Die Evangelische Kirche in Deutschland hat ein neues Grundsatzpapier vorgelegt, Vorsitzender des Redaktionsteams ist der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm. Im Interview spricht er über den langen Weg zu diesem Papier, den innerkirchlichen Streit um Waffenlieferungen – und warum die evangelische Kirche kein Lehramt hat.
Herr Anselm, was war der entscheidende Impuls für die EKD, 18 Jahre nach der Friedensdenkschrift von 2007 eine neue Denkschrift vorzulegen?
Reiner Anselm: Natürlich hat der Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 eine wichtige Rolle gespielt. Dennoch würde ich eher von einem Weg der Entscheidung als von einem konkreten Impuls reden – auch wenn das sehr "kirchisch" klingt. Denn die Diskussion um die Interpretation der Denkschrift von 2007, die Debatten, die mit Margot Käßmanns "Nichts ist gut in Afghanistan" und dem entsprechenden EKD-Papier zum Afghanistaneinsatz ausgelöst wurden, haben allmählich immer deutlicher werden lassen, dass es an der Zeit ist, ein neues Grundsatzpapier zur Friedensethik zu erarbeiten. Dazu kamen die vielfältigen, durchaus kontroversen Überlegungen auf und nach der EKD-Synode in Dresden 2019.
Aber gerade jetzt ist das Thema hochaktuell.
Dass es in einer Zeit veröffentlicht wird, in der der Friede so fragil erscheint wie schon lange nicht mehr, in der es auch realistisch ist, dass sich gerade junge Menschen wieder sehr konkret mit der Frage des Dienstes mit der Waffe beschäftigen müssen, hat uns als Verfasserinnen und Verfasser aber schon motiviert, es so zu schreiben, dass es bei der persönlichen Urteilsfindung helfen kann – und zwar über die sich ja sehr schnell ändernden tagespolitischen Ereignisse hinweg.
"Die evangelische Ethik und der evangelische Glaube sind schon so selbstbewusst, dass sie den Anspruch erheben, andere zu orientieren"
In vielen Punkten – Waffenlieferungen, Atomwaffen, Wehrdienst - wirkt die Denkschrift anschlussfähig an die Sicherheitspolitik der aktuellen Bundesregierung. Ist das Zufall oder Absicht?
Ohne auf die in der Frage liegenden kritischen Untertöne nach dem Zeitgeist oder der Staatshörigkeit einzugehen: Die evangelische Ethik und der evangelische Glaube sind schon so selbstbewusst, dass sie den Anspruch erheben, andere zu orientieren. Leitend war auch für uns die in der Barmer Theologischen Erklärung festgehaltene Überzeugung, dass Christus Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben Damit muss vom Evangelium her eine Ethik entwickelt werden. Wenn die Positionen der aktuellen Bundesregierung dem in einigen Punkten entsprechen, dann ist das erfreulich und zeigt vielleicht auch, dass die Kraft der evangelischen Ethik nicht so gering einzuschätzen ist, wie es manchmal scheint. Im Übrigen ist die Konzeption der Denkschrift und ihre Positionierung zu den einzelnen Fragen bereits erfolgt, ehe die jetzige Bundesregierung überhaupt im Amt war. Aber ganz im Ernst: Zeigt das nicht, dass es durchaus in unserer Gesellschaft möglich ist, auf der Basis einer differenzierten Argumentation zu Positionen zu gelangen, die mehrheitlich getragen werden können? Ich finde, das ist als ein Beitrag zu einer friedlichen Gesellschaft gar nicht hoch genug einzuschätzen und sollte eigens gewürdigt werden.
"Ein christlicher Pazifismus", heißt es, "ist als allgemeine politische Theorie ethisch nicht zu begründen". Haben Sie in der Vorbereitung der Denkschrift dafür Gegenwind von den kirchlichen Friedensgruppen bekommen?
Den hätten wir sicher bekommen, wenn das in der Denkschrift so stünde. Denn in der Denkschrift heißt es: "Als universale politische Ethik lässt sich der Pazifismus des kategorischen Gewaltverzichts ethisch nicht legitimieren". Radikaler Pazifismus ist tief verankert in der christlichen Tradition und stellt auch ein wichtiges Zeichen dar – nämlich sich trotz der Einsicht, dass Sünde und Gewalt Teil dieser erlösungsbedürftigen Welt sind, nicht dazu hinreißen zu lassen, selbst nur in den Kategorien Gewalt, Gegnerschaft und Macht zu denken.
Wo gelangt diese Haltung an ihre Grenzen?
Und doch muss ein Gemeinwesen die Sicherheit derer garantieren, die auf dem eigenen Territorium leben. Es ist gerade auch ethisch ein unerträglicher Gedanke, dass dem, der angegriffen und bedroht wird, niemand zur Seite steht. Hier kann Gewalt nötig sein, im Inneren wie auch im Äußeren – nämlich dann, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Aber, und so sehe ich das Zeichen des Pazifismus: Jeder, der Gewalt zum Schutz anderer anwendet, muss sich zu jeder Zeit fragen, ob dieser Schritt der Überwindung der Gewalt dient oder im Gegenteil zu weiterer Eskalation führt. Ich will aber nicht verhehlen, dass ich mitunter schon erstaunt war und bin, mit welcher Aggression Positionen gerade in manchen Kreisen der kirchlichen Friedensgruppen vertreten werden – bis hin zur Verbreitung von unrichtigen oder zumindest missverständlichen Unterstellungen.
Es heißt, der Friedensbeauftragte der EKD habe darauf gedrängt, dem Pazifismus in der neuen Denkschrift mehr Raum zu geben – sei damit im Rat aber überstimmt worden. Warum hat sich die Mehrheit anders entschieden?
Das ist eine nette Legendenbildung, die der Wahrheit nicht entspricht. Die konzeptionellen Entscheidungen sind im Redaktionsteam, nicht im Rat der EKD gefallen, der sich dann nach kleineren Kurskorrekturen, die in das Papier eingeflossen sind, mit großer Zustimmung das Papier als Denkschrift zu eigen gemacht hat. Eine entsprechende Intervention des Friedensbeauftragten hat es dabei nicht gegeben. Es gehört aber leider auch zu den etwas irritierenden Erfahrungen, dass manche eher auf eigene Rechnung handeln als im Dienst der ganzen Kirche.
"Jede Christin und jeder Christ muss für sich selbst eine Position zu dieser schwierigen Frage bilden, die er vor sich und seinem Gewissen sowie vor anderen verantworten kann"
In der Ukraine-Frage gehen die Meinungen in der Kirche weit auseinander. Der Friedensbeauftragte lehnt Waffenlieferungen strikt ab, die Denkschrift plädiert für Einzelfallabwägung. Was gilt nun?
Der Protestantismus kennt bekanntlich kein Lehramt, auch nicht in ethischen Dingen. Und die Denkschrift versteht sich ganz ausdrücklich schon in ihrem ersten Absatz als Beitrag zur Schärfung ethischer Urteilskraft. Jede Christin und jeder Christ muss für sich selbst eine Position zu dieser schwierigen Frage bilden, die er vor sich und seinem Gewissen sowie vor anderen verantworten kann. Dazu gehört, sich möglichst gut zu informieren und abzuwägen. Dazu will die Denkschrift einen Beitrag leisten. Die Kirche dient dieser Urteilsbildung, sie dekretiert sie nicht – sonst wäre es im Übrigen auch keine ethisch verantwortliche Entscheidung, für die jemand gegebenenfalls auch zur Rechenschaft gezogen werden kann. Für die konkrete Frage denke ich, dass die Denkschrift gute Argumente dafür liefert, warum eine solche Einzelfallabwägung notwendig ist und es keine pauschalen Aussagen geben sollte. Darüber hinaus bietet sie auch noch Kriterien, um eine solche Abwägung verantwortlich und im Horizont christlicher Friedensverantwortung zu treffen.
Die "Anerkennung kultureller Vielfalt" (so die Formulierung der Denkschrift von 2007) wird in dieser Denkschrift als "friedensfördernder Umgang mit Pluralität" neu gefasst. Nun wird festgehalten, dass Pluralität friedensgefährdend sein kann, nämlich wenn Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen demokratische Grundordnungen untergraben, ausgrenzen oder feindliche Weltbilder stärken. An wen haben Sie dabei gedacht? An Rechtsradikalismus? An Islamismus?
Wir haben grundsätzlich an alle gedacht, die die Freiheiten missbrauchen, die eine pluralistische Gesellschaft zur friedlichen Entfaltung für alle bietet, um diese Ordnung in Frage zu stellen oder gar die eigene kulturelle Identität zum Vorwand für Ausgrenzung, Hass und Gewalt verwenden. Leider wächst in ganz verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, aber auch weltweit die Zahl derer, die dies tun.
Wie sollte sich die Kirche künftig in sicherheitspolitische Debatten einbringen – prophetisch warnend, dialogisch vermittelnd oder politisch beratend?
Der viel zitierte Satz Richard von Weizsäckers gilt nach wie vor: Kirche soll nicht Politik machen, sondern Politik möglich machen. Ich würde ihn ergänzen: Sie soll verantwortliche Politik möglich machen, und das heißt, sie soll dazu beitragen, dass ethisch belastbare Entscheidungen möglich werden, Entscheidungen also, für die sich überzeugende Gründe angeben lassen. Dass diese sich rechtfertigen müssen vor den Überzeugungen und der Tradition des evangelischen Glaubens, ist für die evangelische Kirche selbstverständlich. Ihr Auftrag ist es, beides, die Tradition und die Überzeugungen, so für die Situation der Gegenwart zu formulieren, dass sie den Einzelnen helfen, sich in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Positionen eine Meinung zu bilden, damit sie verantwortlich entscheiden können. Ich bin überzeugt, dass uns das mit der neuen Friedensdenkschrift gelungen ist.
"Christliche Hoffnung ist kein anderes Wort für fromme Wünsche"
Am Ende steht der Satz: "Die Kirche spricht von Hoffnung." Was heißt das in einer Welt, die gerade so viel Hoffnung verliert?
Christliche Hoffnung ist kein anderes Wort für fromme Wünsche. Manche wünschen sich derzeit von der Kirche mehr Wärme und Hoffnungsgeschichten zwischen all der Nüchternheit und der vielerorts wahrnehmbaren Krisenstimmung. Die Denkschrift aber möchte eine andere Form von Hoffnung vermitteln. Nicht eine Hoffnung, die die Schattenseiten der Welt ignoriert und sich in eine Gegenwelt flüchten möchte, sondern eine Hoffnung, die die Welt aushält. Darum beginnt sie mit der Einsicht in die Sündhaftigkeit des Menschen und endet mit dem Vertrauen, dass Gottes Friede trotz allem möglich bleibt.