Gewalt gegen Männer
Meist richtet sich häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder. Doch auch Frauen können Täterinnen werden und Männer Opfer von Gewalt.

Es war Nacht, drei Grad kalt, und Anton K. (Name geändert) stand in Unterhose vor seinem Haus auf der Straße. Die Polizisten hätten ihm nicht einmal Zeit gelassen, Kleider aufzuraffen, so erinnert er sich. "Meine Frau ist seit sieben Jahren alkoholkrank", erzählt der 62-jährige Vater von drei Kindern. An dem Abend im späten Oktober 2020 sei sie mit 1,7 Promille durchgedreht und auf ihn losgegangen, berichtet er. Die von der Nachbarin gerufenen Polizisten hätten aber ihn auf die Straße gesetzt. "Ich hatte ein zerrissenes T-Shirt und Kratzspuren auf der Haut, sie hatte nichts", sagt er verbittert. Seine Frau habe behauptet, er habe sie gewürgt, und die Nachbarin habe das bestätigt. Nach drei Wochen Schlafen im Auto fand er Zuflucht in einer Männerschutzwohnung in Düsseldorf.

Es gibt neun Männerschutzwohnungen in Deutschland 

Seit 2017 sind in Deutschland neun solcher Wohnungen mit insgesamt 29 Plätzen eröffnet worden, wie Enrico Damme von der Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz in Dresden berichtet.

Die Orte sind Nürnberg, Augsburg, Oldenburg, Leipzig, Dresden, Plauen, Düsseldorf, Köln und Stuttgart, die Adressen wie bei den Frauenhäusern vertraulich. Die wenigen Schutzräume reichten aber längst nicht aus.

26.900 Männer erfuhren im Jahr 2019 Gewalt in der Partnerschaft

Laut der 2020 veröffentlichten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2019 knapp 26.900 Männer Opfer von Gewalt in Partnerschaften, das sind 19 Prozent aller Fälle. Jede fünfte aller Tatverdächtigen war eine Frau. Bei Mord und Totschlag in Partnerschaften war jedes vierte Opfer ein Mann, bei gefährlicher Körperverletzung 30 Prozent.

Opfer von häuslicher Gewalt zu sein, sei für Männer wie Frauen beschämend, erklärt Petra Zöttlein. Sie leitet das Frauenhaus Hagar und die Männerschutzwohnung Riposo der Caritas Nürnberg.

Opfer von Gewalt durch eine Frau zu sein, sei für Männer aber doppelt beschämend. Es widerspreche ihrer zugeschriebenen Rolle "Ein Mann ist stark", "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", sagt Zöttlein: "Welcher Mann gibt zu, dass seine Frau ihn schlägt?"

Männer sind von physischer und psychischer Gewalt betroffen

Kratzen, Beißen, Schlagen hätten die Klienten erlitten, die quer aus der Gesellschaft kämen, berichtet Zöttlein. Hinzu komme psychische und soziale Gewalt, die genaue Kontrolle der Kontakte oder der erzwungene Abbruch von Familienbeziehungen.

Zöttlein konnte auch Männern helfen, die vor einer Zwangsheirat flüchteten und die Rache ihrer Familien fürchteten. Auch die mittlerweile vier Plätze der Ende 2019 eröffneten Nürnberger Wohnung seien durchgehend gut besetzt, sagt Zöttlein - es gebe mehr Anfragen als freie Plätze.

Bayern und Nordrhein-Westfalen richten Hilfetelefon "Gewalt an Männern" ein

Auch der Freistaat Bayern hat das Thema erkannt und daher vor einem Jahr gemeinsam mit Nordrhein-Westfalen das bundesweit einmalige Hilfetelefon "Gewalt an Männern" ins Leben gerufen. Unter der Telefonnummer 0800 123 99 00 können sich Männer melden, die von verschiedenen Arten von Gewalt betroffen sind.

Eine unlängst veröffentlichte Auswertung nach einem Jahr Laufzeit ergab 1.825 Kontakte, die sowohl telefonisch als auch per E-Mail erfolgt waren. Die Betroffenen waren mehrheitlich (zu 77 Prozent) bis 50 Jahre alt, wobei sich auffällige Schwerpunkte bei den 31- bis 50-Jährigen erkennen ließen. Männer über 60 Jahre sowie junge Männer bis 25 Jahre waren vergleichsweise selten vertreten.

Anzahl der Opfer ist in den vergangenen Jahren gestiegen

"Die Partnerschaftsgewalt zum Nachteil von Männern scheint von zunehmender Relevanz zu sein", schreibt das Bundeskriminalamt. Sowohl die absolute Zahl als auch der Anteil der männlichen Opfer seien in den vergangenen Jahren gestiegen.

Andere Erfassungen wie die des sächsischen Landeskriminalamtes 2016 oder der Online-Befragung "Partner fünf" der Hochschule Merseburg 2020 geben an, dass 30 Prozent der Opfer häuslicher beziehungsweise partnerschaftlicher Gewalt Männer seien.

Anton K. half die Männerschutzwohnung weiter

Für Anton K. war die Männerschutzwohnung die Rettung. "Das war das absolute Highlight für mich", sagt er. "Von da aus konnte ich wieder Luft schnappen und überlegen: Was mache ich jetzt?" Auch die Beratungsgespräche hätten ihm sehr geholfen. "Ich habe zwei, drei Tage lang nur geheult." Zwei Monate lang wohnte K. dort. "Ich bin mit einem guten, geborgenen Gefühl wieder raus."

Betroffene wurden oftmals jahrelang misshandelt

"Wir sind sehr gut ausgelastet", berichtet Manfred Höges, Leiter des Projekts "Freiraum" in Düsseldorf. Die Klienten sind nach seiner Erfahrung meist Männer in der Mitte des Lebens und wurden von ihrer Partnerin oder in einem Fall von dem Partner jahrelang misshandelt.

Sie hätten Drohungen erlebt wie: "Wenn du das nicht machst, bringe ich mich um", oder: "Dann wirst du das Kind nie wiedersehen". Körperliche Gewalt gegen sie werde von den Männern oft bagatellisiert.

Evangelischen Männerarbeit Mecklenburg-Vorpommern will ein "Männerkompetenzhaus"

Die Idee der Schutzwohnungen pflanzt sich fort: Pastor Ralf Schlenker von der evangelischen Männerarbeit Mecklenburg-Vorpommern will ein "Männerkompetenzhaus" in einer Kleinstadt gründen. Ihm schwebt ein Haus vor, in dem ein Mann oder mehrere Männer übergangsweise wohnen können, Konflikte bewältigen und ihr Leben neu ausrichten. Dafür sucht er Mitstreiter.

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