Redaktionsgespräch
Heinrich Bedford-Strohm zieht im großen exklusiven Sonntagsblatt-Interview Bilanz. Sein Amt als Ratsvorsitzender der EKD endet. Zugleich blickt der bayerische Landesbischof in die Zukunft - und schildert, was er noch alles plant.
Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof und Ratsvorsitzender. Im exklusiven Sonntagsblatt-Interview 2021 blickt er auf sein Amt als Ratsvorsitzender zurück - und schildert, welche Ziele er als Landesbischof in Bayern noch erreichen will.

Heinrich Bedford-Strohm ist Landesbischof und Ratsvorsitzender. Im exklusiven Sonntagsblatt-Interview blickt er auf sein Amt als Ratsvorstizender zurück - und schildert, welche Ziele er als Landesbischof in Bayern noch erreichen will.

In einer Doppelfunktion sind Sie bayerischer Landesbischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Welches Führungsamt macht mehr Freude oder mehr Ärger?

Bedford-Strohm:  Eine derartige Wertung kann ich nicht machen, einfach weil die beiden Ämter zu verschieden sind. Während zu den Aufgaben des Ratsvorsitzenden gehört, in die Öffentlichkeit hineinzusprechen, die Kirche mit ihren Positionen zu repräsentieren, stehen für den Landesbischof die Gemeinden, ihre Bedürfnisse und Perspektiven im Mittelpunkt. Denn die EKD hat als Zusammenschluss der 20 Landeskirchen – bis auf die Versöhnungskirche in Dachau und einige Auslandsgemeinden – keine Gemeindestruktur. Richtig ist allerdings, dass sich beide Ämter so ergänzen, dass das eine vom jeweils anderen profitiert. Gerade in der Pandemie war der direkte Kontakt zur Bundesregierung und auch zu den anderen Landeskirchen für unsere bayerischen Entscheidungen, etwa ob und wie Gottesdienste abgehalten werden können, äußerst hilfreich. Dazu tauschen wir uns in der Kirchenkonferenz aus. In diesem Gremium treffen sich die leitenden Theologinnen und Theologen sowie die leitenden Juristen und Juristinnen der Landeskirchen vier Mal im Jahr – während der Pandemie lief das komplett digital. Dieser Austausch hilft auch, Geld zu sparen und Ressourcen vernünftig einzusetzen, weil nicht alle  Landeskirchen das Rad neu erfinden müssen, sondern eine stellvertretend für die anderen Aufgaben übernehmen kann.

Als mediale Person kommunizieren Sie auch über Facebook. Es scheint, dass es dabei eine Verschiebung weg von kritischen, aktuellen Themen gegeben hat?

Bedford-Strohm: Die Möglichkeit, über Social Media zu kommunizieren, nehme ich gerne wahr. Mein Fokus hat sich dabei grundsätzlich auch nicht geändert. Es hat sich vielmehr anlassbezogen während der Pandemieder der Schwerpunkt etwas verlagert. Vor allem mit meinen Morgenvideos wollte ich den Menschen ein stärkendes Wort zusprechen. Deshalb habe ich beispielweise viele mutmachende Konfirmationssprüche ausgelegt, die mir zugesandt wurden. Die Sondersendungen und Zeitungsschlagzeilen stellten Politik und virologische Inzidenzwerte in den Mittelpunkt. Mir ging  es vor allem um die "seelischen Inzidenzen" und darum, was die Pandemie mit den Gefühlen der Menschen macht. Das zu thematisieren, sehe ich als ganz wesentlichen Beitrag der Kirche, auch wenn er in der öffentlichen Diskussion viel zu wenig vorkam.

Sie nutzen aber auch die großen Gottesdienste für politische Aussagen. An Pfingsten haben Sie deutlich gemahnt, dass die Corona Krise zu einer Neuorientierung führen müsse, zu mehr Nachhaltigkeit, einer stärkeren Beachtung der Umwelt, einem neuen sozialen Gemeinwesen. Haben Sie da noch Hoffnung?

Bedford-Strohm: Auf jeden Fall! Diese Themen sind Langzeitthemen, die sich nicht von einem Jahr zum anderen lösen lassen. Sie müssen aber noch viel deutlicher auf den Tisch und viel schneller vorangetrieben werden. Ich erwarte von allen politisch Verantwortlichen, dass sie sich vor allem dem Mega-Thema Klimawandel stellen. Dabei dürfen Zukunftsinvestitionen für die Umwelt nicht an Geldmangel scheitern. Denn dann würden die Probleme nur auf die nächsten Generationen verschoben, was dann noch mehr kostet und ethisch absolut unverantwortlich ist. Auch für die folgenden Generationen muss die "Goldene Regel" Jesu gelten: "Alles was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch."

Außerdem müssen wir dringend den Blick in die ärmeren Regionen der Welt lenken. Dort leiden bereits jetzt Menschen ganz massiv durch den hauptsächlich von wohlhabenden Ländern verursachten Klimawandel. Deshalb dürfen die Zukunftsinvestitionen nicht durch eine Schuldenbremse verzögert werden. So stellt sich die Frage, wie sich die Finanzierung der dringend nötigen Vorhaben in unserem Land organisieren lässt. Wenn nicht über Schulden, muss diese Finanzierung aus den jetzt vorhandenen Ressourcen laufen. Das sollte sich doch in einem Land, in dem allein das private Geldvermögen bei rund 6,8 Billionen Euro liegt, bewerkstelligen lassen. Deshalb erwarte ich in dieser Frage von der Politik valide Konzepte.

Beim Klimaschutz wollte die bayerische Landeskirche Vorreiterin sein und hatte sich eine 40-prozentige Reduzierung des CO2-Ausstoßes zum Ziel gesetzt. Müsste da nicht noch viel mehr passieren?

Bedford-Strohm: Keine Frage, wir sind noch nicht gut genug. Die Klimafrage müssen wir mehr ins Zentrum rücken, auch in den Gemeinden. Denn auch für sie gilt das Argument, dass energetische Investitionen immer teurer werden, je weiter sie auf später verschoben werden. Als Landeskirche müssen wir sehen, wo wir – beispielsweise mit Programmen – helfen können. Allerdings können Institutionen, Organisationen oder Einzelpersonen diese Aufgabe nicht selbst stemmen, sondern brauchen dafür die entsprechenden Rahmenbedingungen.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie?

Bedford-Strohm: Primär sind die Rahmenbedingungen und Weichenstellungen der Politik. Sie sind überhaupt erst die Voraussetzung, dass Einzelpersonen und Institutionen diese Umstellung überhaupt schaffen können. Wenn Menschen oder beispielswese Kirchengemeinden ständig finanziell bestraft werden, wenn sie sich ökologisch verhalten, werden sie klimafreundliche Maßnahmen nicht angehen. Deshalb muss etwa bei der Energieversorgung die Preisgestaltung durch staatliche Rahmengebung so aussehen, dass sich ein ökologisches Verhalten lohnt. In den Chefetagen der deutschen Wirtschaft ist die Erkenntnis größtenteils angekommen, dass Deutschland und Europa in der ökologischen Transformation besser werden müssen, weil sie sonst von China und den USA abgehängt werden. Dieser Bewusstseinswandel macht Hoffnung.

Wenn die Politik die Rahmenbedingungen vorgibt, müsste Ihr Plädoyer für mehr Klimaschutz nicht in eine konkrete Empfehlung des EKD-Ratsvorsitzenden bei der Bundestagswahl münden?

Bedford-Strohm: Unsere Aufgabe ist es sicherlich nicht, bestimmten Parteiprogrammen einen Heiligenschein zu geben. Allerdings wird der Ratsvorsitzende und Landesbischof weiterhin klare Eckpunkte inhaltlicher Art geben. Denn der christliche Glaube hat etwas mit Weltgestaltung zu tun. Es ist nicht egal, ob jemand rücksichtslos lebt, oder auch seine Mitmenschen und die nachfolgenden Generationen im Blick hat. Das gilt beispielsweise jetzt schon für die Verteilung der Impfstoffe gegen Corona. Die Menschen in Afrika sind verzweifelt, weil sie – im Gegensatz zu den reicheren Ländern - kaum Impfstoff bekommen. Das hat nicht nur eine immense politische Dimension, sondern ist auch ein ethisch relevantes Thema.

Auch in der Flüchtlingsfrage haben wir klare Grundpositionen, deren konkrete Konsequenzen natürlich ergebnisoffen diskutiert werden müssen.  Wir sollten endlich begreifen, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und das ist auch gut so. Es ist im übrigen auch in unserem Eigeninteresse, weil wir in vielen relevanten Branchen dringend Arbeitskräfte benötigen - beispielsweise im Bau, bei der für den ökologischen Umbau notwendigen energetischen  Gebäudesanierung oder im Pflegebereich.

Ich kann daher nicht verstehen, dass gut integrierte Flüchtlinge mit guten Deutschkenntnissen abgeschoben werden, dass wir sie in ihre Länder zurückschicken, aus denen wir dann wieder Pflegepersonal anwerben. Nötig ist in bestimmten Fällen ein "Pfadwechsel", der ermöglicht, dass bei gut integrierten Asylsuchenden, aus dem Asylverfahren eine geregelte Einwanderung werden kann. Für viele Politiker ist dieser Pfadwechsel immer noch ein rotes Tuch, weil sie befürchten, dass die Unterscheidung zwischen Asylverfahren und Einwanderung nicht mehr klar gezogen werden kann. Ich sehe diesen Punkt. Das sollte aber nicht zu einem Dogma werden, ich wünsche mir in dieser Frage mehr Großzügigkeit und Pragmatismus, auch in unserem eigenen Interesse.

Als EKD-Ratsvorsitzender verstehen Sie sich in erster Linie als Impulsgeber und Inspirator. Was ist Ihnen dabei gut gelungen?

Bedford-Strohm:  Als sehr geglückt empfinde ich das große Reformationsjubiläum 2017. Denn wir wollten das Jahrhundertjubiläum der Reformation nicht dadurch feiern, dass wir unsere protestantische Identität durch Abwertung anderer Konfessionen wie der katholischen Kirche stärken. Stattdessen haben wir das Kernanliegen Martin Luthers, Jesus Christus neu zu entdecken, in den Mittelpunkt gestellt und dazu auch die katholischen Geschwister eingeladen. Denn die Rückbesinnung auf Christus kann nur in der ökumenischen Zusammenarbeit geschehen. Dieser ökumenische Fortschritt ist trotz aller immer wieder aufgebauten Hindernisse nicht mehr rückholbar.

Geglückt ist auch eine bessere Einbindung junger Menschen in die Kirche, was für mich ein Herzensanliegen war und ist. Früher war der Leitgedanke, dass "die Kirche" mit "den jungen Leuten" reden müsse – ein absurder Wortgebrauch, als ob die Jungen nicht Teil der Kirche wären. Jetzt sind sie mitten drin, haben volles Stimmrecht in der bayerischen Landessynode, geben höchst wirksame Impulse, und an der Spitze der EKD-Synode steht als Präses eine 25-jährige Studentin.

Als Erfolg sehe ich außerdem, dass wir Akzente bei humanitären Themen setzen konnten, wie bei unserem Einsatz für Flüchtlinge und der Seenotrettung. Zwar gab es deswegen auch Kritik und Kirchenaustritte, aber vor allem von jungen Leuten auch viel positive Rückmeldung, dass die Kirche endlich aktiv geworden sei und nicht nur rede, sondern auch handele.

 …und was ist weniger geglückt?....

Bedford-Strohm: Ich hätte mir gewünscht, dass wir dem Trend der Kirchenaustritte mehr hätten entgegensetzen können. Es ist wohl nicht ausreichend gelungen, deutlich zu machen, welche wunderbare Grundlage das Evangelium für das Leben jedes einzelnen Menschen ist. Die Belebung der Frömmigkeit, der geistlichen Quellen, bleibt eine permanente Aufgabe. Ein geistlicher Aufbruch muss dazu führen, dass Frömmigkeit nicht als ernst und streng erscheint, sondern ganz im Gegenteil als Ausfluss von Liebe und Freiheit – und dass er die stärkste Quelle von Lebensfreude ist.

Ein schwieriges Feld ist und bleibt wohl auch die Aufarbeitung von Missbrauch und sexualisierter Gewalt.

Dieses furchtbare Thema bewegt uns alle zutiefst, weil es echte Abgründe sichtbar macht. Ich selbst habe von Opfern konkrete Erfahrungen gehört, bei denen es unfassbar ist, dass sie im Raum der Kirche geschehen konnten. Es ist richtig, dass die Kirche unter den vielen anderen ebenfalls betroffenen Institutionen wie Sportverbänden oder Schulen ganz besonders im Fokus steht, weil bei ihr die moralische Fallhöhe am größten ist. Es ist von ungeheurem Zynismus, wenn beispielsweise ein Pfarrer die Liebe Gottes predigt und gleichzeitig die Seelen von Menschen zerstört.

Wir sind mit viel gutem Willen an die Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt herangegangen. Allerdings haben wir auch Lernerfahrungen gemacht. Dazu gehört, dass die Aufarbeitung nur durch Hilfe von außen gelingen kann, denn das Vertrauen vieler Betroffener in die Institution Kirche ist verständlicherweise zerstört.  Nur ein Ergebnis, dass mithilfe außerkirchlicher Strukturen und Verfahren zustande kommt, hat überhaupt eine Chance auf Akzeptanz bei den Betroffenen. Deshalb bin ich ganz offen für Vereinbarungen mit dem staatlichen Missbrauchsbeauftragten, einer Beteiligung des Parlaments oder unabhängigen Wahrheitskommissionen. Wir haben nichts zu verbergen. Weil die Wunden aber so tief sind, wird uns dieses bedrängende Thema noch lange begleiten.

Die nötige Aufarbeitung des Missbrauchs bindet viel Energie und Ressourcen in die Kirche. Hat sie noch genug Kraft für die großen gesellschaftlichen Aufgaben, die Sie beschrieben haben?

Bedford-Strohm: Die Aufarbeitung ist nötig. Und sie verdient, dass wir ihr viel Energie widmen. Aber es ist klar, dass wir neben dem selbstkritischen Blick auf uns selbst auch Orientierung bei den großen politischen Fragen in der Welt zu geben haben. Und zugleich müssen wir die Kirche so umbauen, dass wir mit weniger Mitteln und weniger Personal ausstrahlungsstarke Kirche Jesu Christi sind. Als Landesbischof will ich dafür werben, dass wir uns alle gemeinsam auf diesen schwierigen Weg machen, der auch schmerzhafte Abschiede mit sich bringen wird.

Dieser Umbau soll im Rahmen des Reformprozesse "Profil und Konzentration" (PuK) vonstatten gehen. Was sind die nächsten konkreten Schritte?

Bedford-Strohm: Wir sind bereits mitten in diesem Prozess. Bei den letzten Sitzungen der Personalkommission, die über die Besetzung von Pfarrstellen entscheidet, kam es bereits zu vermehrten berufsübergreifenden Besetzungen, bei denen etwa auch ein Diakon oder eine Diakonin mit einer Pfarrstelle betraut wird. Das zeigt unsere wachsende Flexibilität, aber auch den große Wert unterschiedlicher beruflicher Qualifikationen und ihrer Einsatzmöglichkeiten, gerade wenn der Nachwuchs zurückgeht.

Müsste dieser Prozess angesichts der zurückgehenden Zahlen nicht viel schneller laufen?

Bedford-Strohm: Wir sind schon beschleunigt unterwegs. Der Scheitelpunkt werden die Jahre ab 2027 sein, in denen wir deutlich weniger Pfarrerinnen und Pfarrer haben werden, weil dann die Zahl der Pensionierungen ihren Höhepunkt erreicht haben wird. Bis dahin stellen wir mehr Mitarbeitende ein, als wir gegenwärtig bezahlen können, was aber eine gute Investition in die Zukunft ist. Denn wir werden sie später, wenn die Zahlen deutlich zurückgehen, dringend brauchen.

 

Frauen in der Kirche: Brauchen wir eine Quote

Die kontroverse Debatte um eine gendergerechte, diskriminierungsfreie Sprache hat auch die Kirche und die Gemeinden erreicht. Kann das zu einer immer größeren Segmentierung in kleine Gruppen führen, was dem Gedanken widerspricht, dass alle Menschen Ebenbild Gottes sind und zu der großen christlichen Weltfamilie gehören?

Bedford-Strohm: Diese Gefahr sehe ich so nicht. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht. Denn der Sinn inklusiver Sprache ist es gerade nicht, die Segmentierung voranzutreiben, sondern Menschen, die sprachlich bisher ausgeschlossen waren, mit einzuschließen in die Gemeinschaft. Durch die Sprache kam bisher immer wieder die mangelnde Teilhabe von Frauen zum Ausdruck. Für mich ist die Formulierung "Pfarrer und Pfarrerinnen" völlig selbstverständlich geworden, weil ich sonst die Frauen sprachlich vermissen würde. Man gewöhnt sich mit der Zeit an neue Sprachformen, jeder und jede sollte also auch neue Formen ausprobieren. Auch ich mache Versuche mit dem Sternchen, das mir noch etwas ungewohnt ist, oder Schrägstrichen. Ich rate da zu einer größeren Gelassenheit, davon geht die Welt nicht unter.

Auch in kirchlichen Führungspositionen sind Frauen häufig unterrepräsentiert. Braucht es eine Quote?

Bedford-Strohm: Diese Frage beschäftigt mich schon seit dem Beginn meiner Amtszeit als Landesbischof. Dabei zeigte sich, dass das Problem nicht die klassischen Männerseilschaften sind, sondern dass sich nicht genügend Frauen bewerben. Dabei haben, wie eine Auswertung ergeben hat, Frauen, die sich beispielsweise auf eine Dekansstelle bewerben, eine 50-Prozent höhere Wahrscheinlichkeit - im Vergleich zu männlichen Bewerbern - den Job auch zu bekommen. Es kann aber vorkommen, dass sich für Spitzenpositionen keine einzige Frau bewirbt. Während es für Männer, die mehrere Kinder haben, offensichtlich überhaupt kein Problem ist, sich auf ein zeitintensives Führungsamt zu bewerben, scheuen Frauen in genau derselben Situation diesen Schritt.

Das Problem liegt also tiefer. Wir sollten uns fragen, wie Führungspositionen familienfreundlicher gestaltet werden können, wie sich Mann und Frau die Familien-Arbeit aufteilen. Aber auch die Perspektive, Leitung kooperativ und gabenorientiert genauso in Teams zu gestalten, wie wir es auf allen anderen Ebenen in Zukunft tun müssen, wird die Attraktivität solcher Ämter für Frauen erhöhen.

Noch bis November haben Sie als Landesbischof und zugleich EKD-Ratsvorsitzender große Verantwortung für die Kirche. Ist diese Personalunion ein Modell für die Zukunft? Übertragen auf die Politik wäre nach diesem Konzept ein Ministerpräsident wie Markus Söder zugleich Bundeskanzler.

Bedford-Strohm: Ein interessanter Vergleich! Es hätte sicherlich einigen Charme, wenn der Ratsvorsitzende sich mit seiner ganzen Energie nur diesem Amt widmen könnte, da gäbe es wahrlich genug Betätigungsmöglichkeiten! Ich konnte manche wichtigen Dinge nicht machen, weil ich eben auch mit ganzem Herzen Landesbischof in Bayern bin und mich ganz konkret mit der Landesstellenplanung mit ihren berufsübergreifenden Modellen, den Budgets für die Gemeinden oder Immobilienfragen beschäftigt habe.

Nach meinen Erfahrungen braucht ein Ratsvorsitzender jedoch diese Realität, diese Bodenhaftung und die Verwurzelung in den Gemeinden. Nur so hat er ein Gefühl dafür, was der Kirche dient, wo Defizite sind, wie sie sich entwickeln sollte. Das bekäme ein Ratsvorsitzender nicht, wenn er hauptsächlich auf Berliner Empfängen herumturnen würde. Alles in allem bin ich dafür, an dieser Personalunion auch in Zukunft festzuhalten.

Ist eine Konstellation denkbar, etwa durch eine Pattsituation, dass Sie am  20. November nochmals zum Ratsvorsitzenden gewählt werden?

Bedford-Strohm: Nein! Es gibt genügend gute Leute, ich bin sehr sicher, dass die EKD-Synode eine gute Entscheidung treffen wird.

Was werden Sie nach dem 10. November vor allem vermissen?

Bedford-Strohm: Zunächst freue ich mich, dass ich dann noch zwei Jahre lang mit voller Leidenschaft als bayerischer Landesbischof die nötigen kirchlichen Veränderungsprozesse voranbringen kann. Vermissen werde ich viele Menschen, mit denen ich vertrauensvoll und freundschaftlich zusammengearbeitet habe. Den Rat der EKD habe ich als eine wirkliche Gemeinschaft ohne Grabenkämpfe erlebt. Vermissen werde ich auch die weltweiten Kontakte auf EKD-Ebene. Es war eine beglückende Erfahrung, dass wir eine Weltkirche sind, dass wir uns auf der Grundlage unseres gemeinsamen Glaubens auch über Kontinente hinweg verständigen können. Glücklicherweise werde ich ja auch als Landesbischof weiter intensiv unsere internationalen ökumenischen Kontakte pflegen.

Was könnte Ihr Abschiedsgeschenk an die EKD sein?

Bedford-Strohm: Ein Abschiedsgeschenk an die EKD gibt es nicht, denn ich nehme ja nicht Abschied von der EKD, sondern nur von der Mitgliedschaft im Rat der EKD. Ich werde weiter als Landesbischof und Mitglied der Kirchenkonferenz der EKD meine Ideen einbringen und die unterstützen, die dann dort an der Spitze stehen. In den großen Umbrüchen, in denen wir uns gegenwärtig befinden, müssen wir als Landeskirchen gut zusammenarbeiten. Deswegen brauchen wir die EKD gerade jetzt umso mehr.

 

Das Redaktionsgespräch wurde geführt von Direktor Roland Gertz, epd-Chefredakteur Achim Schmid, Sonntagsblatt-Chefredakteur Helmut Frank, efs/efa-Chefredakteurin Agnes Krafft und Online-Chefredakteurin Rieke C. Harmsen.

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