27. Mai 2021
Inklusion

Leichte Sprache: Was sich dahinter verbirgt - und warum sich die "Offene Behindertenarbeit" München dafür einsetzt

Die Leichte Sprache hilft vielen Menschen im Alltag. Deshalb fördert sie die Offene Behindertenarbeit (OBA) im Dekanat München.
Sitzender Mann mit aufgeschlagenem Buch

Steuererklärung und Rentenbescheid: Tom Rausch hat selbst schon Erfahrung mit Schwerer und Leichter Sprache gemacht. "Manchmal frag ich mich, ob ich mit so einem Brief extra zum Anwalt muss?", sagt er. Tom Rausch ist Diakon und Sozialwirt und leitet seit sieben Jahren die Offene Behindertenarbeit in München, kurz OBA. Rausch ist überzeugt:

"Alle profitieren, wenn Texte einfacher geschrieben sind."

Das findet auch Andreas Preuss. Der 58-Jährige arbeitet in den Schleißheimer Werkstätten vom Augustinum. Als Vorsitzender im Werkstatt-Rat vertritt er über 200 Mitarbeiter. Preuß hat eine Lernbehinderung. Er sagt: "Info-Blätter in Leichter Sprache sind bei uns in den Werkstätten wichtig für Arbeitsabläufe." Auch bei Umfragen lohnt sich die Übersetzung. "Man bekommt dann mehr Antworten", weiß der Münchner, der in seiner Freizeit beim Café-Team der OBA mitmacht.

Aber Leichte Sprache kann ganz schön schwer sein. "Die meisten von uns sind es gewohnt, Dinge möglichst kompliziert darzustellen", sagt OBA-Leiter Rausch. Leichte Sprache folgt festen Regeln. Ein Satz hat sieben Wörter. Jeder Satz hat nur eine Aussage. Fremdwörter sind nicht erlaubt, oder sie müssen erklärt werden. Die Schrift ist 12 Punkt oder größer. Konjunktiv und Genitiv, Abkürzungen, Jahreszahlen und Redewendungen: Das alles soll man vermeiden. Und ganz wichtig:

"Jeder Text in Leichter Sprache muss von Menschen mit Behinderung geprüft werden!"

...sagt Anna Hofstetter (Name geändert).

Hofstetter ist Stammgast bei der OBA, Prüferin für Leichte Sprache und außerdem Mitglied im Behindertenbeirat der Stadt München. Dort setzt sie sich in den Arbeitskreisen Frauen, Tourismus und Mobilität ein. Aber selbst da ist Leichte Sprache nicht selbstverständlich. "In den Sitzungen sind Rollstuhlfahrer, Blinde und Hörbehinderte", sagt sie. Jedem ist klar, was diese Menschen brauchen. Aber was Menschen mit Lernbehinderung hilft, wissen viele nicht. "Es heißt dann schnell: "Stell dich nicht so an!"", sagt Anna Hofstetter.

Dabei hilft Leichte Sprache nicht nur Menschen wie Anna Hofstetter und Andreas Preuss. "Auch Menschen mit Demenz, Analphabeten oder Migranten sind auf einfache Sprache angewiesen", sagt Elke Schmidt. Sie kümmert sich bei der OBA um den Bereich Leichte Sprache. Elke Schmidt und Tom Rausch sind keine Träumer: "Leichte Sprache eignet sich nicht für jeden Text", sagen sie. Leicht zu schreiben benötigt viel Platz. Verzwickte Themen lassen sich mit Leichter Sprache schwer erklären. Selbst die Festschrift "50 Jahre OBA" ist nicht in Leichter Sprache verfasst, sondern in Einfacher Sprache. Da darf jeder Satz 15 Wörter und einen Nebensatz haben. Gängige Fremdwörter sind erlaubt und die Schrift kann kleiner sein.

Rausch kritisiert: Kaum Gemeindebriefe in Leichter Sprache

Aber zwölf Jahre nach der UN-Behindertenrechtskonvention sollten alle Behörden "dabei sein, Texte in Leichter und Einfacher Sprache zu erstellen", sagt Rausch. Und weil er Diakon ist, hat er auch einen Wunsch an die Kirchen. Denn Leichte Sprache ist in vielen Gemeindebriefen noch kein Thema. Und auch das Evangelium und die Predigt im Gottesdienst sind oft schwer verständlich. "Da wünsche ich mir eine Übersetzung", sagt Tom Rausch.

So bleibt für die OBA auch 50 Jahre nach ihrer Gründung noch genug zu tun. Ganz oben steht politische Bildung und Teilhabe. "Menschen mit Behinderung können und wollen sich selbst vertreten in den Gremien der Stadt", sagt Tom Rausch. Und zwar nicht nur im Behindertenbeirat, sondern im Bezirksausschuss oder im Kreisjugendring. Dafür richtet die OBA mithilfe der "Aktion Mensch" bald eine Stelle ein, um Menschen mit Lernbehinderung für die Politik zu schulen.

Und die OBA will die Gesellschaft weiterentwickeln. "Damit es uns als Spezialagentur nicht mehr braucht", sagt Tom Rausch. Vor 50 Jahren mussten die OBA-Gründer eigene Strukturen erfinden, damit Menschen mit Behinderung einen Platz für Begegnung, Austausch, Sport und Freizeit bekommen. Auf Dauer will Tom Rausch solche "Parallelstrukturen" wieder abschaffen. "Wie wäre es denn, wenn wir alle gemeinsam im Sportverein um die Ecke trainieren?", fragt er. Bis es soweit ist, bleibt die OBA eine Anlaufstelle für Menschen mit und ohne Behinderung.

Leichte und Einfache Sprache: Was ist das?

LEICHTE SPRACHE: Texte in Leichter Sprache haben kurze Sätze. Lange Wörter werden durch einen Binde-strich oder einen Medio•punkt getrennt. Fremdwörter kommen nicht vor oder werden erklärt. Passende Bilder erläutern den Text. Die Schrift ist groß. Artikel sind übersichtlich. Das "Netzwerk Leichte Sprache" hat die Regeln hier zusammengefasst.

EINFACHE SPRACHE: Für Einfache Sprache gibt es keine festen Regeln. So wird ein Text besser verständlich: Sätze haben höchstens einen Nebensatz. Übliche Fremdwörter aus der Alltagssprache sind erlaubt, andere werden erklärt. Der Text ist durch Absätze und Überschriften übersichtlich gestaltet.

INFOS IN EINFACHER SPRACHE: Der Deutschlandfunk macht seit fast zehn Jahren Nachrichten in Einfacher Sprache. Es gibt unter dem Titel "Nachrichtenleicht" einen Podcast und eine Hörfunksendung. Immer mehr Menschen nutzen dieses Angebot, sagt der Deutschlandfunk: Wer Lernschwierigkeiten hat, wenig Deutsch spricht, nicht gut lesen kann oder eine Krankheit wie Demenz hat. Oder wer schwierige Sachen gern mal einfach erklärt haben will.

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