1700 Jahre Judentum in Deutschland
Ist eine Trennung zwischen "jüdischer" und "deutscher" Musik sinnvoll? Natürlich nicht, wie das Projekt "From Jewish Life" des frisch gegründeten Vereins "Dialoge: Wort & Musik" beweist. In Konzerten mit Erzählungen, wie sie in diesen Wochen in der Nürnberger Marthakirche stattfinden, wird deutlich, dass dieser Unterschied historisch gemacht wurde. Und erfahrbar, welche musikalischen Schätze gerade entdeckt werden, wenn solche Denkbarrieren fallen.
Lorenz Trottmann am Piano, Cellistin Stefanie Waegner und der Autor und Rezitator Michael Herrschel in St. Martha Nürnberg.

Es war auch ein bisschen "Hilfe zur Selbsthilfe" mit im Spiel, als der Nürnberger Musiker Lorenz Trottmann und der Nürnberger Autor und Rezitator Michael Herrschel mit Gleichgesinnten den neuen Musikverein gründeten. Ein spontan anberaumtes Konzert im geräumigen Pfarrgarten der Christkönig-Kirche "auf der Schwand" im Westen Fürths war im vergangenen Jahr die Initialzündung eines kulturellen Neustarts nach dem ersten Lockdown. Der Verein hat sich laut Satzung "die Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Künsten, insbesondere zwischen Literatur und Musik, sowie die Förderung der Volksbildung" zum Ziel gesetzt. In Konzerten sollen neue und unbekannte Werke vorgestellt werden. "Der Akzent liegt auf der Verbindung von Musik und Literatur, plus Informationen zu spannenden Geschichts-Themen, von lokal bis international", meint Herrschel.

Zum Jubiläum "1700 Jahre Judentum in Deutschland"

"From Jewish Life" ist das erste, größere Projekt des kleinen Teams, das Festjahr "321 - 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" bietet 2021 den geeigneten Rahmen. Dabei werden auch jüdische Kunst-Entdeckungen gemacht und zum Klingen gebracht. Die Wenigsten wissen wohl, dass der Komponist der DDR-Nationalhymne, Hanns Eisler, Jude war – vielleicht auch, weil dieser seine Herkunft im Regime nicht weiter thematisierte. Felix Mendelssohn Bartholdy zum Beispiel kennen Musikliebhaber, die Werke seiner vier Jahre älteren Schwester Fanny aber nur wenige. "Die beiden wurden schon als Kinder protestantisch getauft, hatten aber zeitlebens unter Ressentiments wegen ihrer jüdischen Herkunft zu leiden", sagt Michael Herrschel, der bei "From Jewish Life" den Part des Erzählers übernimmt. Wie Lorenz Trottmann am Piano und die aus Erlangen stammende Cellistin Stefanie Waegner kürzlich in St. Martha hören ließen, steht die Schwester in kompositorischer Hinsicht dem berühmten Bruder in nichts nach.

Von jüdischem Leben

Der schweizerisch-amerikanische Komponist Ernest Bloch (1880 – 1959) gab der Konzertreihe mit seinem Werk "From Jewish Life" 1925 den Namen. 45 Jahre zuvor hatte der Protestant Max Bruch ein "Kol Nidrei", ein jüdisches Versöhnungsritual komponiert. Werke der sich an der Schwelle zwischen Spätromantik und Moderne bewegenden Kölner Komponistin Maria Herz (1878 – 1950), die zwei Mal aus Deutschland emigrierte, hat Trottmann wieder entdeckt und führt sie teilweise erstmals wieder auf.

Wichtig ist ihm das erste Wort des Vereinsnamens, "Dialog": "Im Lied treffen seit Menschengedenken Sprache und Klang aufeinander, ergänzen sich. Wir wollen diese Symbiose fördern, um das Verständnis sowohl für das Wort als auch für die Musik zu vertiefen", erklärt Trottmann. Es gebe rare Kostbarkeiten, die unentdeckt an einem vorüber gehen, weil man sie vielleicht nicht versteht, sowie faszinierende Geschichten über Kunst, sogar in kleinsten Werken.

Weitere Konzerte in Nürnberg und Fürth

Beim dritten Kammerkonzert werden jeweils um 18.30 Uhr und 20.15 Uhr in der Marthakirche Nürnberg Werke von Gustav Mahler, Franz Schreker oder Erich Wolfgang Korngold aufgeführt, die für die Blüte deutsch-jüdischer Musik um 1900 stehen. Es musiziert ein junges Ensemble bestehend aus Sandra Bazail Chávez (Klarinette), Samuel Hartung (Horn), Franziska Kiesel (Violine), Hanna Hesse (Violoncello) und Lorenz Trottmann (Klavier). Als literarischer Partner des Ensembles begleitet der Autor und Rezitator Michael Herrschel durch den Abend. Das Konzert sollte eigentlich am 02. August stattfinden, muss aber jetzt wegen Krankheit verschoben werden. Der genaue Termin ist noch nicht bekannt.

Und auch bei "Kultur im Pfarrgarten" geht es in den kommenden Wochen "auf der Schwand" in Fürth weiter. Unter anderem am 7. August mit der Fürther Dekanatskantorin Sirka Schwartz-Uppendieck und Chansons und Balladen von Kurt Weill, bis zum 11. September, wenn der junge Beethoven und seine revolutionären Gedanken in einem Konzert thematisiert werden.

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