Bayerische Landessynode
Leistungsdruck und Unsicherheit prägen gerade in Corona-Zeiten die Gesellschaft aus Betty Mehrers Sicht. Die bayerische Landessynodale findet: Kirche darf nicht darauf warten, dass die Menschen ihre Einladung annehmen. Welche Veränderungen sich daraus ergeben, beschreibt sie im Kurzinterview mit sonntagsblatt.de.
Betty Mehrer
Die ELKB-Synodale Betty Mehrer

Welche Themen bewegen Sie persönlich und warum?

Mehrer: Ich nehme in der Gesellschaft einen hohen Grad an Verunsicherung wahr. Politik ist so kompliziert geworden, dass manche Menschen einfachen Antworten lieber glauben als sich der Komplexität zu stellen.
Die psychische und physische Belastung gerade der mittleren Generation ist enorm, in Arbeit, Familie, Freizeiterwartungen, Lebensstandard und so weiter. Viele Menschen halten diesem Leistungsdruck nicht mehr stand, trauen aber auch den alten Werten wie Religion, Nachbarschaft, einfachem Leben nicht mehr oder wagen nicht, aus der Spirale auszusteigen.
Sehr froh bin ich, dass die alten Menschen aus meinem Arbeitsumfeld die Corona-Zeit bisher gut überstanden haben und psychisch eine große Festigkeit und Stärke gezeigt haben. Und nun sind sie einfach glücklich, dass ihr Leben wieder einigermaßen normal weiter geht.

Woran hapert/mangelt es in der Organisation Kirche am meisten?

Mehrer: Immer noch stelle ich eine starke Versäulung innerhalb der kirchlichen Verwaltungsstruktur fest. Hier das Personal, dort die Immobilien, dann die Finanzen und so weiter. Ich würde mir wünschen, dass mehr pragmatische Lösungen für Probleme gefunden werden, ohne dass dazu drei Gesetze und fünf Verordnungen geändert werden müssen.
Kirche ist in ihren Verwaltungsstrukturen eine Behörde, die unter der Schwerfälligkeit auch leidet. Sicher können wir nicht zur ersten Stunde der Kirche zurückkehren, aber etwas mehr Eigenverantwortung für die jeweiligen Einheiten würde manches beschleunigen und auch erleichtern.

Wie bewerten Sie das Thema "Digitalisierung" im Bereich von Kirche und Diakonie?

Mehrer: Auch Kirche und Diakonie werden an der Digitalisierung nicht vorbeikommen. Digitalisierung muss aber immer Mittel zum Zweck und nicht Inhalt sein. Ein Chat-Forum zum Thema Glauben ersetzt niemals die persönliche Begegnung mit anderen Menschen.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Kirche ein: Wo stehen wir in zehn Jahren?

Mehrer: Wir werden in größere Verwaltungseinheiten gegliedert sein. Nicht jede Kirchengemeinde wird eigene Körperschaft bleiben, sondern es werden in gelingender Arbeitsteilung Hauptamtliche und Ehrenamtliche entsprechend ihrer Fähigkeiten und Wünschen zusammenarbeiten.
Kirche wird sich viel mehr im öffentlichen Raum in der Mitte der Gesellschaft abspielen. Wir bauen derzeit in meiner Heimatgemeinde unser Gemeindehaus in großer Beteiligung aller Menschen der Stadtgesellschaft zu einem Begegnungszentrum um, das offen ist für alle Gruppen in der Gesellschaft. Gottesdienst in der herkömmlichen Form bleibt als Ort der Stärkung und Vergewisserung bestehen, wird aber nur ein Element unter vielen sein und wird auch nicht den großen Zeitumfang bei den Hauptamtlichen einnehmen wie bisher. Andere Begegnungs- und Beteiligungsformen werden an Bedeutung zunehmen.

Betty Mehrer

Betty Mehrer kommt aus Mittelfranken. Sie ist verheiratet und hat drei Kinder und zwei Enkelkinder. Die ausgebildete Auslandskorrespondentin und Übersetzerin ist heute als Gemeinwesenarbeiterin tätig, vorwiegend im Bereich der kommunalen Seniorenarbeit.
Seit mehr als drei Amtsperioden ist Betty Mehrer Mitglied der Landessynode als Vertreterin des Dekanats Bad Tölz und war lange Zeit Sprecherin der Offenen Kirche.

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