Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sorgte zuletzt mit ihrer Forderung, "wir" müssten länger arbeiten, für Schlagzeilen. Ihr Verhältnis zu Religion und Kirche ist hingegen komplex und vielschichtig.

So sind ihr öffentliches Auftreten, ihre persönlichen Lebensentscheidungen und ihre politischen Positionen stark von ihrer christlichen Prägung beeinflusst. Zugleich führt ihr individueller Lebensstil immer wieder zu Spannungen mit bestimmten kirchlichen Moralvorstellungen.

Ein Blick auf zentrale Aspekte ihrer Haltung und ihres Verhältnisses zu Religion und Kirche zeigt: Die in Luckenwalde geborene Diplom-Chemikerin vereint christliches Bekenntnis, umstrittene Moralvorstellungen und Konflikte mit den Kirchen in einer Person.

Katherina Reiche: Sichtbare christliche Identität und gegen die Ehe für alle

Die CDU-Politikerin bekennt sich offen zum christlichen Glauben und ist evangelisch. Symbolisch sichtbar macht sie dies unter anderem durch das Tragen einer Kette mit einem Jesuskreuz.

Als Politikerin vertritt sie oft konservativ-christliche Positionen und schreckt dabei auch vor Kontroversen nicht zurück. Besonders deutlich wurde das an ihrer Haltung zur rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare im Jahr 2002 (Lebenspartnerschaftsgesetz): Sie bezeichnete diese öffentlich als "Angriff auf Ehe und Familie" – ein Statement, das sowohl in ihrer Partei als auch gesamtgesellschaftlich für scharfe Kritik sorgte.

2012 legte Reiche, die damals Staatssekretärin im Bundesumweltministerium war, nach. In der Debatte um die Ehe für alle erklärte sie: "Unsere Zukunft liegt in der Hand der Familien, nicht in gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften." 

Verhältnis zu den christlichen Kirchen: Zwischen Nähe und Konflikt

Katherina Reiche steht also einerseits für ein öffentliches Bekenntnis zum Christentum und andererseits für sehr konservative Wertvorstellungen. Ihr Verhältnis zu den Kirchen ist jedoch ambivalent. Als sie 2002 von Kanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) als Schattensozialministerin nominiert wurde, kam insbesondere aus konservativ-kirchlichen Kreisen massive öffentliche Kritik.

Der Grund: Die Mutter von drei Kindern war unverheiratet. Kölns Kardinal Joachim Meisner sprach in diesem Zusammenhang gar von einer "Demontage des christlichen Ehebildes". Selbst ein Spitzentreffen der Deutschen Bischofskonferenz beschäftigte sich mit der Ministerkandidatin.

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte große Vorbehalte gegen ihr eigenes Mitglied Reiche als mögliche Ministerin. Diese waren allerdings weniger auf ihre Rolle als unverheiratete Mutter zurückzuführen, sondern resultierten aus ihrer Haltung zur Stammzellenforschung. In dieser Debatte vertrat sie nämlich ziemlich liberale Positionen. Ein EKD-Sprecher bemerkte zu Reiches Haltung: "Wir teilen ihre Position der weit gehenden Liberalisierung in keiner Weise; da sind wir völlig uneins mit ihr." Er betonte aber auch, man wolle sich in personalpolitische Entscheidungen von Parteien nicht einmischen.

Die ganze Aufregung erwies sich letztlich ohnehin als unbegründet – ungeachtet aller ethischen und theologischen Einschätzungen. SPD und Grüne gewannen die Bundestagswahl und Stoiber wurde nicht Kanzler.

Ein Jahr später, 2003, heiratete Reiche dann ihren langjährigen Partner – in einem Kloster. Diese Hochzeit wurde von vielen als symbolträchtige "Legalisierung" einer unkonventionellen Beziehung zur Rehabilitation im konservativen Umfeld gelesen.

Kirchliches Engagement und Bindungen

Trotz dieser Vorgeschichte gilt und galt Reiche als gut vernetzt im kirchlichen Umfeld. Dabei macht sie an konfessionellen Grenzen nicht halt: Als Mitglied der evangelischen Kirche engagierte sie sich beispielsweise auch für die Gründung der katholischen Marienschule in Potsdam im Jahr 2008.

Katherina Reiche steht für einen Typus von Politikerin, die das Christentum nicht als starres Regelwerk, sondern als persönliche Richtschnur versteht – mit allen sich daraus ergebenden Spannungen. Ihr Bekenntnis zum Glauben ist sichtbar und prägt ihre politische Haltung, auch wenn sie damit immer wieder aneckt – bei gesellschaftlichen Debatten ebenso wie in den Kirchen selbst.