29.12.2019
Theologie

Neue Debatte um Hans-Meiser-Straße in Bayreuth

Warum die Debatte um einen Straßennamen in Bayreuth wieder aufgeflammt ist.
Landesbischof Hans Meiser auf dem Balkon des Münchner Landeskirchenamt (1934).
»Charakter eines Volksaufstandes«: Münchner Protestanten solidarisieren sich mit dem von den Nationalsozialisten bedrängten Landesbischof Hans Meiser und versammeln sich am 16. September 1934 vor dem Münchner Landeskirchenamt. Meiser tritt auf den Balkon und spricht zur versammelten Menge.

Nach rund zehn Jahren ist in Bayreuth die Diskussion um die Hans-Meiser-Straße - benannt nach dem umstrittenen ersten bayerischen Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) - neu aufgeflammt. Mit Hinweis auf die deutlichen antisemitischen Äußerungen Meisers hat die Fraktion der Grünen und Unabhängigen im Stadtrat jetzt einen weiteren Anlauf unternommen, die Straße nach dem 1945 ermordeten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer umzuwidmen.

Einen entsprechenden Antrag der Fraktion hatte der Bayreuther Stadtrat 2010 noch abgelehnt. Zuvor waren die Meiserstraßen in Nürnberg und München nach teils erbittert geführten öffentlichen Auseinandersetzungen umbenannt worden.

Angestoßen wurde die jüngste Debatte in Bayreuth durch einen pensionierten Richter, der in einem Leserbrief in der Lokalzeitung "Nordbayerischer Kurier" Ende November die Haltung des Landesbischofs vor und während der nationalsozialistischen Diktatur scharf kritisiert hatte und damit eine Reihe weiterer Leser-Reaktionen auslöste. Meiser habe "seine jüdischen Mitbürger herabgesetzt, geschmäht und diffamiert" und seine Äußerungen nie zurückgenommen, schrieb der Richter. Wenn eine Stadt heute noch einen Antisemiten mit der Widmung einer Straße ehre, zeige sie, "dass sie keine Konsequenzen aus der Vergangenheit ziehen will und dass sie nach wie vor Antisemitismus und Rassismus verharmlost".

In die Debatte hat sich jetzt auch die Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner eingeschaltet. Gerade angesichts einer gegenwärtig schleichenden Zunahme menschenverachtender und judenfeindlicher Haltungen in der Gesellschaft solle die Diskussion um den Straßennamen "differenziert und nicht reißerisch" geführt werden, sagte sie in einer Weihnachtspredigt in der Bayreuther Stadtkirche. Auch wenn einige Aussagen Meisers zu den Juden "unerträglich und völlig abzulehnen" seien, könne man "einen Bischof, der 1934 von den Nazis unter Hausarrest gestellt wurde und das Leben von über hundert nicht arischen Christen rettete, heute nicht einfach als Nazi verurteilen".

Die Regionalbischöfin bekräftigte, sich dafür einzusetzen, dass die weitere Auseinandersetzung "mit Würde und wissenschaftlicher Expertise" geschehe: "Raum für solche Diskussion brauchen wir dringend, weil wir dem Rechtspopulismus und erst recht dem Rechtsextremismus keinen Raum gönnen dürfen."

Die Bayreuther Grünen-Fraktion verweist in ihrem aktuellen Antrag auf das "Wiedererstarken von Antisemitismus und Rassismus bis hinein in Parlamente und Kommunalvertretungen". Es wäre ein Zeichen einer angemessenen Erinnerungskultur in Bayreuth, den Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer anstelle des Meisers zu ehren. Für eine solche Umbenennung hatte sich 2007 auch die Israelitische Kultusgemeinde Bayreuth ausgesprochen. Der damalige Bayreuther Regionalbischof Wilfried Beyhl wertete eine Umwidmung dagegen als "kein geeignetes Mittel zur Vergangenheitsbewältigung".

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Barmer Erklärung

Menschen
Autor
Die Barmer Erklärung ist eine Ausnahmeerscheinung. In einer kirchenpolitischen Extremsituation machte sie die Stimme der Bekennenden Kirche gegen den Nationalsozialismus hörbar. Zugleich weist sie weit über ihre Zeit hinaus und kann auch heute zum Stein des Anstoßes für eine Kirche werden, die sich neu auf ihre Sache und ihre Mitte ausrichten will.

Umgang mit der Vergangenheit

Evangelische Marktkirche in Hannover
Der Marahrensweg in Hannover braucht einen neuen Namen, empfohl ein Beirat der niedersächsischen Stadt im vergangenen Herbst. Sein Namensgeber, der frühere evangelische Landesbischof August Marahrens, habe eine zu große Nähe zum NS-Staat gehabt. Eine Bürgerinitiative will die Umbenennung verhindern. Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es vor Jahren bereits in Nürnberg und München.