Buchtipp
Wurde über Richard Wagner nicht schon genug geschrieben? Nein: Der US-Musikjournalist Alex Ross widmet sich in seinem Buch "Die Welt nach Wagner" der weltweiten Rezeption des Komponisten. Und entwickelt daraus eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Alex Ross - Die Welt nach Wagner

Alex Ross geht in "Die Welt nach Wagner" chronologisch vor. Die rund 800 Seiten starten mit dem Tod Wagners in Venedig und der internationalen Rezeption als großen Verlust. Die enge Verbindung und der spätere Bruch mit einem anderen Genie dieser Epoche, Friedrich Nietzsche, werden noch einmal beleuchtet.

Richard Wagners Musik löst wilde Spiegelbilder aus

Aus der in intellektuellen Kreisen stark rezipierten Auseinandersetzung dieser zwei und einer Mischung aus Trauer und Ratlosigkeit über den Tod Wagners entstehen schon zum Ende des Jahrhunderts teils wilde Spiegelbilder von Wagners Kunst in unterschiedlichsten Fakultäten: Charles Baudelaire, James Joyce, Virginia Woolf und Marcel Proust arbeiten sich in der Literatur an Wagner-Motiven ab, Renoir in der bildenden Kunst. Wagners Werk schwappt auch in theosophische bis esoterische Kreisen, die in europäischen Ländern und in den USA aufkommen. Auch in Russland besinnt man sich auf die Strahlkraft der Musik. In der Medizin versucht man mit Klängen aus "Ring" und "Tristan" Menschen zu hypnotisieren, in der Psychoanalyse heilsam einzusetzen.

In Deutschland zeigt der Autor die Nachwehen des Einflusses Wagners auf das Kaiserreich und das Fin de siécle auf, geht auf die "Münchener Moderne" und die Brüder Heinrich und Thomas Mann ein. Schon damals wird Wagners offensichtliche Judenfeindlichkeit ambivalent gesehen – einerseits kritisiert, andererseits sogar von jüdischen Künstlerinnen akzeptiert. Ross, selbst schwul, verschweigt auch nicht die homophoben Äußerungen Wagners, beschreibt aber gleichzeitig verwundert, dass Wagner auch gerade in homosexuellen Kreisen seine (Kunst-)Liebhaber fand.

Bomberangriff zum "Walkürenritt"

Im Ersten Weltkrieg wird der "Walkürenritt" bei Bomberflügen eingesetzt, deren Flugzeuge oft Namen aus Wagner-Opern tragen, während in Bayreuth Houston Stewart Chamberlain, Gatte von Tochter Eva Wagner, seinen Einfluss mit völkisch verbrämten Schriften geltend macht. Jetzt taucht auch erstmals ein gewisser Adolf Hitler auf, verliebt sich in Wagners Frühwerk "Rienzi" und versucht, die noch leeren Reihen des Festspielhauses mit Freikarten für seine Parteifreunde zu füllen, die aber lieber Operetten hören als fünf Stunden schwere Opernkost. Der hier einsetzenden "Hitlerisierung Wagners", die bis heute ihre Blüten in immer wiederkehrender Gleichsetzung des Größenwahns der Nazis und des Größenwahns des Komponisten treibt, gibt Alex Ross breiten Raum in seinem Buch und klärt viele Zusammenhänge auf.

Der Blick geht weiter in die Rezeption Wagners im neuen Medium Film: Von "Birth of a Nation" bis "Apocalypse now", von Charlie Chaplins "Der große Diktator" zu Fritz Langs "Nibelungen", über Tolkiens "Herr der Ringe" bis zur Star-Wars-Saga bis zur Entdeckung der Rheingold-Musik als ökologisches Wunsch-Motiv bei Terrence Malick – Wagner begleitet seit über 100 Jahren die Filmschaffenden weltweit. Kein Wunder, zeigte sich doch die Bayreuther Bühne schon früh als cineastisches Experimentierfeld, von dem aus Impulse ausgingen.

Wagners Religiösität

Ross versucht auch Wagners Religiosität auf den Grund zu gehen, was immer scheitern muss, da dieser seinen Protestantismus nie offen ausgelebt hat. Dafür aber vom "Fliegenden Holländer" bis zum "Parsifal" immer wieder "Erlöseropern" geschrieben hat. Das Kirchliche liegt ihm fern, das spirituelle und freigeistige im besten lutherischen Sinn aber schon. Immerhin musste aber seine zweite (katholische) Frau Cosima vor der Hochzeit konvertieren.

Wie versöhnt man sich mit einem solchen Künstler wie Richard Wagner, der wie sein Gönner Ludwig II ein "ewig Rätsel" zu bleiben scheint, der die einen so verzückt und inspiriert hat und den andere für so viel Unheil – teils zurecht – verantwortlich macht? Gar nicht. Aber es geht Alex Ross auch nicht um Vergebung, sondern um eine Erkenntnis, die er in seinem Nachwort so formuliert:

"Am Ende muss uns die Unmöglichkeit einer klaren moralischen Einordnung zu einer ehrlichen Einschätzung über die Rolle der Kunst in der Welt führen. Wenn wir Wagner betrachten, sehen wir in einen Vergrößerungsspiegel der menschlichen Seele."

Die Welt nach Wagner. Ein deutscher Künstler und sein Einfluss auf die Moderne

Alex Ross

Ein Standardwerk über den großen Komponisten - von einem der angesehensten Musikkritiker der USA. Beginnend mit dem Tod Wagners erzählt Alex Ross, was für uns zur Gegenwart geworden ist: Wir leben und sehen die Welt seit Wagner mit seinen Augen, seine Themen und Szenen prägen auch heute noch unser gesellschaftliches Bühnenbild. Wagner ist für Ross ein deutsches Drama, das sich aus der Wirklichkeit, aber auch aus dem Wahn speist. Sein Buch ist eine eindrucksvolle Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, durchzogen von dem Erbe Richard Wagners - der widersprüchlich war, ungreifbar, vielleicht sogar unvollendet. Nur so ist auch seine Musik und sein Nachleben in Deutschland zu verstehen: Wir sind noch immer Wagner.

Verlag: ‎ Rowohlt

Seitenzahl: ‎ 912 Seiten

ISBN: 3498001858, EAN: 978-3498001858

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Haus Wahnfried
"Hier wo mein Wähnen Frieden fand - Wahnfried - sei dieses Haus von mir benannt." Mit diesem Satzn auf den Lippen hat Richard Wagner 1874 seine Bayreuther Villa bezogen.

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