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen extrem schwer sei. "Auf jeden Fall habe ich das Gefühl, wir haben es nicht immer richtig gemacht." 2010 waren die ersten Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg bekannt geworden. Daraus entwickelte sich der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, der später auch die evangelische erfasste.

    Missbrauchsbetroffene fordern Konsequenzen in evangelischer Kirche

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 14:04 Uhr

    Betroffene sexualisierter Gewalt haben von der evangelischen Kirche Konsequenzen aus den Ergebnissen der umfassenden Studie über sexualisierte Gewalt gefordert. Die Studie zeige, dass der Föderalismus der evangelischen Kirche "ein Grundpfeiler für sexualisierte Gewalt" sei, sagte Detlev Zander, der Betroffenenvertreter im Beteiligungsforum der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist, am Donnerstag bei der Vorstellung der Studienergebnisse in Hannover.

    Die föderale Struktur verhindere Aufarbeitung. Zander forderte eine übergeordnete Stelle: "Es kann nicht sein, dass jede Landeskirche machen kann, was sie möchte."

    Auch Katharina Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat der am Donnerstag vorgestellten Studie war, kritisierte, die EKD sei "eigentlich ein zahnloser Tiger". Sie forderte Unterstützung des Staates bei der Aufarbeitung. "Die Kirche ist für die Betroffenen kein Gegenüber", sagte sie mit Blick auf Ergebnisse der Studie, wonach Betroffene oftmals keine hilfreiche Reaktion der evangelischen Kirche erlebt haben. Benötigt würden externe Stellen, an die sich Betroffene wenden können, sagte Kracht.

    Der interdisziplinäre Forschungsverbund "Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen" (ForuM) hat am Donnerstag seine Ergebnisse vorgestellt. Demnach gab es auch in der evangelischen Kirche und Einrichtungen der Diakonie weit mehr sexualisierte Gewalt als bislang angenommen. Die Studie bescheinigt der evangelischen Kirche zudem spezifische Risikofaktoren und einen mangelhaften Umgang mit Betroffenen in der Vergangenheit. In der föderalen Verfasstheit in 20 Landeskirchen sehen die Forscher ein Hindernis für die Aufarbeitung.

    ForuM-Studie offiziell an EKD übergeben

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 13:39 Uhr

    Die Studie des interdisziplinären Forschungsverbundes "Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen" (ForuM) ist nun offiziell an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) in Person der amtierenden Ratsvorsitzenden, Bischöfin Kirsten Fehrs, übergeben worden. Der Bericht umfasst 870 Seiten.

    Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie.

    Betroffene: Auf die Menschen hinter den Zahlen schauen

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 13:16 Uhr

    Angesichts der vorgestellten Zahlen sagte Katharina Kracht: "Ich bin mir sicher, dass das Narrativ, in der katholischen Kirche habe es mehr Missbrauch gegeben als in der evangelischen, sich nach den Ergebnissen der ForuM-Studie nicht mehr halten lässt." Kracht, die dem früheren Betroffenenbeirat der EKD angehörte und Mitglied im Beirat der am Donnerstag vorgestellten Studie war, hat in ihrem Statement an die Verantwortlichen und die Medien appelliert, auch auf die Menschen hinter den Zahlen zu schauen und ihnen zuzuhören.

    Erste Ergebnisse der Studie: Großes Ausmaß von Missbrauch in evangelischer Kirche

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 12:55 Uhr

    Sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat es in der evangelischen Kirche in größerem Ausmaß gegeben als bislang angenommen. In der ForuM-Missbrauchsstudie eines unabhängigen Forscherteams, die am Donnerstag vorgestellt wird, ist von mindestens 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern die Rede.

    Das sei jedoch nur die "Spitze der Spitze des Eisbergs". Die Forscher entdeckten spezifische Risikofaktoren, die Missbrauch und auch dessen Vertuschung in der evangelischen Kirche und der Diakonie begünstigt haben.

    Hier mehr über die Studie lesen.

    Informationen zur ForuM-Studie: forum-studie.de

    EKD-Ratsvorsitzende Fehrs: "Vom Gesamtbild zutiefst erschüttert"

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 12:42 Uhr

    Die Pressekonferenz zur Vorstellung der ForuM-Missbrauchsstudie hat begonnen. Als erstes spricht die kommissarische Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kirsten Fehrs. Sie sei "zutiefst erschüttert" vom Gesamtbild der Studie. Es habe ein "eklatantes Versagen" der evangelischen Kirche gegeben, Betroffenen von Missbrauch gerecht zu werden. Man nehme die Studie "in Demut" an und stelle sich der Verantwortung für eine Haltungs- und Kulturänderung, die daraus resultiere. "Wir haben uns auch als Institution an unzählig vielen Menschen schuldig gemacht. Und ich kann sie, die sie so verletzt wurden, nur von ganzem Herzen um Entschuldigung bitten", sagte Fehrs.

    EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs spricht bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der ForuM-Studie in Hannover.
    EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs spricht bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der ForuM-Studie in Hannover.

    Landesbischof Kopp: "Sehr wichtiger Tag" für evangelische Kirche

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 11:46 Uhr

    Der bayerische Landesbischof Christian Kopp hat den Veröffentlichungstag der ForuM-Studie als "sehr wichtigen Tag" für die evangelische Kirche bezeichnet. "Wir haben die Forscherinnen und Forscher beauftragt, genau hinzuschauen: Wo sind die blinden Flecken?", sagte Kopp in einem am Donnerstagmorgen in den sozialen Netzwerken veröffentlichten Videobeitrag. Ein unabhängiges Forscherteam stellt an diesem Donnerstag (25. Januar) in Hannover die erste übergreifende Studie zu sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie vor.

    Kopp sagte, die Studie werde Aufschluss darüber geben, wo es im Handeln von Kirche und Diakonie im Bereich sexualisierte Gewalt Dinge gegeben habe, die nicht zielführend gewesen seien. "Wichtig war, die Perspektive der Betroffenen ganz stark zu machen", erläuterte der Landesbischof in dem Beitrag, der in den Netzwerken Facebook und LinkedIn zu sehen ist: "Ich erwarte mir von den Ergebnissen der ForuM-Studie, dass wir noch besser von den Belangen der Betroffenen her denken können und unser organisationales Handeln in Deutschland und in Bayern und auch in der Diakonie daran anpassen können."

    Die ForuM-Studie soll auch erstmals Berechnungen zu bundesweiten Fallzahlen enthalten sowie Analysen über strukturelle Ursachen von sexualisierter Gewalt in der Kirche und der Diakonie seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die EKD hatte das Forschungsprojekt 2020 in Auftrag gegeben. 

    Die bayerische Landeskirche und die ForuM-Missbrauchsstudie

    Donnerstag, 25. Januar 2024, 11:30 Uhr

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    Dani M. am Don, 22.02.2024 - 15:29 Link

    Jetzt also auch noch die ev. Kirche! Das kam für viele wohl doch unerwartet, was mich aber am meisten überrascht ist das Verhalten der ev. Kirche. Ich hätte mehr Mitarbeit bei der Aufklärung und Sanktionierung erwartet. Man hätte vom schlechten Umgang, der, zuvor schon stark in der Kritik gestandenen, kath. Kirche und deren Fehler lernen können. hat man meines Erachtens aber nicht. Ich habe den Eindruck auch die ev. Kirche befindet sich in tiefen Fall und tut nichts um diesen aufzuhalten. Das Mindeste wäre schonungslose Offenlegung aller vorhandenen Unterlagen und ein absolut respektvoller Umgang mit den Opfern. Wäre ich nicht schon ausgetreten, würde ich spätestens jetzt, schon aus Solidarität mit den Opfern, austreten.

    Klaus Spyra am Di, 30.01.2024 - 19:47 Link

    Uns ist allen klar, gerade uns Betroffenen von sex. Gewalt, dass die Missbrauchskrise mit der Veröffentlichung der ForuM-Studie nicht vorbei ist. Weder für uns persönlich noch für die Evang.-Luth. Kirche in Bayern (ELKB).

    Ganz konkret heisst das für mich – und ich weiss für viele hier lesende Betroffene auch:

    Der Diakon, der mich missbraucht hat, und diejenigen, die ihm das ermöglicht haben (uns Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren ihm zugeführt haben), sind dafür bis heute nie zur Verantwortung gezogen worden.
    Die ELKB und die ihr zugeordnete Diakonie, hat gegen meinen Täter, Ermöglicher und Vertuscher gar nicht ermittelt. 2015 habe ich meinen Fall der ELKB angezeigt und anerkannt bekommen. 2018 habe ich nachgefragt, wie es denn mit meinem Fall weiterging. Ist der Täterdiakon nach seinem Fortgang aus meinem Kinderheim in ein anderes Heim gekommen und hat dort weiter vergewaltigen können? Antwort der ELKB, man habe die Akte aus dem Hannoverischen Landeskirchenamt angefordert (von dort kam der Täter als "Sendbruder)", aber leider bis dahin (2018) keine Antwort erhalten. Soviel zum Föderalismus in der EKD. Eine Landeskirche antwortet der anderen nicht.
    Die Redakteurin, die mich für den Bayer. Rundfunk interviewt hat, recherchierte innerhalb einer Woche, dass mein Täter in weiteren Heimen (Plural!) als Heimleiter eingesetzt war. Der Gedanke ist einfach unerträglich.
    Weiter: in o.g. Interview habe ich gesagt, dass ich die Schreie der anderen Kinder gehört habe und ich nicht der einzige Betroffene war.

    Es ist für uns als Betroffene unerträglich, die Diskrepanz zwischen dem Auftreten kirchlicher Akteure in der Öffentlichkeit und ihrem Handeln uns gegenüber auszuhalten. Wir geoutete Betroffene begleiten immer auch andere Betroffene. Wir tun das in der Regel nebenbei, unentgeltlich und manchmal bis an die Grenze unserer eigenen Erschöpfung. Aufgrund meines Fernsehbeitrages haben sich andere Betroffene bei mir gemeldet. Der erste davon war mit mir in derselben Gruppe im Heim. Dessen Kontaktdaten habe ich der ELKB mitgeteilt. Rückmeldung aus München, ob ich denn eine datenschutzrechtliche Einverständniserklärung habe, damit ich dessen Daten entsprechend weitergeben darf? Sieht so Aufklärung aus?

    Und so sehen wir Betroffene permanent, wie die ELKB Tag für Tag routiniert Aufklärung unmöglich macht. Selbstverständlich habe ich sein Einverständnis. Aber doch nicht wir Betroffene müssen aufklären und aufarbeiten, dass muss die Kirche schon selbst machen. Ich erwartete, dass sich jemand Verantwortlicher bei ihm meldet. Aber nichts dergleichen, kein proaktives Zugehen der ELKB auf Betroffene.

    Und so sehen wir permanent, wie die ELKB Tag für Tag routiniert das Leben schwermacht: Betroffene gar nicht antwortet oder sie ewig warten läßt, sie gegen bürokratische Betonwände laufen läßt, sie mit Floskeln abspeist, die manchmal vordergründig und anfänglich freundlich sind, um sie im nächsten Moment abzuweisen, einzuschüchtern und zu retraumatisieren. Wenn es vereinzelt anders läuft, ist das – und das muss ich ganz deutlich sagen – die Ausnahme.

    Missbrauchskrise ist ein Clusterfuck

    Die kirchliche Leitung relativiert und retraumatisiert weiter, während sie zugleich der Öffentlichkeit und dem Kirchenvolk erzählt, dass sich doch vieles inzwischen gebessert habe und dass man jetzt ganz intensiv Prävention betreibe und schonungslos aufkläre – was die Synodalen und die Öffentlichkeit nur allzu gerne hören und glauben wollen. Und wenn sich über einem hohen kirchlichen Funktionsträger doch einmal die dunklen Wolken öffentlicher Empörung zusammenbrauen, dann braucht er nur einmal vor die Kamera treten und "reinen Gewissens" seinen Rücktritt erklären – und die trübe Stimmung verdunstet unter den Sonnenstrahlen allgemeinen Wohlgefallens.
    Um es in einem Wort zu sagen, diese sogenannte Missbrauchskrise ist ein einziger Clusterfuck: eine heillos verfahrene Situation, in der Illusion auf Inkompetenz trifft.

    Den Ernst der Lage begriffen?

    Wir haben ein massives Problem und das ist die Illusion von der Kirche als heiler Welt. Es klingt absurd, aber auch in einer Zeit, in der das Wort "Kirche" fast schon synonym mit dem Wort "Missbrauch" ist, halten viele noch an Illusionen über die Kirche fest. Das sind Illusionen, die wir als Betroffene auch hatten.

    Viele von uns Betroffenen glaubten an die Kirche, auch nach dem Missbrauch noch. Ja, dieser eine Diakon in diesem einzelnen Heim, dieser einzelne Pfarrer, der offiziell die Heimaufsicht innehatte und an dem ich mich hilfesuchend wandte und der mich daraufhin brutal verprügelte, diese einzelne "Tante" die mich meinem Täter zuführte und mich danach abwusch mit den Worten: " O Gott, Klaus, was hast du verbrochen, dass der dich so hergerichtet hat?" (Opfer-Täter-Umkehr), aber wenn die ELKB das erfährt, wenn ich das nach München melde, dann werden die sich kümmern, ermitteln, Gerechtigkeit herstellen… Und auch wenn es in meinem Fall nicht geklappt hat, so können wir doch der Kirche grundsätzlich vertrauen. Es ist nur eine Frage der Zeit bis genug Verantwortliche den Ernst der Lage begriffen haben. Dann werden sie handeln und dann wird am Ende doch noch alles gut. Sie werden das doch nicht so weiterlaufen lassen, bestimmt nicht…

    Diese Hoffnung weicht dann einer stufenweisen und extrem schmerzhaften Desillusionierung. Zuerst mag man nicht glauben, was geschieht, nämlich dass sie gar nichts tun oder dass sie sogar lügen, Betroffene einschüchtern oder verleumden, während sie gleichzeitig vor Kameras und in Mikrofone sagen, dass sie zuerst an die Betroffenen denken und dass sie an ihrer Seite stünden. Mir wird mittlerweile schlecht, wenn ich solche Sätze höre. Ich ertrage es nicht mehr.

    Es wird immer noch schlimmer

    Immer wieder habe ich gedacht: Jetzt habe ich alles gesehen. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Aber es kam dann immer noch schlimmer. Es gibt noch so viel, was noch nicht einmal in der öffentlichen Diskussion über Missbrauch in der ELKB angekommen ist. Ich möchte an dieser Stelle nur auf folgende Problemfelder hinweisen
    Gerne wird in der Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass neben der Anerkennungsleistung auch Therapie- und Kurkosten seitens der ELKB übernommen werden. Auch ich bekam die Zusage der Kostenübernahme von zwanzig Therapiestunden. Ich solle in Vorleistung gehen und die Rechnungen der Therapeutin einreichen. Nachdem ich die Rechnung eingereicht habe, bekomme ich erst lange Zeit keine Antwort, dann dass ich doch schon Anerkennungsleistung im Jahre 2015 bekommen hätte, dann dass meine Rechnung erst nochmal von der Unabhängigen Anerkennungskommission geprüft werden müsse und schließlich, dass ich "mit etwas Glück" mein Geld doch bekommen werde. Ich mag nicht feilschen und betteln müssen. Besser wir erwarten nichts von der ELKB.

    Wenn der Staat es schon versäumt hat, die ForuM-Studie zu finanzieren, um damit wirklich unabhängige Aufklärung zu ermöglichen, so sollte er jetzt doch die Entschädigungszahlungen der Kirche überwachen, die sich an staatl. Gerichtsurteilen (Köln - 300000€) orientieren. Auf das vorbildgebende Verhalten des (mit der EKD verglichen) sehr kleinen Deutschen Schwimmverbandes (DSV) ggü. Jan Hempel (600000€) mag ich hinweisen. Fairness gilt aber (nur?) für Sportler, nicht in der Kirche, die spricht von "Nächstenliebe"...

    Schlimmer kann es nicht mehr kommen?
    Seit 2022 wird geprüft, ob gegen mich ein Disziplinarverfahren eingeleitet werden soll. Leider konfrontiert mich die ELKB dabei mit dem Slang und der Pornosprache meiner Täter. Nun habe ich es schwarz auf weiß unter dem Briefkopf des Landeskirchenamtes, dass "blasen" und "Bläser" offenbar angemessene Kirchensprache ist und somit auch hier in der SZ verwendet werden können. Genau so hat mein Täter gesprochen.

    Missbrauch an Missbrauchte
    Alles ist derart verfahren, dass die ELKB mit mir nur noch über meinen Anwalt kommunizieren will, "was auch in Ihrem Interesse sein dürfte". Welch eine Herablassung. Abgesehen davon, dass mein Anwalt bis heute keine Antwort bekommen hat, wollen Sie, als Vertreterin jener "Organisation", in der mein "Täter, die Ermöglicher und Vertuscher" tätig waren, mir sagen, was gut für mich ist?
    Aus dem Penthouse des Landeskirchenamtes tönt heraus: "In Anbetracht der nicht angemessenen Erwiderungen Ihrerseits... ist für mich die Angelegenheit damit erledigt." Gleich eine doppelte Herablassung: noch immer will die Kirche die Sprache regeln und damit Deutungshoheit bewahren. Sie, Vertreter jener Organisation, in der mein Täter, die Ermöglicher und Vertuscher tätig waren, wollen mir sagen, wann es genug ist. Satis est, Basta. Inhaltlich ging es um die einfache Frage, ob die Geschäftsordnung der Unabhängigen Anerkennungskommission der ELKB eine (Selbst)Verpflichtung oder eine Option der ELKB ist. Oder anders ausgedrückt: kann ich der ELKB weitere Betroffene melden ohne mich dabei wie die "Tante" fühlen zu müssen, die mich meinem Täter zugeführt hat?
    Wenn Betroffene mit Entmächtgungs- und Ohnmachtserfahrungen verbunden sind, dann ist Aufarbeitung gründlich gescheitert.

    Das ist die bittere Wahrheit: Der Kirche fehlt, aller Betroffenheitslyrik und Aufarbeitungsrhetorik, allen Gutachten und Studien zum Trotz, weiterhin die elementarsten Grundlagen, um Missbrauch überhaupt auch nur als solchen zu begreifen.

    Das ist die bitterste Lektion, die ich als Betroffener lernen musste – und fürchte, dass ich damit alleine bin.

    Das ist Teil der Missbrauchskrise:
    Die Illusion von der guten und vertrauenswürdigen Kirche besteht weiter. Trotz Missbrauchskrise oder gerade deswegen. So wie die meisten zuerst nicht wahrhaben wollten, dass evang. Pfarrer und Diakone Kinder missbrauchen und dass die ELKB solche Pfarrer und Diakone weiter einsetzt, wollen sie jetzt nicht wahrhaben, dass das nicht einfach mit der Zeit und ein paar Euros wieder weg geht.
    Wo immer in der Kirche über Missbrauch gesprochen wird, gibt es einen grossen Hunger nach hoffnungsvollen Worten. Mutmachendes wollen die Leute in der Kirche hören, auch und gerade von uns Betroffenen. Aber es genügt als Missbrauchsopfer in der Kirche Gerechtigkeit einzufordern, und man wird schnell von jeder Illusion über die Kirche befreit. Und das mag vielleicht paradox klingen, aber: Das ist sehr befreiend.

    Wir, die Betroffenen, für uns alle gilt: Wer das überlebt hat, was wir überlebt haben, dem macht diese Kirche nichts mehr vor. Wir wissen, was wir gesehen und gehört haben. Wir sehen, dass der Kaiser nackt ist, auch wenn andere noch seine schicken neuen Kleider loben.

    Dabei hätten wir schon lange alle frei von diesen Illusionen sein können. Das Wissen wäre dagewesen. Es gab die warnenden Stimmen, aber sie waren zu wenige und sind über die Jahre marginalisiert worden, während viel zu viele viel zu lange viel zu still waren!

    Viele von uns konnten uns immerhin auf staatliche Strukturen und Hilfesysteme und auf eine unabhängige Presse verlassen, als wir begonnen haben zu sprechen.

    Wir stehen erst am Anfang

    Es hat etwas prophetisches, dass ausgerechnet die Menschen, die die kirchliche Willkür auf die grausamste Weise erfahren haben, die ersten sind, die keine Angst mehr haben. Keine Angst, zu sagen, was war und was ist. Wir wissen, was wir gesehen und erlebt haben. Uns kann man nichts mehr vorgaukeln.

    Ausgerechnet die ohnmächtigsten Menschen in dieser Kirche erweisen ihr den grössten Dienst, weil sie den kirchlichen Funktionsträgern und Gläubigen die entscheidende Lektion in Erinnerung rufen, nämlich die Botschaft von der gottgeschenkten Würde eines jeden einzelnen Menschen.

    Klaus Spyra, Pfr.i.R.
    Schweinfurt