"Das Einzige, was bei mir links ist, ist das Zündschloss in meinem Porsche." Wahrscheinlich hat Christian Lindner das nie gesagt. Aber es wird hin und wieder wohl- oder übelwollend über ihn kolportiert. Ebenso wie die Bemerkung, links sei bei ihm nur seine Rolex.
Was mich angeht, so habe ich auch noch in einer anderen Hinsicht als Christian Lindner eine Affinität zur Linken. Ich bin nämlich Linkshänder. Und ich war immer stolz darauf. Linkshänder zu sein hieß, zumal, wenn man auch noch Kind kleiner Leute war, anders zu sein. Anders als die Mehrheit. Linkshänder zu sein hieß, einen Sinn für die zu haben, die nicht mit dem Mainstream, sondern gegen ihn schwammen oder sogar von ihm weggespült wurden.
Dass unsere Hausärztin vor weit mehr als einem halben Jahrhundert auf die besorgte Frage meiner Eltern, ob man mir nicht besser auf die Finger hauen und mich "umgewöhnen" solle, mit einem entschiedenen "Nein! Um Gottes willen! Bloß nicht!" geantwortet hat, obwohl sie alles andere als eine moderne junge Frau, sondern very old school war, macht mich immer noch glücklich und dankbar. Denn dass ich weiterhin mit links, also mit der eigentlich "falschen" Hand kritzeln, zeichnen und malen durfte, hat ganz gewiss dazu beigetragen, mich als kreativer und eigensinniger Kinds- und Trotzkopf entwickeln zu dürfen und nicht so sein zu müssen wie die Anderen, die ich andererseits doch liebend gerne gewesen wäre.
Linkshänder zu sein empfand ich also stets als safe space der Selbstentfaltung und deshalb als sehr cool – abgesehen davon, dass die ersten Versuche mit dem Füller nur eine verwischte Tintenspur, aber keine lesbaren Worte zeitigten und mir daher so etwas Groteskes und irgendwie dann doch schon von ferne an die Dysfunktionalität linker Systeme Erinnerndes wie ein Linkshänderfüller besorgt wurde.
Linkshänder, Linksdenker, Linkswitz – und stolz darauf
Außerdem genoss ich, seit ich denken kann, das Privileg, mich als Linkshänder auch ein wenig dumm anstellen zu dürfen – wo doch Linkshänder viel gescheiter sind als alle Rechtshänder, wie alle Linkshänder wissen. Zum Beispiel beim Schuhebinden, beim Brotschneiden oder beim Bügeln, was bis heute mitunter dazu führt, mich aus Bequemlichkeit dümmer, ungeschickter und hilfsbedürftiger zu stellen, als ich bin und mir lästige Haushaltstätigkeiten vom Leib zu halten. Beim Tennis hatte ich als Linker gewaltige Vorteile. Nur leider nicht, wenn ich selbst gegen Linkshänder antreten musste. Das Gefühl, dass das Gegenüber mit der falschen Hand spielte und ich mich einfach nicht darauf einstellen konnte, brachte mich zur Verzweiflung.
Auch als Student blieb ich, das Kind sozialdemokratischer Arbeitereltern, nicht nur Linkshänder, sondern war tatsächlich aus tiefster Überzeugung ein Linker. Also einer, der für diejenigen brannte, die auf der Verliererseite standen. Wahrscheinlich kehrte ich mich einzig und allein deshalb irgendwann vom FC Bayern München ab und wurde Clubfan. Es gab eine Zeit während meines Studiums, in der ich großen Wert darauf legte, mich augenzwinkernd als Achtundsechziger zu bezeichnen, was ja irgendwie richtig war, weil es mein Geburtsjahr ist. Zugleich kannte meine Trauer darüber, dass ich zu spät geboren und eben kein richtiger Achtundsechziger war, keine Grenzen. Gottseidank lässt sich das Rad der Geschichte, auch wenn sie sich zu wiederholen pflegt, nicht zurückdrehen. Wäre es möglich, dann könnte es sich nämlich zeigen, dass ich damals womöglich auf der anderen Seite gestanden hätte und mein Herz weniger Daniel Cohn-Bendit und Rudi Dutschke, sondern eher Theodor W. Adorno zugeflogen wäre, der Vaterfigur vieler linker Studierender, der zur allergrößten Enttäuschung seiner linken Verehrerinnen und Verehrer dann doch die Polizei rufen ließ, als die revoltierenden roten Rotten sein Institut besetzten und er es mit der Angst zu tun bekam.
Selbstverständlich war ich, wie es sich für einen altklugen jungen Studenten gehört, ein Linker, der alle Nichtlinken für bescheuert hielt und sich über jede Gestalt nichtlinker Theoriebildung im hochnäsigen und unfehlbaren Gestus der studentischen Jugend erhob und entrüstete. Wie konnte man nur nicht links sein! Schlug nicht das Herz links? Kam die Linke nicht von Herzen? Und vor allem: Stand nicht jeder Geist, der etwas auf sich und vor allem auf die Entrechteten und Benachteiligten aller Länder hielt, unweigerlich links? War es überhaupt guten Gewissens möglich, sich als konservativ zu verstehen, also als jemand, der, wie es seinerzeit im Jargon der neomarxistischen Frankfurter Schule hieß, mit "dem Bestehenden" einverstanden sich erklärte? Konnte man als Theologe, dem die biblische Option für die Armen, für die Außenseiter und für die Fremdlinge klar vor Augen stand, legitimermaßen ein gutes Haar an Parteien lassen, die gute Worte für das Ausbeutungssystem des Kapitalismus und den "militärisch-industriellen Komplex" hatten, wie Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und andere Theoretiker der Roten Armee Fraktion das Ganze nannten, das Adorno zufolge das Unwahre ist? Blieb einem, weil Hegels Satz, das Wirkliche sei das Vernünftige, schlicht und einfach Bullshit war, daher etwas Anderes übrig, als ein Linkhegelianer zu sein, also einer, der den Finger in die Wunde der Gegenwart zu legen und mit stetem Blick auf den unter die Räder des Systems gekommenen Gekreuzigten und dessen Verkündigung des Reiches Gottes für die revolutionäre Erneuerung der unfertigen, entfremdeten und seufzenden Schöpfung zu plädieren hatte? Musste man nicht um der Verlierer der Geschichte willen das Noch-nicht stärker betonen als das Schon-jetzt? Und war nicht auch Gott selber eine Art Linker, weil er im Leiden bis ans Ende der Welt war und sich bis in alle Ewigkeit mit den Opfern von Macht und Mammon solidarisierte?
Wie glänzten meine Augen, als mir eines Tages wie Schuppen von denselben fiel, dass auch mein geliebter Karl Barth so gelesen werden konnte, dass Theologie und Sozialismus letztlich eins waren und dass sich das göttliche ganz Andere sogar als der ganz andere, nämlich sozialistische Zustand verstehen ließ, um den es allen gehen musste, die theologisch, philosophisch und politisch ernstzunehmen waren! Ich weinte fast, als mein Kirchengeschichtslehrer, der jüngst heimgegangene A. Martin Ritter in Heidelberg auf einer kommunalpolitischen Wahlkampfveranstaltung nicht etwa für die Errichtung eines neuen Bushäuschens in Neckargemünd warb, sondern den Genossinnen und Genossen mit Tränen in den Augen und brechender Stimme die Vereinigung der Proletarier aller Länder vor Augen malte. Und meine erotische, intellektuelle und politische Ernüchterung war groß, als eine Freundin mir eines Nachts offenbarte, dass sie sich im RCDS, also im Ring christlich-demokratischer Studierender engagierte. Das brach mir mein linkes Herz.
Those were the times. Und wäre ich heute Student, wären sie es noch heute. Wer kennt ihn nicht, den unterschiedlichsten Heroen der Weltliteratur zugeschriebenen Satz, dass, wer mit zwanzig nicht links ist, kein Herz, und wer mit vierzig immer noch links ist, keinen Verstand hat. So lange es Hochschulen gibt, wird es daher zum studentischen Jungsein gehören, sich vom Leid der Welt anrühren zu lassen, dieses Leid überwinden zu wollen, sich als rot und frei zu verstehen und über diejenigen die Nase zu rümpfen, die es sich in der heillosen abendländischen Welt und ihren kolonialistischen Strukturen gemütlich gemacht haben.
Warum linke Utopien an der Mauer enden
Mittlerweile bin ich nicht mehr jung und komme zunehmend weniger von einer Gewissheit los. Und zwar von der Gewissheit, an der alle romantisch linken Gesellschafts-, Wirtschafts- und Politikutopien zerschellen. Es ist die Gewissheit, die zu den vermutlich unauslöschlichen Grundüberzeugungen dessen gehört, der im Schatten des Eisernen Vorhangs groß wurde. Man wird irgendwann eine Mauer bauen müssen, um die sehnlich erträumte sozialistische Gesellschaft am Leben zu erhalten. Einen antikapitalistischen Schutzwall. Man wird eine Mauer bauen müssen. It’s the economy, stupid! Und daher wird es niemals eine nichtkapitalistische No-Borders!-Welt geben, die an die Stelle der "bösen" kapitalistischen Globalisierung treten wird. Der Mensch wird, so lange es ihn geben wird, niemals nur der Freund des Menschen, sondern immer auch dessen Feind, vor allem aber ein Egoist sein. Und vielleicht ist das auch gut so, weil ohne Egoismus keine Individualität gedeihen kann und Leistung am Ende der Trägheit weicht. Mein Lieblingsschriftsteller Cormac McCarthy hat es einmal auf den Punkt gebracht: "Ich glaube", so McCarthy, "dass die Vorstellung, unsere Spezies könnte auf irgendeine Weise gebessert werden und alle könnten in Harmonie leben, eine wirklich gefährliche Idee ist. Die, die mit dieser Vorstellung liebäugeln, werden die Ersten sein, die ihre Seele und ihre Freiheit aufgeben" – oder die Seele und die Freiheit Anderer opfern.
Warum also bin ich nicht mehr links? Ich bin nicht mehr links, weil sich in mir der Verdacht erhärtet, dass die politische Linke die Krisen unserer Zeit zunehmend so zu bewältigen sucht, dass sie sich um eines ominösen höheren Gutes willen nicht als Freundin der Freiheit, vor allem nicht als Freundin individueller Freiheit erweist. Mag sein, dass die Linken die Menschheit und die Menschenrechte lieben. Aber die Menschen lieben sie vielleicht weniger. Insbesondere die nicht, die anders anders sind, die sich also außerhalb bestimmter Diversitätsfilterblasen bewegen. In einer Hinsicht reichen die Linken also hinter ihrem Rücken den Rechten die Hand: Es gibt ebenso eine gruppen- und individuumsbezogene linke Menschenfeindlichkeit, wie es eine gruppen- und individuumsbezogene Menschenfeindlichkeit der Rechten gibt. Ich als Lutheraner, der das Konzept der Lehre von den zwei Regierweisen Gottes und ihres klugen Endlichkeits- und Grenzmanagements für eine äußerst geniale und überdies evangeliums- und menschengemäße politisch-ethische Idee hält, ich als Skeptiker der Elektromobilität und Kritiker des Subventionsmillionengrabs Windrad, ich, der in öffentlichen Verkehrsmitteln klaustrophobisch und misanthrop wird, ich, der nach der Devise "Freie Fahrt für freie Bürger!" lebt, ich als Fan eines leistungs- und qualitätsbefördernden Sozialneids und einer konkurrenzbasierten sozialen Marktwirtschaft, ich als nahezu bedingungsloser Fürsprecher der Politik Israels im Kampf gegen jene Palästinenser, die noch immer Geiseln in irgendwelchen shitholes im Gazastreifen versteckt halten oder wissen, wo sie sich befinden, ohne es zu verraten, ich als Nichtverklärer des in Europa höchst vitalen und militanten politischen Islam – ich gehöre vermutlich zu derjenigen Gruppe von Individuen, die in einer sozialistischen Gesellschaft – vorsichtig gesagt – gewisse Nachteile zu gewärtigen hätte.
Übrigens bin ich tatsächlich auch deshalb nicht mehr links, weil ich Autos mag, bei denen das Zündschloss links ist (und ich meine damit nicht Autos der russischen Firma LADA) und weil ich nicht in einem Land leben möchte, in dem solche Autos nicht mehr gebaut werden können – etwa um eines höheren Gutes willen, das nur in einer eingemauerten Welt zu verwirklichen ist und dem nachzueifern in einer freien Welt mit Sicherheit für eine dysfunktionale Marktwirtschaft, für den Zusammenbruch der Sozialsysteme und für die Selbstzerstörung des europäischen Wirtschafts- und Sozialraums sorgen und entgegen allen linken Absichten auf dem Rücken der künftigen Generationen, vor allem aber auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen werden wird, die nur in einer DDR 2.0 nicht von der Inflation erdrückt und in prekäre Existenzverhältnisse gestoßen würden.
Neue Linke und neue Rechte
Und hier wären wir beim eigentlichen Problem. Es gibt eine zunehmend höhere Anzahl junger, akademisch gebildeter urbaner Menschen, für die das Staats- und Gesellschaftssystem der DDR seinen Schrecken verloren hat – ganz einfach deshalb, weil sie zu jung sind, um die Gegenwart einer solchen Gesellschaft erlebt zu haben, und jung genug, um sie – grün und demokratisch angestrichen natürlich – verklären zu können. Vielleicht auch deshalb, weil sie insgeheim ganz genau wissen, dass Deutschland seine beste Zeit hinter sich hat, ihre Rente sicher nicht sicher ist und sie nie genug Geld zur Verfügung haben werden, um aus eigener Arbeitskraft Wohneigentum zu erwerben. Was läge angesichts dessen näher, als das Heil in der Flucht in die gute alte totalitäre Gesellschaft zu suchen, in der für alle gesorgt ist! In dieser Hinsicht unterscheiden sich die neuen Linken in nahezu nichts von den neuen Rechten. Alle wollen sie den starken Staat, der es auf welche Weise auch immer so richten soll, dass man entweder am Baggersee in der Oberlausitz zwanzig Kilo Fleisch grillen und sich mit ebenso vielen Litern Bier die Kante geben kann, ohne sich um den Ernst der Weltlage scheren zu müssen, oder unbehelligt sein subventioniertes Dasein mit veganen Bagels, Chai Latte und dem richtigen Bewusstsein in Kreuzberger Cafés fristen und sich wie Greta, Luisa und Heidi mit Terrorregimes solidarisieren kann, in denen eine queere Existenz oder ein Plädoyer für Diversität den sicheren Tod zur Folge hätten.
Ich bin also auch deshalb nicht mehr links, weil die Linke zwar unentwegt Macht, Herrschaft und Gewalt brandmarkt, aber blind ist angesichts linker Gewalt, die sie ebenso blind für gut zu halten neigt, wie die extreme Rechte rechte Gewalt für gut hält, angesichts deren sie blind ist. Ich weiß, dass es auch linke Konzentrationslager gab und wieder geben wird, auch wenn sie dann anders genannt und anders Gestalt gewinnen würden und selbstverständlich im Namen der Entrechteten, im Namen der Befreiung vom Kapitalismus oder im Namen der Bildung moralisch besserer, verantwortlicherer und nachhaltigerer Menschen errichtet würden. Mit anderen Worten: Ich bin aus demselben Grund nicht mehr links, wie ich nicht rechts sein könnte. Denn ich halte es mit dem österreichischen Lyriker Ernst Jandl, der bekanntlich gedichtet hat: "manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum".
Nicht mehr links bin ich auch deshalb, weil mir linke Alternativlosigkeit ebenso verdächtig ist wie die Anmaßung einer Partei, "die" Alternative für Deutschland zu sein. Das Wort Alternativlosigkeit klingt stets mindestens so sehr nach Gewalt, wie es die Macht von Argumenten vergrößern soll, die am Ende doch keine Kraft haben, eine Mehrheit zu überzeugen. Das Wort Alternativlosigkeit ist nicht nur ein Freiheitskiller. Vor allem ist es ein Ambiguitätskiller. Als Hochschullehrer versuche ich mit allen mir und meinen Studierenden zu Gebote stehenden Kräften argumentationsbasiertes eigenständiges, eigensinniges, dissenstolerantes dialektisches Denken zu befördern. Denken, das das Risiko nicht scheut, über den Tellerrand der Gefahrlosigkeit hinauszudenken. Denken, das der Versuchung widersteht, sich vor ungemütlichen Argumenten abzuschotten. Denken, das es sich nicht zu leicht macht. Denken, das Entscheidungen heilsam erschwert, statt Komplexität geist-, und humorlos ideologisch zu reduzieren und sich nurmehr in den Echokammern moralischer Erwartungskorridore zu bewegen.
Vor allem aber bin ich nicht links, weil ich letztlich vielleicht doch ein Linker geblieben bin. Also ein Mensch, dem die Schwachen, Benachteiligten, Anderslebenden, Andersdenkenden und Andersglaubenden am Herzen liegen. Und dieser Linker, der ich auch als Nichtmehrlinker zu sein glaube, kann und will es einfach nicht glauben, dass die politischen und ideellen Mittel der im Parlament links platzierten Parteien den Zweck einer wirklich versöhnten, wirklich funktionalen, wirklich gerechten und wirklich diversen Gesellschaft zu befördern vermögen. Im Gegenteil. Ich glaube, dass eine nach links gerückte Sozialdemokratie und die Nachfolgeorganisation der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands die linken Ideale und mit ihnen das Wohl unserer freiheitlich-demokratischen, sozial-liberalen und marktwirtschaftlichen Gesellschaft verraten und obendrein dem jüdisch-christlichen Abendland die Seele aushauchen. Außerdem kann ich nicht anders, als DIE LINKE für ebenso verfassungsfeindlich zu halten wie die AfD. Und zwar deshalb, weil sie ebenso offen den Umsturz dieser Gesellschaft propagiert – von den öffentlich geäußerten Phantasien mancher Parteimitglieder der LINKEN, Reiche zu erschießen oder zur Zwangsarbeit zu verurteilen, einmal ganz abgesehen. Und abgesehen auch davon, dass DIE LINKE ohne die AfD nicht so stark wäre, wie sie ist, also faktisch in einer Symbiose mit ihr lebt und der AfD eigentlich von Herzen dankbar sein müsste.
Ich bin nicht mehr links – und bleibe es vielleicht doch
Um ein Linker zu bleiben, kann ich also einstweilen kein Linker mehr sein und fühle mich bei den politisch Konservativen und Liberalen aufgehobener und beheimateter als dort, wo man die linke Identität wie eine Monstranz vor sich herträgt. Das ist mitnichten Schizophrenie oder Selbstbetrug, sondern Dialektik – und zwar die Dialektik eines Theologen, der (nicht nur als Linkshänder) von Kindesbeinen an weiß, wie es sich anfühlt, Außenseiter zu sein und deshalb von je her dünnhäutig für das Seufzen der Kreatur ist, die unter der Gewalt von Idioten zu leiden hat. Eine Schöpfung, in der Unrecht, Gewalt und Tod das letzte Wort haben und nicht eines Tages alle Tränen abgewischt werden, kann ich nur für Scheiße halten. Ja, der linke jüdische Philosoph Max Horkheimer hatte recht: Die Täter dürfen nicht über die Opfer triumphieren. Und wer nicht nur seinen Marx, sondern seine Bibel kennt und auch nur einen Funken Messianismus im Leib und in der Seele hat, weiß, dass der, der sie abwischen wird, der kommende Gott und nicht irgendeine politische Revolution sein wird, die erwartbar für die Wiederkehr des ewiggleichen alten Unrechts sorgt. Der kommende Gott, der zweifellos auch in denjenigen Menschen zum Vorschein gelangt, die in seinem Namen nicht dunkelrotbraungrüne Schreckensherrschaften errichten, sondern inmitten der verwüsteten Welt Oasen heiler, versöhnter, inspirierender und friedlicher Kreatürlichkeit aufblühen und gedeihen lassen.
Der katholische Theologe Karl Rahner erfand den Begriff des anonymen Christentums. Anonyme Christen sind Rahner zufolge Nichtchristen, die Christen sind, ohne zu wissen, dass sie es sind. Vielleicht gibt es ja auch so etwas wie anonyme Linke. Linke, die ihrem politischen Selbstverständnis nach keine Linken, aber in Wahrheit vielleicht linker sind als viele, die sich für links halten oder offiziell für links erklären. Und vielleicht bin ja auch ich einer von diesen anonymen Linken. Oder auch nicht. Gott wird es wissen.
Kommentare
Nun ja, so ein individueller…
Nun ja, so ein individueller nicht radikaler, nicht mehr ganz so linker Zentrist, der natürlich die Freiheit liebt - besonders die eigene, ist vor allem eines: Mainstream. Das zeigen auch die Wahlergebnisse. Das muss ja nichts Schlechtes sein, aber ein bißchen Wasser gehört in den Wein: In der gängigen Erzählung, nach der die Gesellschaft in immer getrenntere Blasenwelten zerfällt angeheizt von politischen Extremen und neuen Medien scheint so eine Position nicht nur staatstragend, demokratisch und gewaltarm, aber stimmt diese ganze Erzählung überhaupt? Waren nicht vielmehr Polarisierung und Straßenschlachten eine Grundkonstante des letzten Jahrhunderts, in denen bestimmte Gruppen nicht nur nicht mehr oder wenig miteinander redeten sondern sich wüst beflegelten und auch schon einmal ziemlich unkultiviert verhauten? Die Weimarer Zeit ist bekannt dafür, doch auch im Kaiserreich und nachher in Wackersdorf, bei der RAF oder dem Schahbesuch, in den Baseballschlägerjahren usw. ging es oft wenig gesittet zu. Ist außerdem dieser bequeme etwas soziale Konservatismus nicht etwas sehr bequem und denkfaul? Wie kommt es, dass internationales Recht, die Umwelt und überhaupt das öffentliche Wesen gerade auch im vermeintlich so hervorragenden Westen derart unter die Räder kommen? Warum fühlen sich viele so schlecht regiert, ausgelaugt und ausgenutzt, dass sie selbst den ärmsten Schluckern nicht mehr recht ihre Mindestversorgung gönnen? Woher kommt der tiefe Pessimismus besonders was die Zukunft betrifft und das Fehlen aller Ambitionen außer bei Islamisten, Kommunisten und Neonazis, die große Pläne haben? Selbst die klassischen Diktatorbösewichte schaufeln zwar Macht und Geld zusammen, aber was sie eigentlich damit wollen bleibt seltsam diffus? Und selbst, sind wir wirklich die halbwegs Soliden oder verpassen wir nicht gerade einige Chancen auf ein besseres Morgen? Dürfen wir das? Und geht es wirklich noch um die Seite des Zündschloßes, ob wir Windradeln ästhetisch oder doof finden oder sollten wir uns vielleicht eher gedanken machen wie wir auch in einer veränderten Welt noch von A nach B kommen und Strom haben? Und zuletzt: Die Alternativlosigkeit ist keine Erfindung böser Linker sondern der Ex-Kanzlerin, die entgegen anderslautender Gerüchte überhaupt nicht Links sondern genau so eine ziemlich verschlafene visionsarme Zentristin war. Vielleicht ist es angesichts einer gar nicht mehr so gemütlichen Welt nicht so schlecht etwas Zoff zu haben, sich und vielleicht sogar für eine andere Welt zu streiten? In der Bibel gab es übrigens reichlich Zoff um den besten Weg zu Gott oder aus der Wüste. Und Gute gab es wenige. Die meisten waren eher sympathische Versager oder Bittsteller mit moralischem Schleudertrauma. "Ich liebe doch alle" sagte übrigens ein echter fieser Linker wie man sie heute kaum noch findet. Vielleicht sollten wir weniger Harmonie und mehr gesunden Streit begrüßen und nicht die Spaltung beklagen? Vielleicht ist letztere weniger durch böse Radikale und Mediengurus als echte Interessenkonflikte, alternative Lebensvorstellungen und die vielbeschworene Vielfalt und Bundheit des Landes und der Gesellschaft bedingt?