29.01.2021
Kunst und Kirche

Zeichen gegen Kultur-Lockdown: Künstler-Gottesdienste zu Lichtmess

Eine bayernweite Initiative des landeskirchlichen Kunstreferats will ein Zeichen gegen den Kultur-Lockdown setzen und holt freischaffende Künstlerinnen und Künstler in die Kirchen.
Stefanie Unruh: Installation "ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht?"
Stefanie Unruhs Lichtzeichen sendende Installation »ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht?« ist in der Münchner Lukaskirche zu sehen.

Die Kunst der Hoffnung

Jean-Pierre Barraud ist Pfarrer und Kunstbeauftragter im Kirchenkreis Augsburg und Schwaben. Am vergangenen Sonntag wurde er an der Neu-Ulmer Petruskirche neu als Pfarrer eingeführt. Die Gelegenheit hat er genutzt, um der Kunst eine Bühne zu geben: Herbert Nauderer, Maler, Videokünstler und Erfinder des "Mausmannlands", war mit drei Videoarbeiten in seinem Einführungsgottesdienst zu Gast. Maskierte Menschen kommen in Nauderers Arbeiten immer wieder vor. Das passt ebenso in die (Corona-)Zeit wie Barrauds Predigt zum Thema "Kunst der Hoffnung".

Der Gottesdienst in Neu-Ulm war so etwas wie der Frühstart der landeskirchlichen Kunstaktion "Hoffnung. Leben. Licht." rund um den Lichtmesstag (2. Februar; siehe Stichwort unten). Sie bringt in diesen Tagen zeitgenössische Kunst in 16 weitere bayerische Kirchen. Und sie soll damit ein Zeichen setzen.

 

Die Münchner Künstlerin Stefanie Unruh.
Die Münchner Künstlerin Stefanie Unruh.

Hoffnung für die Kunst

Von der "Kunst der Hoffnung" zur Hoffnung für die Kunst, die im Lockdown ist, weil sie als "nicht systemrelevant" gilt? Dafür reichen die 500 Euro vermutlich nicht aus, die es pro beteiligtem Künstler im Rahmen der Aktion gibt. Aber: Man hat die Kirchen ja dafür kritisiert, dass weiter Präsenzgottesdienste stattfinden, während alles rund um die Kultur, Museen, Galerien, Ausstellungen ruht. Da ist es ein nicht ganz unwichtiges Zeichen, wenn sich gerade jetzt die Kirche für die Kunst öffnet – ihre jüngere Schwester in Sachen Sinn- und Lebensdeutung.

Barraud hat familiäre Wurzeln in Frankreich, und er kann mit Lichtmess auch kulinarisch etwas anfangen: Französisch heißt das Fest "Chandeleur" ("Kerzenfest"). Es soll daran erinnern, dass Christus das Licht der Welt ist. Traditionell gibt es am 2. Februar in Frankreich Crêpes, denn die runde Form und die goldene Farbe der hauchdünnen Pfannkuchen erinnert an die Sonne. Und die lässt seit Weihnachten nun in zunehmender Geschwindigkeit die Tage immer länger werden.

Zu Lichtmess gibt es Crêpes

Um das Licht, das Leben und die Hoffnung kreisen auch die Arbeiten der beteiligten Künstlerinnen und Künstler.

Nicht nur für einen Gottesdienst, sondern für fast vier Wochen ist in der Münchner Lukaskirche eine Installation der Künstlerin Stefanie Unruh zu sehen (täglich 9 bis 17 Uhr). "Ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht?" ist der Titel ihrer Arbeit. In eine Malerleiter gehängte Glühbirnen blinken diesen Satz als Morsecode. Viele Menschen im Corona-Homeoffice dürften mit ihm etwas anzufangen wissen. In Zeiten, in denen die Grenze zwischen "Produktionssphäre" und "Privatsphäre" mehr und mehr verschwimmt, gilt als erfolgreich, "wer – pausenlos – kreativ, flexibel, mobil und multikompetent tätig ist. Ein neues Sklaventum", so die Münchner Künstlerin.

Mehr Ökumene möglich

In Münchens "evangelischem Dom" finden bis auf Weiteres keine Präsenz-, sondern nur Videogottesdienste statt. Auch der Vernissage-Kunstgottesdienst zur Eröffnung mit Regionalbischof Christian Kopp am 2. Februar wird daher als Video im Internet übertragen.

Manchmal gehen Dinge sogar in der Kirche ganz schnell: Die Idee zu der Kunstaktion entstand Mitte Dezember im Kreis der evangelischen Kunstbeauftragten. Wenn die Museen zu sind, Gottesdienste aber erlaubt, sagt Helmut Braun, Leiter des landeskirchlichen Kunstreferats, dann liege es doch nahe, Kunstgottesdienste anzubieten.

"Ich finde es toll, dass sich die Kirchen für die Kunst öffnen", sagt Stefanie Unruh. "Es ist fatal für uns Künstler", dass Galerien und Museen geschlossen seien, Ausstellungen verschoben würden. Unruh ist keine Unbekannte in der bayerisch-evangelischen Kunst-und-Kirche-Szene: Von ihr sind die großformatigen Fotoschichtungen im Foyer des neuen Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg, die wie Gemälde wirken, obwohl sie aus collagierten Fotografien bestehen.

Einfach und nachahmenswert

Es sind auch sonst ein wenig die "üblichen Verdächtigen": Nicht weniger als vier kirchliche Kunstpreisträger der letzten Jahre sind unter den 17 beteiligten Künstlern – Meide Büdel (Nürnberg), Lutzenberger + Lutzenberger (Bad Wörishofen), Gerhard Mayer (Nürnberg) und Gerhard Rießbeck (Bad Windsheim). Nicht nur sie sind "Künstler, mit denen wir gute Erfahrungen gemacht haben", wie Braun sagt. Möglichst einfach machbar sollte es sein: Eine schon existierende Arbeit mit Bezug zu den Themen "Licht" und "Leben" bat man die Künstler in die Gemeinde mitzubringen, um diese im Rahmen einer Dialogpredigt oder Bildinterpretation vorzustellen.

Brauns Kunstreferat vermittelt die Künstler, will sich aber nicht einmischen, wie die einzelnen Gemeinden mit dem Corona-Schutz umgehen. "Aber wir empfehlen dringend, nach Möglichkeit alles zu filmen, zu dokumentieren und ins Netz zu stellen", sagt Braun, der nicht nur hofft, dass die Sache nachwirkt, sondern auch Nachahmer findet – am besten ökumenisch. Das hat nun in der Kürze der Zeit nur in Würzburg geklappt. In der katholischen Kirche gibt es zwar mehr Stellen und mehr Geld für die Kunst. Neben der Kunstvermittlung in die Diözesen hinein gibt es eine eigene Künstlerseelsorge. Aber starke Strukturen sind vielleicht gelegentlich auch etwas schwerfälliger.

Hubertus Hess: »Erscheinung«, 1998, Schwarz-Weiß-Fotografie, farbiges Glas, Stahl, 227 x 128 cm.
Der Nürnberger Künstler Hubertus Hess ist mit seinem Werk »Erscheinung« beim ökumenischen Kunst-Gottesdienst zu Lichtmess in der St.-Johannis-Kirche in Würzburg anwesend (1998, Schwarz-Weiß-Fotografie, farbiges Glas, Stahl, 227 x 128 cm).

DAS STICHWORT: LICHTMESS

IN ALTBAYERN fällt vielen zu Lichtmess "a ganz Stund" ein. Das soll nämlich der Zeitraum sein, um den es seit der längsten Nacht, der Wintersonnenwende kurz vor Weihnachten, am 2. Februar schon wieder länger hell ist: "Weihnachten um an Muggenschritt / Neujahr um an Hahnentritt / Dreikönig um an Hirschensprung / Lichtmess um a ganze Stund."

GENAU 40 TAGE nach der Heiligen Nacht ist mit dem Kirchenfest der "Darstellung des Herrn" die Weihnachtszeit endgültig vorbei. Das Fest erinnert daran, dass zur Zeit von Jesu Geburt der Jerusalemer Tempel noch nicht zerstört war – und dass Jesus Jude war. Das Lukasevangelium schildert einen Zeitablauf religiöser Riten, der präzise der Thora entspricht. Neujahr, acht Tage nach Weihnachten, ist heute nur noch wenigen als "Tag der Beschneidung des Herrn" gegenwärtig: der Tag, an dem ein Säugling nach dem jüdischen Religionsgesetz als Zeichen des Bundes mit Gott zu beschneiden ist (Lukas 2, 21-40).

NACH DEM 3. BUCH MOSE (12, 2-4) galt eine Frau nach der Geburt eines Sohnes 40 Tage als unrein. Dann hatte sie im Tempel ein Reinigungsopfer darzubringen. In Erinnerung an die Rettung aus Ägypten (Pessach-Nacht) galten erstgeborene Söhne zudem als Eigentum Gottes (2. Mose 13, 2.15). Sie mussten im Tempel von ihren Eltern symbolisch an Gott übergeben werden und wurden dann durch ein Geldopfer ausgelöst.

DAS SEIT DER FESTLEGUNG des Weihnachtstermins im frühen 4. Jahrhundert gefeierte Kirchenfest trägt daher auch zwei Namen: Tag der Darstellung des Herrn (­Praesentatio) und Mariä Reinigung (Purificatio).

ABER WARUM nennt es der Volksmund Lichtmess? Das liegt an Simeon und Hanna, die im Tempel Jesus als den Messias und damit als "Licht der Welt" erkennen: "Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen, / das Heil, das du bereitet hast vor allen Völkern, / ein Licht zur Erleuchtung der Heiden / und zum Preis deines Volkes Israel", ruft Simeon aus, als er Jesus auf dem Arm hält. Mit der betagten Prophetin Hanna ("die Begnadete") bekräftigt auch eine Frau diese Erkenntnis im Heiligtum Gottes. (ms)

Kirchenkreis Ansbach-Würzburg

Würzburg, St. Johannis: Hubertus Hess, Bildhauer aus Nürnberg (Di, 2.2.21, 18 Uhr). Die Werke Diptichon "o.T." und "Erscheinung" verbleiben bis zum Aschermittwoch, 17.2.21, in der Kirche; Kitzingen, Stadtkirche: Thomas Röthel, Bildhauer aus Oberdachstetten (So, 7.2.21, 9.30 Uhr). In beiden Gottesdiensten wird der Kunstreferent des Bistums Würzburg, Jürgen Emmert, ein Künstlergespräch und/oder die Predigt halten. Heilsbronn, Münster: Gerhard Rießbeck, Maler aus Bad Windsheim (So, 7.2.21, 9.30 Uhr); Schweinfurt, St. Johannis: Juliane Schölß, Silberschmiedin aus Nürnberg (Mo, 1.2.21, 19 Uhr)

Kirchenkreis Augsburg und Schwaben

Lindau, St. Stephan: Christian Hörl, Bildhauer aus Ruderatshofen (So, 7.2.21, 17.30 Uhr)

Kirchenkreis Bayreuth

Bamberg, St. Stephan: Meide Büdel, Bildhauerin aus Nürnberg (So, 7.2.21, 9.30 und 11 Uhr); das Werk "Schwebende" wird bereits zum 2.2.21 aufgebaut und bleibt für rund vier Wochen in der Kirche. Bayreuth, Stadtkirche: Sonja Weber, Textilkünstlerin aus München (Di, 2.2.21,17 Uhr); das Werk "sky moment" bleibt bis ca. 28.2.21 in der Kirche. Coburg, St. Moriz: Gerhard Mayer, Maler aus Nürnberg (So, 31.1.21, 10 Uhr)

Kirchenkreis München und Oberbayern

Großkarolinenfeld, Karolinenkirche: Thomas Breitenfeld, Bildhauer aus München (Di, 2.2.21, 19 Uhr); München, St. Lukas: Stefanie Unruh, Multimediakünstlerin aus München (Video-Gottesdienst, am Di, 2.2.21 auf YouTube); Unterhaching, Heilandskirche: Christofer Kochs, Maler und Bildhauer aus Augsburg (Di, 2.2.21, 19 Uhr); die Werke bleiben bis Aschermittwoch.

Kirchenkreis Nürnberg

Fürth, Auferstehungskirche: Sabine Straub, Bildhauerin aus München (So, 31.1.21, 9.30 Uhr); Nürnberg, St. Egidien: Lutzenberger + Lutzenberger, Künstlerehepaar aus Bad Wörishofen (Sa, 6.2.21, 18 Uhr; Aufzeichnung durch FrankenTV); Schwabach, Stadtkirche: Benjamin Bergmann, Bildhauer aus München (So, 14.2.21, 10 Uhr)

Kirchenkreis Regensburg

Amberg, Erlöserkirche: Andreas Kuhnlein, Bildhauer aus Unterwössen (So, 7.2.21, 9.30 Uhr); Landshut, Christuskirche: Ute Haas, Malerin aus Landshut (So, 7.2.21, 10 Uhr)

Ob die Kunst-Gottesdienste wie geplant stattfinden und ob man sich anmelden muss, ist über die Kirchengemeinden zu erfragen.

 

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Sonntagsblatt