26.05.2020
Essen für Bedürftige

Münchner Kirchengemeinde springt für geschlossene Tafeln ein

Die Auferstehungskirche im Münchner Westend versorgt täglich rund 300 Bedürftige mit Essen. Seit die Tafeln geschlossen sind, läuft dieses Engagement - finanziert durch Spenden und Zuschüsse. Und der Zulauf wächst.
Pfarrer Bernd Berger
Pfarrer Bernd Berger vor der Auferstehungskirche im Münchner Westend.

Es ist 11 Uhr an diesem Vormittag, und die Bänke in der evangelischen Auferstehungskirche im Münchner Westend sind gut besetzt. So gut, wie es in Zeiten der Corona-Krise eben geht: Jede zweite Bankreihe ist gesperrt, der Abstand zum Nachbarn ist groß. An die 20 Menschen haben sich versammelt, aber nicht wegen des Gottesdienstes Manche lesen Zeitung. Sie warten darauf, dass es in einer Stunde das kostenlose Mittagessen gibt.

Der Kreis derer, die darauf angewiesen sind, ist durch die Corona-Krise gewachsen, sagt Matthias Weinzierl, einer der ehrenamtlichen Helfer in der Kirche. Wir haben hier viele Stammkunden, sagt der 48-Jährige, darunter viele Rentner, aber auch Väter mit Kindern, Obdachlose.

Die Auferstehungskirche kostet das Essen für Bedürftige pro Tag 1.300 Euro - Geld, das durch Spenden und Zuschüsse aufgebracht wird.

Weinzierl hat einen Wirteschein, was für die Essensausgabe wichtig ist, denn er kann eine Infektionsschutzbelehrung vorweisen. 300 Essen pro Tag werden unter dem Motto Das Westend tafelt an Bedürftige ausgegeben.

Das Westend ist ein altes Arbeiterviertel. Seit dem Beginn der Corona-Krise sind viele Hilfsangebote für einkommensarme Menschen weggebrochen. So hat die Münchner Tafel ihre lokalen Verteilerstellen - darunter auch die im Westend - geschlossen, Lebensmittel gibt es jetzt nur noch zentral bei der Großmarkthalle. Die aber ist nicht für jeden erreichbar. Deshalb hatten einige Initiativen aus dem Stadtviertel das jetzige Hilfsangebot aus der Taufe gehoben, unter anderem der zuständige Bezirksausschuss Schwanthalerhöhe.

Wir engagieren uns, weil es sonst niemand tut, sagt deren Vorsitzende Sybille Stöhr.

Das Essen wird von einem im Viertel ansässigen Brauereirestaurant geliefert. Heute gibt es entweder Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat oder Spinatspätzle, tags zuvor gab es Hühnchen. Die Leute kommen nicht nur wegen des Essens, sagt Matthias Weinzierl, sondern auch, um wenigstens ein bisschen Kontakt zu haben. Deshalb mache es ihnen auch nichts aus, bereits eine Stunde vor Essensausgabe in der Kirche zu sitzen.

Dort findet man zum Beispiel Karl, einen 73-jähriger Rentner. Er hat früher zeitweise in einem Reisebüro gearbeitet, die Rente ist klein. Normalerweise deckt er sich mit Lebensmitteln in der Pfarrgemeinde St. Anna ein, ein gutes Stück entfernt. Dort gibt es aber nur eine Brotzeit, hier ein warmes Mittagessen. Die Schweinshaxe neulich, sagt er, die war sehr gut. Nur ein bisschen kalt.

Man darf das Essen nur mitnehmen, muss es zu Hause oder im Park verzehren.

Ein paar Bänke weiter sitzt die 73-jährige Rita, sie ist schwerbehindert. Es ist egal, ob ich zu Hause sitze oder hier, sagt sie. Über Geld, beziehungsweise Geld, das man nicht hat, beschwert sie sich nicht. Wichtig sei die Gesundheit.

Jetzt ist es zehn Minuten vor zwölf, die Ehrenamtlichen haben ihre Plätze eingenommen. Da steht Belel Jumaa an der Essensausgabe, der 35-jährige Flüchtling aus Syrien ist gelernter Koch. Auch Bernd Berger, Pfarrer an der Auferstehungskirche, hilft heute aus. Auf einer Tafel ist der Schlachtplan aufgezeichnet, worauf steht, was es zu essen gibt und welcher Abstand einzuhalten ist.

Klar, dass alle Helfer Masken tragen. Um 12 Uhr wird mit der Essensausgabe begonnen, die Leute dürfen aber nur einzeln in den Pfarrsaal eintreten und müssen einen Sicherheitsabstand einhalten. Auf der anderen Seite geht es dann wieder hinaus. Ist um 14 Uhr noch Essen übrig, wird es an die Münchner Bahnhofsmission verteilt.

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