Die evangelische Theologin Agnes Schmidt beschäftigt sich in Ihrer Reihe PrayerLab intensiv mit dem Thema Meditation. Ihre Anleitungen sollen helfen, einen anderen Zugang zur Bibel zu finden.

Die Geschichten der Bibel können wir analysieren. Doch kommen dabei oft mehr Fragen auf als Antworten. Eine andere Art und Weise, an die Texte der Bibel heranzugehen, zielt weniger auf die Verstandesebene  - sondern auf das emotionale Erleben. Deshalb schätze ich  die Ignatianische Bibelmeditation so. Sie wurde zur Zeit Luthers von Ignatius von Loyola entwickelt, einem spanischen Mönch und Gründer des Jesuitenordens. Seither wurde diese Methode weiter entwickelt. Bis heute ist sie eine der Methoden dieses Ordens, neben dem Examen.

Faszinierend an dieser Methode ist, dass die Sinne und die Vorstellungskraft aktiv eingesetzt werden. Nachdem der Text gelesen wurde, stellt sich der Meditierende die Szene vor dem inneren Auge detailliert vor. So zum Beispiel die Temperatur an diesem Tag, den Wind oder Sonnenschein, die Landschaft oder das Haus, Geräusche, Gerüche oder sogar einen Geschmack.

Erst nachdem ich als Meditierende eingetaucht bin in diese Welt beginne ich, die Geschichte Szene für Szene wie einen Film vor dem inneren Auge abspielen zu lassen. Ich kann eine der Personen der Geschichte verkörpern oder eine Beobachterin sein. So kann ich die Geschichte auch mehrmals aus unterschiedlicher Perspektive erleben. Bei dem Akt des Vorstellens frage ich mich nach jedem Schritt, was diese Szene und diese Gefühle in mir auslösen. Im letzten Schritt der Meditation kann ich mich darum bemühen, mit Gott ins Gespräch zu kommen.

In der folgenden Anleitung stelle ich die Bibelmeditation vor, wie ich sie selbst machen würde. Für die Meditation benötigst du etwa zehn bis zwanzig Minuten. Am besten begibst du dich an einen Ort, wo du für diese Zeit ungestört sein kannst.

 

Schritt 1: Lesen

Und er stieg in das Boot und seine Jünger folgten ihm. Und siehe, da geschah ein großes Beben im Meer, sodass das Boot von den Wellen bedeckt wurde. Er aber schlief. Und sie traten zu ihm, weckten ihn auf und sprachen: Herr, hilf, wir verderben! Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? Und stand auf und bedrohte den Wind und das Meer; und es ward eine große Stille. Matthäus 8,23-26 (Luther 2017)

Schritt 2: Sinneswahrnehmungen

Ich stelle mir vor: Ich bin eine der Personen auf diesem Boot oder als BeobachterIn dabei. Wie ist das Wetter? Fühle ich den Wind auf der Haut? Welche Kleidung trage ich? Spüre ich das Schaukeln des Bootes? Was rieche ich? Was höre ich? Ich stelle mir die Gruppe der Jünger vor, die auf dem Boot sitzen, überlege, wie sie aussehen, wo sie stehen, blicke auf ihre Gesichtsausdrücke und ihre Gespräche.

Schritt 3: Szenisches erleben

Ich lasse die Geschichte Szene für Szene abspielen. Ich steige ins Boot gemeinsam mit Jesus und den Jüngern. Wir alle merken, wie der Wind aufkommt und das Meer sich aufrauht. Die Wellen türmen sich auf und peitschen gegen das Boot. Der Wind reißt das Boot hin und her. Ich höre das laute Krachen, wenn die Wellen sich am Boot brechen, spüre, wie das ganze Boot bebt. Der Boden ist rutschig und ich kann mich gerade so festhalten. Ein Seemann ruft: "Jede weitere Welle könnte das Boot brechen!". Ich beobachte meine Gefühle und Emotionen:

  • Was geht mir durch den Kopf? Wie verhalte ich mich?
  • Wir alle sehen, wie Jesus hinten im Boot liegt. Das Schwanken des Bootes lässt ihn hin und her rutschen. Er schläft tief und fest. Wie reagieren die Jünger um mich? Wie reagiere ich in dieser Szene?
  • Einer der Jünger weckt ihn und ruft "Herr, hilf, wir verderben!". Er wacht auf. Er sagt "Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam?" Mit welchen Tonfall höre ich ihn das sagen? Wie ist sein Gesichtsausdruck dabei?
  • Dann steht er auf und bedroht den Wind und das Meer. Es beruhigt sich. Es wird still. Völlige Ruhe. Was fühle ich in diesem Moment?

Schritt 4: Dialog mit Gott

Ich stelle mir, dass ich nach diesen Geschehnissen ein paar Minuten mit Jesus unter vier Augen sprechen kann. Was möchte ich ihn fragen oder sagen? Was würde er mir sagen? Ich führe den Dialog weiter, bis alle Fragen gestellt sind und mein Geist zur Ruhe kommt. Ich verweile noch ein paar Sekunden in dieser Ruhe. Um das Gebet zu beenden, bedanke ich mich.

Wie ging es dir beim Ausprobieren? Schreib gerne in den Kommentaren, was dir besonders gut gefallen hat, oder was du dir daraus mit nimmst.

Bis zum nächsten Mal!

Deine Agnes

PrayerLab: Anleitungen für Gebet und Meditation mit der Bibel

Unsere Reihe "PrayerLab" bietet Euch konkrete Anleitungen und Methoden: Wie kann ich beten einüben? Wie kann ich mit der Bibel meditieren? Wir stellen Euch konkrete Methoden vor, erklären die historische Entstehung und geben Euch eine praktische Anleitung.

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