1.11.2020
Corona-Pandemie

Jugendherbergen ohne Jugend - Wegen Corona fallen Klassenfahrten weg und die Betten bleiben leer

Die Corona-Pandemie hat die Jugendherbergen in eine tiefe Krise gestürzt: Weil keine Klassenfahrten mehr stattfinden, bleiben die Häuser auf ihren Kosten sitzen. Auch die gestiegene Zahl an Touristen kann den Umsatzrückgang nicht ausgleichen.
Ein Mädchen auf einer Schaukel (Symbolbild)

Die Jugendherberge Prora auf Rügen: Zweibett-Zimmer sind in dem Haus, einem renovierten Teilstück des viereinhalb Kilometer langen Bauwerks aus der Zeit des Nationalsozialismus, keine mehr frei. Im Speisesaal sitzen Touristen an den Tischen, vor allem Familien mit Kindern, aber auch Senioren. Alle mit Hygieneabstand. Seitdem durch die Corona-Krise keine Klassenfahrten mehr stattfinden, bleiben in vielen Jugendherbergen die Betten leer. Nur in touristisch beliebten Regionen können erwachsene Gäste die Verluste ein wenig abfedern. Wie an der Ostsee oder dem Voralpenland.

Deutlicher Rückgang bei Übernachtungen von Kindern

"Im Kinder- und Jugendreisesegment hatten wir 69 Prozent weniger Übernachtungen als sonst", fasst Miriam Gedrose vom Jugendherbergsverband Mecklenburg-Vorpommern die Situation zusammen.

Dem Verband sind 14 Jugendherbergen angeschlossen, darunter auch Prora. Dort gab es in den Sommermonaten bei den Übernachtungen von Familien und Senioren einen Zuwachs von 30 Prozent. "Um zu überleben, sind wir jedoch auf die Gruppen angewiesen", sagt die Sprecherin. Die kommen aber wegen Corona nicht.

Auswirkungen für die Herbergen

Die Folge: Sieben der 14 Jugendherbergen blieben in der Hauptsaison geschlossen, weil sich der Betrieb nicht rentierte. Jetzt beginnt die Winterpause.

Zwar helfen Mittel von Land und Bund zur Überbrückung der Krise, doch "wir sind überhaupt nicht über dem Berg", sagt Gedrose. Einen Lichtblick gibt es bei den Vorbuchungen für den März, wenn die Saison wieder beginnt: Viele Gruppen wollen den Häusern treu bleiben.

20.000 Übernachtungen weniger

Vom hohen Norden in den tiefen Süden. "Eigentlich müsste man draußen jetzt die Kinder toben hören", sagt Andreas Bedacht und deutet auf die Grünflächen vor dem Fenster des Seminarraumes. Doch da ist alles ruhig. Hier in der Burg Schwaneck in der kleinen Gemeinde Pullach vor den Toren Münchens zählt man normalerweise zwischen 27.000 und 30.000 Übernachtungen im Jahr. In diesem Jahr werden es wohl nur rund 10.000 sein. "Bis nächstes Jahr halten wir noch durch", sagt Herbergsleiter Bedacht.

Folgen für Träger von Jugendherbergen

Die Burg Schwaneck stammt aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und thront hoch oben über dem Isartal. Sie ist eine von 58 Jugendherbergen in Bayern, als Träger fungiert der Kreisjugendring München-Land. 42 Jugendherbergen stehen in unmittelbarer Trägerschaft des Landesverbandes Bayern.

Dort arbeitet Marko Junghänel als Pressesprecher, auch er sagt: "Den Jugendherbergen geht es schlecht." Da es wegen Corona keine Klassenfahrten mehr gibt, ist der Umsatz eingebrochen, er liegt bei nur mehr rund 40 Prozent des Üblichen. Und das im 111. Jubiläumsjahr der Gründung des Jugendherbergswerkes, einem gemeinnützigen Verein.

Die Gründungsidee: Junge Menschen sollten, unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern, die Welt entdecken, Gemeinschaft erleben und den Horizont erweitern. In Deutschland gibt es rund 450 dieser Einrichtungen.

Regionale Unterschiede

Auch in Bayern gibt es bei den Auswirkungen der Corona-Krise regionale Unterschiede. Während es in den Städten zu einem Rückgang der Besucherzahlen kam, hatten auch hier touristische Regionen wie das oberbayerische Alpenvorland Zuwächse zu verzeichnen - bei Familien und Senioren.

Denn die machten in Zeiten der geschlossenen Grenzen vor allem Urlaub in Deutschland und entdeckten die Jugendherbergen als neue Übernachtungsmöglichkeit.

Seminare wären möglich

Für den Pullacher Herbergsleiter Andreas Bedacht ist das keine wirkliche Alternative: "Familien nehmen wir gerne, sie sind aber nicht so ganz unsere Zielgruppe." Denn in Pullach ist der Jugendherberge ein Fort- und Weiterbildungszentrum angegliedert, dort stehen pädagogische Aktionen im Vordergrund. "Wir haben keine Probleme, 30 Personen in einem Raum mit Mindestabstand unterzubringen", erläutert Bedacht. Sie stehen aber trotz des ausgearbeiteten Hygienekonzeptes leer. Der derzeitige Ausflugsstopp für Schulklassen gilt bis zum Januar nächsten Jahres. "Ich kann nur hoffen", sagt Herbergsleiter Bedacht, "dass danach wieder Klassenfahrten möglich sind. Und das vor allem der Schüler wegen."

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