Spielwarenherstellung
Wie ein Plüschtier oder ein Steckspiel hergestellt wurden, interessiert immer mehr Verbraucher - auch zu Weihnachten. In Fabriken in Asien gibt es oft unwürdige Arbeitsbedingungen. Eine Organisation kämpft für ein Siegel für faires Spielzeug.
motor-loop

Ob ein Bauklotz mit ungefährlicher Farbe angestrichen ist, wird vom TÜV kontrolliert. Die Leiterin des Kinderhauses DigiMINTKids in Amberg, Brigitte Netta, aber will auch noch wissen, ob das Spielzeug, das sie für ihre Einrichtung anschafft, nachhaltig ist und fair produziert wurde. Sie wolle nicht für jeden einzelnen Einkauf aufwendig recherchieren, ob sie etwas mit gutem Gewissen bestellen kann, sagt sie.

Ein Nachweis-Siegel würde nicht nur ihr Orientierung geben, sondern auch "Großeltern, die wollen, dass Kinder in einer lebenswerten Gesellschaft aufwachsen", ist Netta überzeugt.

"Fair Toys Organisation"

Für Kleidung, Lebensmittel, sogar für Fußbälle gibt es bereits Zertifizierungen, an denen man ablesen kann, ob ein Produkt sozial- und umweltverträglich hergestellt wird. Dass dies auch in der Spielzeugbranche transparenter wird, möchte die Unternehmerin Hannah Paffen aus Weißensberg bei Lindau erreichen, die Spielzeug online verkauft.

Sie ist deshalb bei der Stakeholder Initiative "Fair Toys Organisation" (FTO) mit eingestiegen. Paffen sagt, nachhaltiges Wirtschaften sollte eine Selbstverständlichkeit sein. "Das sollte man aus gesundem Menschenverstand tun."

Die "Fair Toys Organisation", die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert wird, will sichtbar machen, ob ein Spielzeug fair und ökologisch hergestellt wurde. Langfristiges Ziel sei ein glaubwürdiges Qualitätssiegel, sagt Geschäftsführer Steffen Kircher. In der Bundesrepublik gebe es 650 Spielzeughersteller, die im Jahr einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro machen.

Arbeitsbedingungen in der Branche

Ein Hauptproblem in der Branche ist, dass in Asien 70 bis 80 Prozent der Spielwaren in der Hauptproduktionszeit von Juni bis August gefertigt werden. Die Waren sollen rechtzeitig zum Weihnachtsfest in den Handel gelangen können, erklärt Kircher. "Entsprechend viele Überstunden fallen an, es sind harte Arbeitsbedingungen." Zudem sind die Lieferketten wegen eines Sub-Sub-Sub-Unternehmertums intransparent, und viele wollen am Gewinn beteiligt werden.

Jedes Jahr erscheint der Toys Report im Auftrag der Christlichen Initiative Romero und berichtet von unwürdigen Arbeitsbedingungen in Fabriken in Asien. In diesem Jahr nennt der Report zum Beispiel zwei Betriebe in Dongguan City, in denen unter anderem Spielzeug für Mattel, Chicco und Fisher-price hergestellt wird.

Bis zu 112 Überstunden hätten die Arbeiterinnen und Arbeiter dort pro Monat geleistet, Vorarbeiter wendeten psychische Gewalt an, es wurden Fälle von sexueller Belästigung beobachtet. Mangelhafter Arbeitsschutz und unzureichende Maßnahmen gegen die Pandemieeindämmung stehen auch auf der Mängelliste.

Verdeckte Ermittlungen bei der Spielwarenherstellung

Die verdeckte Ermittlerin, die in einer Mattel-eigenen Fabrik schuftete, habe eine so hohe Quote erfüllen müssen, dass ihr Arm schmerzte, wenn sie ihn berührte. "Vor lauter Erschöpfung musste ich weinen", schreibt sie in dem Bericht. "Die beschämenden Arbeitsbedingungen sind den Unternehmen seit Jahren bekannt.

Geändert hat sich jedoch kaum etwas", kritisiert Jürgen Bergmann vom evangelischen Partnerschaftszentrum Mission EineWelt. Zertifizierungsmaßnahmen der Branche selbst würden weitgehend wirkungslos bleiben.

Barbara Fehn-Drahnfeld, die für ihre Firma in Neustadt bei Coburg vor allem Plüschtiere herstellen lässt, arbeitet mit zwölf Herstellern in China zusammen. "Für die lege ich meine Hand ins Feuer", sagt sie, dort würden anständige Löhne bezahlt, gebe es keine überlangen Arbeitszeiten, die Arbeitsplätze seien gesund und sicher. "Nicht alles aus China ist billig, es gibt auch Ordentliches", stellt Fehn-Drahnfeld fest. Aber schwarze Schafe machten den Ruf der Branche kaputt, ärgert sie sich. Sie selbst bestellt ihre Ware bei den Zulieferern so früh wie möglich, damit die chinesischen Partner nicht unter Druck gerieten.

Die Produktion zeitlich zu entzerren ist eines der Ziele der Multistakeholder-Initiative FTO, der sowohl Unternehmen als auch Vertreter der Zivilgesellschaft angehören. Die Firma Tiny Hazel von Hannah Paffen, die Evangelische Jugend Nürnberg, der Hersteller Fischertechnik oder das Nürnberger Menschenrechtszentrum sind unter den inzwischen über 20 Mitgliedern.

Die Verantwortung der Konsumenten

"Ich würde mir wünschen, der Konsument interessiert sich bei Spielzeug mehr für die Herstellung", sagt Fehn-Drahnfeld, die auch Gründungsmitglied von FTO ist. Hannah Paffen jedoch stellt fest, dass das Interesse daran wächst, ob Umwelt- und soziale Standards bei der Herstellung einer Puppe oder eines anderen Spielzeugs eingehalten wurden. Deswegen stelle sie den Betrieben "unangenehme Fragen", sagt sie. Wo Materialien herkommen, ob sie aus recyceltem Material sind oder welche Unternehmensphilosophie ihre Partnerbetriebe verfolgen. "Ich will auf gezielte Kundenfragen vorbereitet sein."

Das ist Vorarbeit für das angestrebte Siegel der FTO. Wenn dieses Zertifikat einmal da ist, muss Erzieherin Brigitte Netta nicht mehr selbst bei jedem Spielstein herausfinden, welchen Weg er genommen hat. "Und wenn wir alle bewusst diese Produkte kaufen, haben wir eine Riesenmacht", stellt sie fest.

Fair Toys Organisation

Die im Juli dieses Jahres gegründete "Fair Toys Organisation" (FTO) hat sich zum Ziel gesetzt, ein Siegel für faires Spielzeug einzuführen. Mit dem Siegel sollen Unternehmen zertifiziert werden, die Spielzeug verkaufen. Sie sollen nachweisen, dass in den Produktionsstätten für ihr Spielzeug der Verhaltenskodex der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) eingehalten wird und Umweltstandards gelten. Vorbildung für eine solche Zertifizierung findet FTO in der Textilbranche und in der Lebensmittel-Herstellung.

Zu den Vorgaben des ILO-Kodex gehört unter anderem, dass in den Firmen niemand diskriminiert wird, es dort keine Kinderarbeit gibt, existenzsichernde Löhne gezahlt werden und nicht regelmäßig mehr als 48 Stunden pro Woche gearbeitet werden muss. Sichere und hygienische Arbeitsbedingungen sind ebenso gefordert.

FTO versteht sich als Multistakeholder-Initiative, das heißt ihr gehören Unternehmen aus der Spielwarenbranche ebenso an wie zivilgesellschaftliche Gruppen. FTO wird derzeit mit Geldern des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit unterstützt. Die Zertifizierung könnte nach Ansicht der Geschäftsführung von FTO in etwa zwei Jahren Realität sein. Ein Vorteil wäre, dass sich daran Verbraucher, aber auch Kommunen als Kita-Träger orientieren könnten. 

Weitere Artikel zum Thema:

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*