Für Kunstfreunde ist München ein Schlaraffenland: Über 80 Museen und mehr als 40 Theater locken mit ihren Angeboten. Trotz dieser Übermacht behauptet sich seit 1990 die Reihe "Bild und Botschaft" mit ihrem Nischenprogramm: Einmal im Monat stellen wechselnde Experten Gemälde aus den Münchner Pinakotheken vor - oft mit biblischem Bezug.

Erfolgreiches Format

Das Konzept ist seit über 30 Jahren ein Dauerbrenner: Bis zu 250 Zuhörerinnen und Zuhörer lauschen pro Termin den Fragen von Geschichtsbezug, Bildaufbau und Maltechnik.

Der flämische Künstler Bartholomäus Spranger und sein um 1581 entstandenes Gemälde "Angelica und Medoro" stehen an diesem Abend im Juli im Mittelpunkt. Während sich der Hörsaal C123 in der Ludwig-Maximilians-Universität langsam füllt, gibt es im Foyer noch größere Szenen von Wiedersehensfreude der oft weißhaarigen Stammgäste. Über hundert Kulturbeflissene sind, den sommerlichen Temperaturen zum Trotz, gekommen, um sich von Florian Mehltretter, Professor für italienische Literaturwissenschaft, und der Kunstgeschichtsprofessorin Christine Tauber die Geheimnisse des fast 500 Jahre alten Bilds entschlüsseln zu lassen.

Die Geschichte hinter den Bildern

Denn alte Gemälde "lesen" zu können, ist für Museumsgäste heute nicht mehr selbstverständlich. Welche mythologischen Anspielungen verstecken sich in der Darstellung der zwei leichtbekleideten Liebenden? Was hat das Ganze mit dem Genre des Ritterromans zu tun? Und warum wählte der Maler ausgerechnet dieses Motiv?

Die letzte Frage ist schnell geklärt: Spranger bewarb sich mit "Angelica und Medoro" am Prager Hof, dessen Regent eine Schwäche für erotische Motive hatte. Das Kalkül des flämischen Malers ging auf: Sein Bild gefiel - und er bekam die ersehnte Festanstellung auf Lebenszeit.

Bilder mit biblischem Bezug zugänglich machen

Ausgedacht hat sich "Bild und Botschaft" Friedrich August von Metzsch, Protestant und Mitglied des Johanniter-Ordens, im Jahr 1990, um Menschen einen neuen Zugang zu Bildern mit biblischen Themen zu eröffnen und Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Martin Bogdahn, von 1990 bis 2001 Regionalbischof im Kirchenkreis München, erinnert sich, dass "die Vorträge etwas waren, was man sich als informierter Christ angedeihen lässt".

Er leitete die Reihe über ein Jahrzehnt und wirkte daran mit, sie für ein breiteres Publikum zu öffnen. Als Theologen habe ihn immer wieder überrascht, "wie gut die Maler den biblischen Text kannten und durchdrangen". Viele Bilder seien ihm durch "Bild und Botschaft" zu "Freunden" geworden.

Nach der Vorlesung pilgert rund ein Drittel der Anwesenden noch zum Original von "Angelica und Medoro" in der Alten Pinakothek. Die beiden Referenten kommen mit, für den informellen Austausch über das Gemälde im Speziellen und die Kunst im Allgemeinen. Ein Honorar bekommen die Professoren dafür nicht, sie tun es

"für die Ehre und um vor einem großen Publikum zu sprechen",

erklärt Martin Bogdahn.

Mythologische Themen kommen hinzu

Sein Nachfolger im Amt des Organisators, der emeritierte Theologieprofessor Christoph Levin, hat das Spektrum der Reihe erweitert. Rein biblische Themen hingen manchem nach mehr als 30 Jahren "zum Hals raus", findet der Alttestamentler.

Deshalb rückt Levin mythologische Motive in den Vordergrund und schließt auch andere Themen nicht kategorisch aus. Manche Idee bringen die Referenten selber mit - zu ihnen zählen Wissenschaftler genauso wie die Volontärinnen der Alten Pinakothek, die einen der nächsten Termine bestreiten.

Die Planungen laufen immer ein Semester im Voraus und ein Ende der Reihe ist nicht in Sicht. Vor der Corona-Pandemie seien rund 250 Menschen pro Termin gekommen; zu diesen alten Höhen wollen Levin und sein Team zurück.

Das Erfolgsmodell von "Bild und Botschaft" ist sogar ein Exportschlager: In Leipzig und Dresden gibt es einmal im Quartal eine gleichnamige Reihe. Und wer am biblischen Bilderstudium Gefallen findet, kann sich die dreibändige Bildband-Reihe aus dem Museumsshop mit nach Hause nehmen.

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