17.07.2016
Christen in der Welt

Kirche in der Ukraine: Lüge und Einschüchterung

Bischöfe sind Leitfiguren kirchlichen Lebens. Sie können eine Kirche prägen und sogar verändern. Dass ein neuer Bischof eine ganze Kirchenorganisation zerstört und an den Rand ihrer Existenz bringt, kommt - zumindest in Europa - selten vor. Doch die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU) erlebt derzeit dieses Schicksal.
Die mit bayerischer Hilfe wieder eingeweihte Paulskirche in Odessa.
Die mit bayerischer Hilfe wieder eingeweihte Paulskirche in Odessa.

Die DELKU ist ein Kind der Wende in Osteuropa. Damals erinnerten sich in der noch jungen Ukraine viele ältere Menschen an ihre Wurzeln in der deutschen Kultur und evangelisch-lutherischen Religion. An vielen Orten gelang es, die spärlichen Reste des Schwarzmeerluthertums zu bündeln und in eine kleine, aber überzeugte Kirchengemeinschaft zu führen, und auch an anderen Orten in der Ukraine entstanden kleine evangelische Gemeinden. Symbolischer Schlussstein der Aufbauarbeit in der Metropole Odessa war die Wiedereinweihung der vormals abgebrannen Paulskirche im April 2010.

Wichtigster Partner dieser evangelischen Renaissance am Schwarzen Meer war die bayerische Landeskirche. Was formell als gleichberechtigte Partnerschaft deklariert war, war in Wirklichkeit Entwicklungshilfe: Die Bayern schickten das Personal inklusive der Bischöfe, sie halfen beim Aufbau einer Organisation und sie gaben das Geld - in summa geschätzte zehn Millionen Euro.

Uland Spahlinger, heute Dekan in Dinkelsbühl, war der letzte Bischof, der anno 2009 per Ausschreibungsverfahren vom Münchner Landeskirchenrat nach Odessa entsendet wurde. Mit Ablauf seiner Amtszeit sollte die DELKU, deren Verkehrssprachen längst Ukrainisch oder Russisch geworden waren, volljährig werden, ihren Bischof in einer ordentlichen Synodalwahl selbst bestimmen und sich wenigstens organisatorisch auf eigene Beine stellen.

Bischof Serge Maschewski.
Bischof Serge Maschewski.

Teil 1 des Plans gelang. Die Synodalen aus 31 Gemeinden wählten mit 27 zu 24 den Pfarrer von Dnepropetrovsk, den gebürtigen Kasachen Serge Maschewski, zum neuen Bischof. Maschewski hat ebenso wie der unterlegene Bewerber, der damalige Pfarrer von Odessa, Andreas Hamburg, einen russlanddeutschen biografischen Hintergrund. Vor der Synode trat er als geistlicher Hirte mit gesunder Distanz zur nicht überall geliebten Kirchenzentrale in Odessa auf. "Maschewski hat sich sehr gut präsentiert", weiß Ulrich Zenker, Ökumene-Referent der bayerischen Landeskirche, der besuchsweise an der Synode teilnahm.

Doch schon in den Wochen nach der Wahl zeichneten sich schwerwiegende Verwerfungen ab. Vor der Wahl hatte es Gerüchte gegeben, Maschewski habe Alkohol- und Drogenprobleme. Bei seiner Vorstellung von einem Synodalen daraufhin angesprochen, antwortete Maschewski nach der Erinnerung mehrerer Zeugen: "Ich habe nur ein einziges Problem mit Alkohol, nämlich immer dann, wenn Betrunkene leere Flaschen über den Zaun unseres Kirchengrundstücks in Dnepopetrovsk werfen."

Nun aber tauchte in der ersten Sitzung der Kirchenleitung nach der Wahl das Vernehmungsprotokoll eines Rettungssanitäters auf, der Maschewski "in betrunkenem Zustand" in einem kirchlichen Gebäude in Dnepropetrovsk vorgefunden hatte - dokumentiert per Dienstbuch, schriftlich hinterlegter Erklärung und Video der Zeugenaussage.

Pfarrer Andreas Hamburg, heute Pfarrer in Thierstein.
Pfarrer Andreas Hamburg, heute Pfarrer in Thierstein.

Maschewski, zu der Sitzung als designierter Bischof als Zuhörer geladen, reagierte mit vorgehaltenem Diktafon und mit beißender Schärfe: "Keine sachlichen Aussagen, nur Bedrohungen und Beleidigungen", erinnert sich Pfarrer Ralf Haska, damals als Pfarrer der Katharinengemeinde in Kiew Mitglied der Kirchenleitung und heute Pfarrer im oberfränkischen Marktleuthen. Drei Mitglieder der Kirchenleitung erklärten mit sofortiger Wirkung ihren Rücktritt. "Nicht der Alkohol, sondern der Vertrauensverlust war das Hauptproblem", unterstreicht Haska: "Denn da zeigte sich, dass er die Synode belogen hatte."

Eine vertrauensärztliche Untersuchung in Bayern bestätigte laut Oberkirchenrat Michael Martin (Interview) die Alkoholkrankheit zumindest nicht. Maschewskis Kritiker bedrängten dennoch den amtierenden Bischof Spahlinger, die für Februar 2014 geplante Amtseinführung auszusetzen - etwa durch Suspendierung Maschewskis als DELKU-Pfarrer. Dafür, sagt Spahlinger heute, habe es aber kein ausreichende Handhabe gegeben: "Die Beweislage war zu unsicher."

Stattdessen fasste Spahlinger die Lage aus seiner Sicht in einer eidesstattlichen Erklärung zusammen, die er in der Kirchenkanzlei in Odessa hinterlegte. Von dort gelangte sie unter ungeklärten Umständen an die Öffentlichkeit.

So wurde also Serge Maschewski im Februar 2014 im Beisein mehrerer osteuopäischer Bischöfe in Odessa zum neuen DELKU-Bischof eingesegnet. Zu seinen ersten Amtshandlungen zählte nach Erinnerung von Pfarrer Andreas Hamburg, inzwischen im oberfränkischen Thierstein gelandet, eine Anweisung an alle DELKU-Pfarrer, ihre Arbeitszeit stundengenau zu dokumentieren. Manche hätten das noch humorvoll genommen und sogar minutengenau Stundenpläne geliefert.

Alexander Gross vor der Kirche in Petrodolina.
Alexander Gross vor der Kirche in Petrodolina.

Nun begann das, was Maschewskis Kritiker in Deutschland und in der Ukraine als "Säuberung" bezeichnen.

Maschewski wechselte zunächst alle Schlüssel, dann das gesamte 15-köpfige Personal der DELKU-Kanzlei in Odessa aus, darunter den langjährigen Finanzchef Juri Beidelsbacher. Seiner Kritiker Haska und Hamburg entledigte sich der neue Bischof, indem er die Verlängerung der Entsendungsverträge aus Deutschland hintertrieb. Vor allem im Fall Haskas spielte Maschewski dabei offenbar mit harten Bandagen: Obwohl die EKD, die die Pfarrstelle in Kiew finanziert, der Verlängerung ausdrücklich zugestimmt hatte, erklärte der Bischof vor der Kirchenleitung das Gegenteil. Als bei der nächsten Synode ein EKD-Vertreter in einem Grußwort unterbrachte, man habe Haska ja gerne weiterhin in Kiew belassen wollen, waren Kirchenleitungsmitglieder wie der frühere DELKU-Synodalpräsident Alexander Groß konsterniert.

Groß wollte 2014 auf eine andere Stelle wechseln. Maschewski entließ ihn - ohne ihn jedoch auf der anderen Stelle einzustellen. Auf die Begründung wartet Groß bis heute. Maschewski habe ihm nur geschrieben: "Ich will es so." Die Gemeinde in Novogradowka wurde von Maschewski exkommuniziert, gegen die Gemeinde in Petrodolina klagt der Bischof auf Herausgabe aller Immobilien. Die internationale Bibelschule, die Groß mit westlicher Unterstützung von seinem Pfarrhaus in Petrodolina geführt hatte, wurde inzwischen geschlossen. Derzeit übt Groß das Pastorenamt weiter aus, wird aber von den Gemeinden direkt bezahlt.

Maschewski drang mit Gefolgsleuten in das Kirchengebäude ein

In Odessa erhob Maschewski im Zusammenhang mit dem Betrieb des "Deutschen Zentrums" Korruptionsvorwürfe gegen Mitarbeiter, die er auch auf die bayerische Partnerkirche ausweitete. Im Juli 2015 erklärte der Landeskirchenrat in München daraufhin die Partnerschaft für beendet; bestehende Gemeindepartnerschaften sollen aber weitergehen.

Die Paulskirche von Odessa und nebenan die Kirchenkanzlei.
Die Paulskirche von Odessa und nebenan die Kirchenkanzlei.

Fast unglaublich ist die Geschichte, die sich nach den von der dortigen Kirchengemeinde im Gemeindebrief publizierten Zeugenaussagen am 2. Adventssonntag 2015 in Kiew abspielte: Maschewski drang dort in den Morgenstunden mit einigen Gefolgsleuten in das Kirchengebäude ein, ließ den Küster Alexander Prokoptschyk festsetzen und durchsuchte die Amtsräume der Gemeinde, möglicherweise auf der Suche nach dem Dienstsiegel. Er hatte vorgehabt, den inzwischen von der EKD entsandten Pfarrer Hans-Ulrich Schäfer zu suspendieren und durch einen anderen Geistlichen zu ersetzen. Als Schäfer den regulären Sonntagsgottesdienst hielt, wurde er von Maschewski und seinen Anhängern immer wieder unterbrochen. Vor der Kirche skandierte eine Gruppe junger Männer "Ukrainische Kirchen für Ukrainer".

Entsetzt vom Vorgehen des Oberhirten erklärte die Katharinengemeinde in Kiew, die zahlenmäßig größte DELKU-Gemeinde, ihren Austritt aus der DELKU. Schäfer, von Maschewski über Monate massiv unter Druck gesetzt, starb im März bei einer Tagung von EKD-Auslandspfarrern in Prag an Herzversagen. "Er war gesund. So jemand hat nicht einfach einen Herzinfarkt. Er ist wegen des großen Stresses gestorben", sagte die Kiewer Prädikantin Tatjana Terjoschina der Mecklenburgischen und Pommerschen Kirchenzeitung.

"Maschewski hat ein diktatorisches System installiert, das mit lutherischem Kirchenverständnis nichts zu tun hat", fasst Ex-Bischof Spahlinger zusammen. Die DELKU, inzwischen von 31 auf 20 Gemeinden geschrumpft, zeige inzwischen alle Anzeichen einer Sekte - Alleinvertretungsanspruch eines Einzelnen, Drohung statt Diskurs, Abschottung nach außen. Maschewskis Regime sei auf Lüge und Einschüchterung gebaut, sagt auch Ralf Haska. Es entspreche einer weitverbreiteten postsozialistischen Mentalität. Ulrich Zenker äußert sich etwas vorsichtiger, aber auch eindeutig: "Maschewski fehlt die Kraft zu versöhnen." Dies sei aber seine wichtigste Aufgabe als Bischof. Stattdessen gelte das Prinzip: "Wer Fragen stellt, wird ausgeschlossen."

»Ein Festeburg ist unser Gott«: Lutherrose in der Kirchenkanzlei von Odessa.
»Ein Festeburg ist unser Gott«: Lutherrose in der Kirchenkanzlei von Odessa.

Das Sonntagsblatt hat auch Bischof Serge Maschewski um eine Stellungnahme gebeten. Eine entsprechende Anfrage blieb aber unbeantwortet. Die Website der DELKU ist seit kurzem abgeschaltet.

Die deutschen Partnerkirchen halten sich zurück, offenbar, um den Anruch von Einmischung aus Deutschland zu vermeiden. Den einzigen Hebel halte die DELKU-Synode in der Hand, sagt Spahlinger. Sie kann nach geltendem Recht ihrem Bischof das Mandat entziehen. Der hat den Braten aber gerochen und hatte bereits bei der letzten Synode einen privaten Wachdienst engagiert, der einzelnen Synodalen den Zutritt zur Tagung verweigerte.

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