Evangelische Morgenfeier
Erntedank ist nicht nur ein Fest für Bauernfamilien, Winzer und Imkerinnen. Der Zusammenhang von Dank und Seelenruhe ist für jeden wichtig. Wenn ich anfange, das Brot zu meditieren, das ich jeden Tag esse, verändert sich etwas. Evangelische Morgenfeier von Pfarrer Tobias Wittenberg, Nürnberg
Erntedank

Brot auf dem Erntedankaltar

Ein runder Laib Brot und darauf aus hellerem Teig Kornähren.  Dieses Brot auf dem Altar ist für Erntedank so was wie der Kranz mit Kerzen für den 1. Advent. Er gehört einfach dazu. 

Wer in einer Dorfkirche heute Gottesdienst feiert, wird es sehen. Dort ist dieses Erntedankbrot nur ein kleiner Teil einer stolzen Lebensmittelpyramide. Aufgeschichtet aus Kohlköpfen, hellgrün und dunkellila, aus Kartoffelsäcken, strammem Lauch und Körben voll Zwiebeln, Äpfeln und Zwetschgen, selbst gekochter Marmelade. Und auf dem Weg zur Kirche ist man wahrscheinlich an Feldern oder Weinbergen vorbeigekommen, an Hügeln mit Wald, vielleicht sogar noch an Tieren auf den Weiden. Hier ist all das gewachsen, was auf dem Altar liegt. Und der Mensch mittendrin, der gesät und geerntet hat. Hier hat Erntedank als Fest einen Sinn. Hier gehören Erntefeste, die es in allen Religionen gibt, hin: aufs Dorf, in die Landwirtschaft. 

Wie können die anderen dieses Fest feiern, die nicht selbst geerntet haben? Bei mir waren es im vergangenen Jahr höchstens ein paar Handvoll Pfefferminzblätter und Rosmarinstengel und Basilikum vom Balkon. Und einmal waren es auch Blaubeeren auf dem Selbstpflückfeld in der Nähe.

 In der Stadt geht mein Weg in die Kirche durch wenig Grün. Dafür komme ich zwischen Tankstellen und Getränkemärkten hindurch, schlendere an ersten Frühstücksgästen in den Straßencafés vorbei. Entfernt scheppert die Durchsage der S-Bahn.  Auch hier liegen in der Kirche ein paar Lebensmittel auf dem Altar, die die Kindergartenkinder mitgebracht haben: Nudelpackungen und Dosen, Kaffee und ein Tetrapack Hafermilch, freilich Äpfel und Kartoffeln. Liebevoll. Aber irgendwie wirkt es auch ein wenig hilflos. Als würden wir nachmachen, was in einer Dorfkirche gut passt, aber nicht im Speckgürtel der Städte oder mitten in der Fußgängerzone.

 Nur das Brot auf dem Altarwirkt anders. Es hat hier die gleiche Bedeutung wie auf dem Dorfaltar. Es ist eine Gabe, ein Ausdruck des Dankes. Das tägliche Brot, um das wir bitten.

Zuhause liegt es auf einem Brett, in einem Korb, im Brotkasten, im Plastikbeutel. In allen Geschmacksvarianten, vollkornig, ciabattaleicht, dicht an dicht prall von Sonnenblumenkernen, oder es duftet nach Roggen.. 

Wofür ich dankbar bin

Am ersten Advent zünde ich eine Kerze an. An Erntedank nehme ich ein Stück Brot in die Hand.  Alles, wofür ich dankbar bin, kann ich da sehen, riechen, schmecken.

 
"Lobe den Herrn, meine Seele!
  Du lässt Gras wachsen für das Vieh
 und Saat zu Nutz den Menschen, 
 das du Brot aus der Erde hervorbringst,
 dass der Wein erfreue des Menschen Herz
 und sein Antlitz glänze vom Öl 
 und das Brot des Menschen Herz stärke." (aus Psalm 104)

Ich bin dankbar, dass ich bisher an jedem Tag meines Lebens genug zu essen hatte. Vermutlich gäben die Vorräte selbst dann genug her, wenn wir als Ehepaar zwei Wochen lang nicht einkaufen würden. Der Käse und das Gemüse im Kühlschrank, die Schachteln mit Keksen, die Dosen mit Tomaten und Kokosmilch. Wäre mal ein Experiment, wie lange wir wirklich durchhalten könnten, irgendwann gäbe es halt vor allem Pfannkuchen und Müsli … Selbst wenn wir alle Vorräte aufgegessen hätte, wäre da immer noch Kaffee, Milch und Teebeutel und der halbe Kasten Bier. 
Und sauberes, frisches Wasser - direkt aus dem Hahn. 

"Lobe den Herrn, meine Seele!
  Du lässt Gras wachsen für das Vieh
  und Saat zu Nutz den Menschen,
  dass du Brot aus der Erde hervorbringst,
  dass der Wein erfreue des Menschen Herz
  und sein Antlitz glänze vom Öl
  und das Brot des Menschen Herz stärke." (aus Psalm 104)

Mein Kühlschrank ist voll und meine Schränke auch. Ich habe wirklich Grund dankbar zu sein. "Habe Ruhe meine Seele", flüstert die Dankbarkeit mir zu und ich spreche es ihr nach. "Ja, habe Ruhe meine Seele, Gott versorgt dich." 

Wieviel muss ich haben, um mich sicher zu fühlen?

Aber ich kenne auch das andere: Den Wunsch, zu haben, um mich sicher zu fühlen. Den Wunsch zu besitzen, um gleichzeitig die Kontrolle zu haben. 

Jesus erzählt von einem Mann, der wie ich Vorräte hat – aber nicht nur für Wochen, sondern sogar für Jahre!

Jesus sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat. Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: 
Es war ein reicher Mensch, dessen Land hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Güter und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! 
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast? (Lukas 12, 15-21)

Jesus schildert einen reichen Mann, nicht einen durchschnittlichen Bauern seiner Zeit. Ich stelle mir vor, dass er sicherlich drei Mahlzeiten am Tag hat, ein Anwesen, Kleidung für jeden Anlass, vermutlich ein Pferd oder mehrere, Bedienstete. Es geht also um einen Mann, der genug hat. Und durch die Ernte hat er nun noch mehr. Und sein einziger Gedanke ist: "Wie soll ich das lagern? Wohin mit all diesen Vorräten?"

Er könnte teilen, spenden– oder zumindest günstig verkaufen, so dass die Ärmeren mit wenig Geld auch zu etwas kommen! Wie schön wäre es doch, wenn Überfluss den Ärmeren zugutekommt! Das geht mir zum Beispiel bei "Wer wird Millionär?" so. Da macht es richtig Spaß, wenn mal eine gewinnt, die es wirklich nötig hat. Weil der kleine Betrieb in den Miesen ist oder wegen einer Krankheit oder sonst was. Großartig. 

Aber mir geht bei "Wer wird Millionär?" auch regelmäßig was anderes durch den Kopf: was würde ich eigentlich mit einem Gewinn dort machen? Wenn ich das Lastenfahrrad bezahlt hätte, das ich mir wünsche – wieviel würde ich dann eigentlich spenden? Zehn Prozent? 30 Prozent? Moment, noch mal: Wenn ich das Lastenfahrrad bezahlt hätte, das ich mir wünsche und 10.000 € zur Seite gelegt hätte, nur so für alle Fälle … und vielleicht nochmal 10.000 € für eine Amerikareise mit den Kindern … mmm … vielleicht doch nicht spenden?

 Geld von "Wer wird Millionär?" wäre für mich, wie wenn der reiche Mann eine reiche Ernte einfährt. Und ich merke auch bei mir die Versuchung, Scheunen zu bauen. Und gleich danach fallen mir die Scheunen anderswo in der Welt ein. Scheunen, die eher hier im Norden stehen, weltweit gesehen. Scheunen mit Geld, mit Medikamenten, mit Impfstoff, mit Versicherungen … 

Wie viel muss ich haben, um mich sicher zu fühlen?  Bei dem Mann in der Geschichte ist das offenbar ein Haufen. Jesus formuliert es wunderbar, wie der Großgrundbesitzer mit seiner eigenen Seele redet, mit seinen inneren Bewegungen und Gedanken und Gefühlen:

 "Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!" 

Und sein Drang, zu besitzen, nur um sich sicher zu sein, ist so groß, dass er sogar bereit ist, die vorhandenen Scheunen abzureißen. Nach meinen groben Kenntnissen von Betriebswirtschaft keine sehr kluge Entscheidung. Man baut doch nur dann neu, wenn die größeren Gebäude etwas in Bewegung bringen! Wenn dort mehr gefertigt werden kann oder kreativer gearbeitet oder vielleicht die Logistik intelligenter wird. Aber nur größer bauen, um mehr zu lagern? Ohne dass das Gelagerte Gewinn bringt?

 Wenn das, was ich habe, nicht nur mir gehört

Ich verstehe die Geschichte, die Jesus erzählt, so: Ist dein Besitz nur in der Scheune? Oder ist dein Besitz Teil eines großen, fließenden Reichtums? Teil eines Kreislaufs. Wo du etwas bekommst und anderes gibst. Fließender Reichtum – auch, weil die, die haben, nicht horten, sondern investieren.  Jesus führt den Mann weiter über sein bisheriges Gespräch mit seiner Seele hinaus. Er bringt Gott mit ihm ins Gespräch. Und der fragt den Mann: 

"Und wem wird dann gehören, was du bereitet hast?"

Wem gehört’s?  Was, wenn das, was ich habe, nicht mehr nur mir gehört, sondern mehreren Menschen? Was, wenn ich mit anderen so zusammenlebe, dass es Dinge gibt, die uns gemeinsam gehören? Wie könnte die Wirtschaft eines Landes aussehen, wenn das Ziel ist, dass der Reichtum nicht in der Scheune bleibt, sondern ins Fließen kommt? 

Eine Kollegin hat mir von ihren Jahren in Brasilien erzählt. Von Menschen, die nach unseren Maßstäben absolut nichts haben – und wie sie es doch schaffen zu teilen. Großzügig zu geben, wenn jemand in noch größere Not gerät. 
Sie erzählt von der alleinerziehenden Mutter, der andere Menschen aus der Gemeinde immer Essen mitgebracht haben. "Wir haben viel zu viel gekocht, kannst du es bitte nehmen?", haben sie behauptet. Weil sie ihr nicht nur Essen geben wollten, sondern ihr auch die Würde erhalten. 

Sie erzählt, wie ihre furchtbar arme Gemeinde in Coronazeiten einer noch viel ärmeren Gemeinde auf dem Land geholfen hat.  Sie erzählt, wie wärmend die Gemeinschaft ist, wie warm das Miteinander im Gottesdienst. Und wie alle offensichtlich darauf vertrauen, dass auch für sie selbst gesorgt sein wird, wenn es bei ihnen drauf ankommt. 

"Meine liebe Seele," sag ich da zu mir, "guck mal hin, wie schön. Hab Ruhe meine Seele, komm zur Ruhe." 

Ein Freund hat seine Frau in der Ukraine kennengelernt. Mit blitzenden Augen schildert er, wie die Innenstädte am Samstagabend voll sind – obwohl keiner viel Geld hat. Aber man macht sich zurecht, die Leute kleiden sich schick, die Frauen schminken sich, man trifft sich mit Freunden. Vielleicht gibt es den ganzen Abend über nur ein Glas Wein, aber es ist schön zusammen zu sein. 

"Meine liebe Seele, lass doch die Spannung ein bisschen los. Es geht dir gut – mit wem kannst du teilen?"

 Muss ich die Schlagbohrmaschine besitzen? Ich kann sie auch leihen. Umgekehrt leihe ich gerne meine Bücher her. Ich erinnere mich daran, wie es war, als ich eine leere Wohnung einrichten musste, und mir jemand seine Küche geschenkt hat. Und wie schön es war, meinen unbenutzten Gitarrenverstärker weiterzugeben!

Hunger - menschengemacht

"Aller Augen warten auf dich, Herre, und du gibst ihnen Speise zu seiner Zeit.                                              
Du tust deine milde Hand auf und sättigst, alles, was da lebet mit Wohlgefallen."

Ein Lied, das ein Tischgebet ist. Unter Pfarrerinnen und Pfarrern sehr beliebt.  Während meiner Ausbildung stehe ich mit anderen um die gedeckten Tische im Speisesaal im Predigerseminar in Bayreuth. Und wieder stimmt jemand dieses Lied an. Neben mir steht ein Dozent, ein Krankenhauspfarrer, der uns gerade in Seelsorge ausgebildet hat. Er schweigt. Er singt nicht mit. Ob er das Lied nicht kennt? Nach dem Lied greifen alle zum Besteck, jemand teilt das Essen aus den Schüsseln aus, und ich beginne munter Smalltalk mit ihm: "Sie singen gar nicht mit." "Nein", antwortet er ernst. "Weil es nicht stimmt." 

Mehr weiß ich nicht mehr von dem Gespräch. Aber ich habe oft darüber nachgedacht. Was hat er genau gemeint? Ich vermute, er fand es gedankenlos, dass wir einfach so singen, Gott würde alle versorgen. Denn offensichtlich lässt der Hunger an so vielen Stellen auf der Welt Menschen leiden und sterben! Wie kann man da sagen, dass Gott alle satt macht? Bin ich da mit meinem Dank, mit meinem Essensdank, meinem Erntedank zu naiv? 

Ich kann Menschen gut verstehen, die manchmal wegen des Leids in der Welt an einem gütigen, mächtigen Gott zweifeln. Wirklich. Aber beim Hunger in der Welt ist es anders. Der hat für mich nichts mit Gott zu tun. Sondern viel mit uns Menschen. Wir sind dafür verantwortlich. Nicht direkt Sie, liebe Leserinnen und Leser. Auch nicht direkt ich. Und trotzdem wir. 

Gerechtigkeit – etwas kommt in Bewegung 

Großzügig teilen – weil alles, was wir haben Teil eines gemeinsamen, fließenden Reichtums ist. Eines Reichtums, von dem ich ganz kindlich glaube, dass er von Gott kommt.

 Wie geht es, dass Reichtum fließend wird? Dafür sind viele Ideen unterwegs. Wir kennen die Ideen längst– aber Erntedank erinnert daran, dass es nicht langt, sie zu kennen. Sondern dass es darum geht, sie zu üben. Einzuüben. Auszuüben. Ich zähle nur ein paar davon auf.

Darauf zu achten, dass Lebensmittel nicht verschwendet werden, hilft. 
Das zu kaufen, was in den Supermärkten sonst weggeworfen würde, hilft. 
Faire Kleidung zu kaufen hilft! 
Es hilft, Plastik zu sparen und es hilft, weniger zu fliegen. 
Es hilft, Dinge so lange zu verwenden, wie es geht. 
Es hilft zu spenden – sogar mehr noch als früher! Früher hatten viele Menschen die Angst, dass Geld irgendwo versickern könnte. Heute ist es häufig möglich, dass Geld direkt in kleinen Beträgen an Menschen in Krisengebieten geht. Per SMS. Per Geldkarte. Erstaunt und glücklich habe ich Berichte der "Diakonie Katastrophenhilfe" gelesen, dass immer seltener Hilfstransporte Waren für viel Aufwand irgendwohin bringen. Sondern dass die notwendigen Güter vor Ort gekauft werden. Weil die Wirtschaft vor Ort auf diese Wiese angekurbelt wird. Und – mindestens genauso wichtig – dass Menschen so nicht nur Hilfsgüter bekommen, sondern auch ein Stück Würde, weil sie selbst einkaufen können.

 Die Ideen sind alle nicht neu – und wenn jemand eine neue Idee hat, her damit!

Es geht darum, dass der Reichtum, den wir als Menschheit haben, in den Fluss kommt. Mal dorthin, mal hierhin fließt, beweglich wird. Man könnte auch sagen, dass das diese "Gerechtigkeit" ist, über die alle reden und die wir auch in den Wahlkampfwochen so viel gehört haben. Gerechtigkeit, das klingt in meinen Ohren schnell nach einem Wort über das man sich nicht endend streiten kann. Doch die Bibel ist da viel schlichter. Gerechtigkeit ist etwas, was ich tue. Was ich übe, einübe. Wo etwas in Bewegung kommt. 

Brot backen und beruhigend mit der eigenen Seele reden

In den Kirchen liegt heute ein Brot auf dem Altar. Für mich ein Symbol für: Lebe Dankbarkeit! Symbol für: Lerne zu teilen. Hilf mit, dass der Reichtum in den Fluss kommt! Es ist für mich aber auch ein Symbol für ein Drittes. Und das hat damit zu tun, wie es denn zu so einem Brot kommt.

 Seit gut vier Jahren backe ich regelmäßig Brot.  Ich nehme den Sauerteig aus dem Kühlschrank. Denselben Sauerteig, den ich seit Jahren immer wieder benutze. Meine Trauzeugin hat ihn mir gegeben. Unsere Brote sind sozusagen verwandt. Ich füge Roggenmehl und lauwarmes Wasser hinzu, rühre um und decke das Ganze mit einem karierten Küchentuch ab. 

Und dann warte ich.

 Irgendwann am nächsten Tag teile ich den Sauerteig, stelle die eine Hälfte wieder in den Kühlschrank. Ein bisschen ist es, als erzählte mir dieser Sauerteig, dass es nie aufhören wird, Brot zu geben. Der andere Teil des Sauerteigs kommt in die Rührschüssel, mit Wasser und Mehl, Salz, Fenchelsamen, Kümmel und Koriander und manchmal noch mit diesem und jenem. 

Und dann warte ich. 

Nach etwas Kneten lege ich je ein Stück Teig in ein Körbchen, das dem Brot auch die Form gibt.

 Und dann warte ich. Wie bei den Malen zuvor ist es jedes Mal aufregend, wenn ich das Tuch abhebe. Ist der Teig so geworden, wie er sein soll? Dann heize ich den Küchenofen, zunächst so heiß, wie es geht! Meistens lege ich noch einen Brotbackstein auf den Rost, der die Hitze aufsaugt und dann ans Brot weitergeben wird. Und unten drunter kommt in ein tiefes Blech noch kochendes Wasser. Und jetzt: Hinein mit dem Teig!

Und dann warte ich wieder – mehr kann ich nicht mehr tun.

 So ähnlich könnte vermutlich auch eine Bauersfamilie erklären, wie ihr Jahr so verläuft. In welchen Schritten sie die Felder vorbereiten, welche Maschinen es braucht, wann gesät wird, welche Pflege die Pflanzen brauchen, wie die Ernte vonstatten geht. Ein Landwirt hat mir mal gesagt: "Als Bauer, da brauchst du schon Glauben. Da säst du diese kleinen Körner in die Erde – und kannst nur warten." 

Und dann das Ende des Backens. Die Wonne beginnt schon, wenn der Geruch langsam aus dem Ofen dringt und aus der sanften Oberfläche eine knusprige Kruste wächst. Wenn ich dann die Laibe raushole und unten draufklopfe und es hohl klingt und alles warm und brotig duftet – und die erste Scheibe zwischen den Zähnen knuspert und auf der Zunge geschmeidig zergeht … 

Das Brot auf dem Altar ist für mich ein Symbol dafür, dass es ein langer, langsamer Weg ist, den wir gehen. Ein Weg von dem auch gilt: "Da brauchst du schon Glauben!" Weil wir zwar manchmal arbeiten, etwas tun können – und dann nur warten.

 Der Weg zu mehr Gerechtigkeit, zu fließendem Reichtum auf der Welt ist zwar langsam. Aber nicht vergeblich: Ist es nicht genial, dass heute selbst die großen Kaffeehausketten nicht umhinkommen, fairen Kaffee auszuschenken? Und dass die Discounter mit fairer Schokolade werben? Da soll noch mal jemand sagen, unser Kaufverhalten bringt nichts! Vielleicht wird es in zehn Jahren so sein, dass die großen Bekleidungsketten ihre Klamotten gar nicht mehr verkauft bekommen, wenn die Sachen nicht fair gehandelt sind! 

Ist es nicht wunderbar, wie hoch die Spendenbereitschaft für die Flutopfer in Rheinland-Pfalz, in Nordrhein-Westfalen und im Saarland ist? Und dass gleichzeitig im vergangenen Jahr die Spendenbereitschaft auch für Projekte in der ganzen Welt gestiegen ist in Deutschland?

Manches Brot kommt schon aus dem Ofen. Anderer Teig liegt im Körbchen, es braucht Geduld. Und wieder anderer wird gerade erst angerührt. Aber der Sauerteig ist überall der Gleiche – Großzügigkeit, Teilen, Dank, Glauben. Und wohl auch, beruhigend mit der eigenen Seele reden.

Habe Ruhe, meine Seele … Gott versorgt dich. 
Habe Ruhe, meine Seele, wage es dankbar zu sein. 
Habe Ruhe, meine Seele, übe zu teilen. 
Habe Ruhe, meine Seele …

 

Die Evangelische Morgenfeier

"Eine halbe Stunde zum Atemholen, Nachdenken und Besinnen" - der Radiosender Bayern 1 spielt die Evangelische Morgenfeier für seine Leserinnen und Leser immer sonntags von 10.32 bis 11.00 Uhr. Dabei haben Pfarrerinnen und Pfarrer aus ganz Bayern das Wort. "Es geht um persönliche Erfahrungen mit dem Glauben, die Dinge des Lebens - um Gott und die Welt."

Sonntagsblatt.de veröffentlicht die Evangelische Morgenfeier im Wortlaut jeden Sonntagvormittag an dieser Stelle.

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"Danke sagen zu den Gaben der Natur, Danke sagen zu den Produkten der Landwirtschaft, die wir am Erntedankfest auf den Altar legen – das ist ein Akt der Verbindung. Durch unser Dankgebet, schreibt Paulus, machen wir die Schöpfung heilig und rein." Die Evangelische Morgenfeier von Pfarrer Werner Küstenmacher aus Gröbenzell.

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