3.10.2019
Familienplanung und Weltbevölkerung

Entwicklungshelfer: "200 Millionen Paare wollen Verhütungsmittel"

Eine Gruppe ehemaliger Entwicklungshelfer, Theologen und Ärzte aus Würzburg sieht vor allem eine Ursache für die Explosion der Weltbevölkerung: die fehlende Familienplanung. Der evangelische Pfarrer Werner Schindelin und die beiden früheren Mitarbeiter des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, Dieter Ehrhardt und Rainer Rosenbaum, haben mit weiteren Experten als "Gruppe Schindelin" ein Forderungspapier an Politik und Bevölkerung verfasst. Im Interview berichten sie Details.
Verhütungsmittel fehlen in Afrika

Worum geht es Ihnen mit diesem mehrseitigen Papier zur Weltbevölkerung eigentlich?

Schindelin: Wir haben mehrere Forderungen an die Politik, die wir zum einen öffentlich bekanntmachen und dadurch ein Bewusstsein für das Problem in der breiten Bevölkerung schaffen wollen.

Und wie lauten Ihre Forderungen konkret?

Rosenbaum: Es gibt einen zentralen Angelpunkt, um den sich beim Thema Weltbevölkerung aber auch im Bereich Migration alles dreht: Familienplanung, also, die fehlende Familienplanung. Aktuell wächst auf dem ärmsten Kontinent der Welt die Bevölkerung am stärksten...

... also sehen Sie im Bevölkerungswachstum Afrikas eine der Hauptfluchtursachen?

Rosenbaum: Ja, da muss man nur einen Blick auf die Zahlen werfen, um zu erkennen, dass da ein direkter Zusammenhang besteht. Alleine in Afrika wird sich die Bevölkerung in den kommenden 30 Jahren von heute mit rund 1,3 Milliarden Menschen bis 2050 etwa verdoppeln.

Es geht in erster Linie darum, in allen Ländern ein möglichst menschenwürdiges Leben für alle zu schaffen.

Was sind Ihre Beweggründe? Warum verfassen Sie so ein Papier? Wollen Sie die Menschheit vor sich selbst retten?

Schindelin: Wir wollen auf eine seit Jahrzehnten bestehende, falsche Entwicklungspolitik hinweisen. Jeder entwicklungspolitische Ansatz wird ad absurdum geführt, wenn die Bevölkerung in einem Land geradezu explodiert. Es gibt schließlich nicht unendlich viele Ressourcen.

Ehrhardt: Es geht in erster Linie darum, in allen Ländern ein möglichst menschenwürdiges Leben für alle zu schaffen. Das aber geht nur, wenn die Menschheit sich mit Blick auf die realistischen Ressourcen in den jeweiligen Ländern vermehrt.

Sie fordern Familienplanungs-Programme, die Verhütungsmittel als zentrales Element haben. Und sie setzen dabei auf Freiwilligkeit?

Rosenbaum: Die Verfasser dieses Papiers sind allesamt Christen und haben ein christlich geprägtes Menschenbild. Schon von daher kommt für uns Zwang als Instrument nicht infrage. Es ist ein Menschenrecht, selbst zu bestimmen, wie viele Kinder man hat. Aber dieses Recht wird auch beschnitten, wenn man nicht wie gewollt verhüten kann!

Ehrhardt: Es gibt in den Entwicklungsländern nach neuesten Erhebungen 200 Millionen Paare, die sich Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln wünschen. Wenn man allein das erst einmal in die Tat umsetzen würde, hätte das eine enorme Sogwirkung auf viele derer, die bislang zögerlich sind.

Viele Entwicklungspolitiker sind der Meinung, dass es nicht zuerst auf Verhütungsmittel ankommt, sondern zuerst auf Bildungsprogramme für Frauen...

Ehrhardt: ... und das ist ziemlich großer Unsinn, wie die Erfahrung lehrt. Als Beispiel:

In der Karibik ist ein Familienplanungs-Programm als Regionalprojekt durchgeführt worden, bei dem gratis nach Wunsch verschiedene Verhütungsmittel verteilt und die Krankenschwestern und Hebammen in der Beratung darüber fortgebildet wurden. In zehn Jahren sank die Geburtenrate von vier auf zwei Kinder - ohne jedes Frauenbildungsprogramm.

In einem religiös geprägten Land würde so ein Programm vermutlich am Veto der Religionsvertreter scheitern, oder?

Ehrhardt: Da hat der einheimische Politiker Viravaidya Mechai mit dem Schlachtruf "Kondome, Kondome, Kondome" geschafft, dass die Zahl der Kinder in 30 Jahren von sieben auf unter zwei zurückging. Oder schauen Sie nach Iran. Dort liegt die Geburtenrate unter der Regenerationsquote. Religiöse Verankerungen in einem Land stehen der Familienplanung nicht automatisch entgegen.

Wie soll denn ein solches Familienplanungs-Programm vor Ort etwa in den afrikanischen Ländern umgesetzt werden?

Schindelin: Viele Hilfsorganisationen betreiben in Entwicklungsländern Gesundheitsstationen, etwa die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe DAHW. Wenn die sich bereiterklären würden, kostenlos zur Verfügung gestellte Verhütungsmittel zu verteilen, wäre das ein wichtiger Anfang. Ohne oder gegen die jeweiligen Regierungen geht das freilich nicht.

Herr Schindelin, Sie sind evangelischer Pfarrer - welche Rolle könnten die lutherischen Kirchen weltweit hierbei spielen?

Schindelin: Theologisch hat sich da in den vergangenen Jahrzehnten viel getan. Das, was der Vatikan propagiert, nämlich, dass es nur eine "natürliche" Familienplanung ohne Verhütungsmittel geben darf, gibt es so im evangelischen Spektrum kaum noch. Gleichwohl wünsche ich mir in diesem Bereich auch von meiner Kirche viel mehr Engagement.

Das heißt? Fordern Sie ein Zehn-Millionen-Kondome Programm, finanziert von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)?

Schindelin: Ja, natürlich sollte die EKD so ein Programm aufstellen: Entwicklungshilfe, Mission und Familienplanung.

Ich finde es gut und richtig, dass die EKD ein Rettungsschiff im Mittelmeer mit finanzieren will. Konsequenterweise müsste man dann auch die Fluchtursachen als Kirche bekämpfen - und das ist als erstes die Überbevölkerung mit all ihren Folgen wie Mangel an Nahrungsmitteln und Arbeitsplätzen.

In Ihrem Papier fordern Sie einen Weltbevölkerungsrat - was genau soll ein weiteres internationales Gremium bringen?

Rosenbaum: Ein Weltbevölkerungsrat wäre sicher nicht das allein Seligmachende in dieser Debatte - aber er könnte doch ein wichtiges Puzzlestück sein. Man könnte Druck auf Regierungen ausüben...

... nicht mal die Generalversammlung der Vereinten Nationen kann echten Druck auf die Mitglieder des Sicherheitsrates ausüben...

Rosenbaum: Ja, aber wir dürfen doch - gerade als Christen - nicht immer nur so fatalistisch denken. Man kann doch ein Projekt nicht nur angehen, wenn man von vornherein sicher ist, dass es auch gelingt. Und vor allem geht es uns erst einmal darum, auf die Problematik aufmerksam zu machen. Bei keinem Familienplanungsprojekt in aller Welt beruhte der Erfolg auf vorausgegangenen Frauenbildungsprojekten.

Fatalistisch ist aber zumindest auch ihre Sicht auf die deutsche Entwicklungspolitik. Da läuft Ihnen zufolge ja quasi alles falsch...

Schindelin: Zumindest vieles.

Rosenbaum: CSU-Entwicklungsminister Gerd Müller sagt laufend, dass er die Fluchtursachen bekämpfen will. Die zentrale Fluchtursache aber, die Überbevölkerung Afrikas, die lässt er ganz bewusst außen vor. Und das, obwohl die Zahl der Straßenkinder und Hungertoten stetig steigt.

Ehrhardt: Woher seine Abneigung gegen Familienplanung kommt, das weiß der Himmel. Er sieht die Bildung für Frauen als zentrales Element. Aber noch einmal: Bei keinem Familienplanungsprojekt in aller Welt beruhte der Erfolg auf vorausgegangenen Frauenbildungsprojekten.

Ein solches Programm mit kostenlosen Verhütungsmitteln für einen ganzen Kontinent - wäre das nicht vor allem Bevormundung?

Rosenbaum: Man kann alles falsch verstehen wollen, klar. Aber heute geht es in der Entwicklungshilfe doch immer um "Hilfe zur Selbsthilfe". Im Prinzip ist aber doch auch ein Familienplanungs-Programm genau das. Wenn die Bevölkerung nicht weiter unkontrolliert wächst, hilft das allen.

In vielen Entwicklungsländern werden Kinder aber ja auch als Altersvorsorge betrachtet...

Schindelin: Genau deshalb ist eine funktionierende Altersvorsorge in Entwicklungs- und Schwellenländern auch eine unserer Forderungen.

Rosenbaum: Und selbst wenn es diese nicht gibt:

Man kann den Menschen auch so erklären, dass mehr Kinder nicht bedeuten, dass man im Alter besser versorgt ist. Denn man muss diese Kinder auch erst einmal großziehen, sie jahrelang ernähren, durchbringen. Das zehrt ja auch an möglichen Ressourcen und Rücklagen.

Sie fordern "die Vertreter aller Religionsgesellschaften" zu einer gemeinsamen Position bei der Familienplanung auf. Ist das nicht naiv?

Schindelin: Ja, das mag auf den ersten Blick naiv klingen, ist es aber nicht. Es liegt immer an den einzelnen religiösen Führern, wie sie zu diesem Thema stehen. Und es gibt da weltweit auch Fortschrittliche.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Entwicklungshilfe

Dürre in Ostafrika: Kinder in Uganda
Um Fluchtursachen zu vermeiden, engagiert sich die bayerische evangelische Landeskirche in Afrika und im Irak. Seit Jahren unterstützt sie ihre dortigen Partner, damit Menschen in Not nicht die gefährliche Flucht in Richtung Europa antreten, sondern zu Hause eine Existenzgrundlage haben und in ihren Heimatländern bleiben können.

Bayerische Landeskirche

Autor
Warum verlassen Menschen ihre Heimat? Oberkirchenrat Michael Martin, in der bayerischen Landeskirche zuständig für den Bereich Flucht und Asyl, spricht im Interview über die Ursachen und erklärt, was unser Umgang mit Lebensmitteln und die deutschen Rüstungsexporte damit zu tun haben.