Die sozialen Medien sind voll von Trends, bei dem es um Maximierung geht: Looksmaxxing oder Sleepmaxxing. 

HInter dem Trend steht der englische Begriff "to maximize". Das Prinzip ist denkbar einfach: Man hängt "-maxxing" an einen Begriff und beschreibt damit, dass etwas möglichst konsequent betrieben wird. Gymmaxxing steht für besonders intensives Sport-Training, Sleepmaxxing für die Optimierung des Schlafs, Bookmaxxing für besonders viel Lesen. Inzwischen lässt sich das Prinzip auf beinahe alles übertragen.

Viele dieser Begriffe sind ironisch gemeint. Trotzdem lohnt ein Blick auf die Herkunft. Denn das bekannteste frühe Beispiel ist Looksmaxxing und damit verbunden ist eine zweifelhafte Selbstoptimierung des eigenen Körpers. 

Wie problematisch ist Looksmaxxing?

Beim Looksmaxxing versuchen vor allem junge Männer, ihr Aussehen möglichst stark an bestimmten Schönheitsidealen auszurichten. Dabei geht es nicht nur um Fitness, Hautpflege oder einen neuen Haarschnitt. In der Szene gibt es eigene Bewertungssysteme, mit denen Gesichter möglichst objektiv eingeordnet werden sollen.

Besonders verbreitet ist die sogenannte PSL-Skala. Sie geht auf die Foren PUAHate, Sluthate und Lookism zurück und bewertet das Gesicht auf einer Skala, die je nach Variante ungefähr von 1 bis 8 reicht. Dabei werden bestimmte Merkmale einzeln betrachtet: etwa Symmetrie, Kiefer und Kinn, Augenform, Nase, Lippen, Wangenknochen oder das Verhältnis einzelner Gesichtspartien zueinander. Aus diesen Merkmalen soll sich dann ein Gesamtwert ergeben.

Die Zahlen sind wiederum mit Kategorien verbunden. Im unteren Bereich finden sich Begriffe wie "Sub5" oder "Low-Tier Normie", darüber "Mid-Tier" und "High-Tier Normie", anschließend sogenannte "Chadlite"- und "Chad"-Stufen. Je höher der Wert, desto attraktiver und damit – in der Logik dieser Community – desto größer die Chancen auf soziale Anerkennung und romantischen Erfolg. 

Die konkrete Einteilung unterscheidet sich zwar zwischen verschiedenen Communities, das Grundprinzip bleibt gleich: Aus einem Menschen wird eine Zahl auf einer Attraktivitätsskala.

Das hat Folgen dafür, wie die eigene Attraktivität und die Chancen auf Partnerschaft eingeschätzt werden. Wer sich auf der Skala weit unten sieht, soll bestimmte Merkmale verändern und dadurch in der Beliebtheitsskala "aufsteigen" können. Dazu gehören zunächst vergleichsweise harmlose Dinge wie Sport, Gewichtsverlust, Hautpflege oder eine andere Frisur. In der Szene finden sich aber auch weitaus radikalere Methoden, bis hin zu Medikamenten, Schönheitsoperationen oder gefährlichen Eingriffen, wie zum Beispiel sich mit einem Hammer auf den Kiefer zu schlagen, um diesem nach dem Verheilen die nötige kantige Form zu geben.

Das Problem ist dabei nicht, dass Menschen gut aussehen möchten. Problematisch wird es, wenn der Körper zum Projekt und Aussehen zum Maßstab für den eigenen Wert wird. In manchen Looksmaxxing-Communities werden Menschen danach beurteilt, wie attraktiv sie sind. Wer dem Ideal nicht entspricht, hat in dieser Logik nicht einfach Pech, sondern sich nicht genug optimiert. Damit wird aus Selbstoptimierung ein ziemlich fragwürdiges und toxisches Menschenbild.

Jetzt wird sogar die Oma optimiert?

Inzwischen hat sich das "-maxxing" weit von dieser ursprünglichen Bedeutung entfernt. Besonders sichtbar wird das beim Nonnamaxxing.

Der Trend romantisiert das Leben einer italienischen Großmutter: selbst gekochtes Essen, Gartenarbeit, große Familienessen, Spaziergänge, Mittagsschlaf und möglichst wenig Bildschirmzeit. Das klingt nach einem Gegenentwurf zur hektischen, digitalen und leistungsorientierten Gegenwart. Und trifft damit offenbar einen Nerv. Der Wunsch nach mehr Gemeinschaft, Langsamkeit und einem Alltag jenseits von Leistungsdruck ist nachvollziehbar.

Nur wird selbst diese Gegenbewegung wieder zur Optimierungsstrategie: Die Nonna wird zum Lifestyle-Vorbild, der Mittagsschlaf zum Regenerations-Hack und das gemeinsame Kochen zum Longevity-Tipp. Selbst Offline-Zeit bekommt einen Namen und wird damit zum nächsten Trend. 

Außerdem ist es ähnlich wie beim "Tradwife"-Trend natürlich auch wieder ein sehr klischeehaftes und rückwärtsgewandtes Rollenbild, das hier gerade auf TikTok wieder gehyped wird und positiv assoziiert werden soll ohne es kritisch zu beleuchten.

Denn die Nonna ist vermutlich finanziell abhängig von Nonno und kann sich selbst in ihrer Rente nicht ausruhen, sondern soll quasi ständig und selbstlos alle umsorgen. Wie so häufig wird die Arbeit von Frauen heruntergespielt, unsichtbar gemacht und nicht als "Arbeit" wahrgenommen, obwohl Care-Arbeit für die meisten Hausfrauen, Mütter und Omas sehr wohl ein harter Job ist. 

Und es vergisst auch noch komplett, dass viele italienische Nonnas sich früher sehr wohl als Erntearbeiterinnen, Verkäuferinnen und Co aufarbeiten mussten. Will uns der Trend also nur auf eine romantisierte Weise zurück in alte Rollenmuster drängen und antifeministisch wirken? All das gibt es bei solchen oft harmlos-wirkenden Strömungen kritisch zu hinterfragen.

Aus Selbstfürsorge wird Selbstkontrolle

Natürlich spricht nichts dagegen, gut zu schlafen, Sport zu treiben oder sich gesund zu ernähren. Problematisch wird es dort, wo aus "Das tut mir gut" ein "Das muss ich noch besser machen" wird.

Fitness-Tracker, Schlaf-Apps und Social Media liefern inzwischen für fast jeden Lebensbereich Messwerte und Vergleichsmöglichkeiten. Der eigene Körper, die Ernährung, die Produktivität und sogar die Freizeit können dadurch zu Projekten werden, bei denen es immer noch eine bessere Version gibt.

Das kann motivieren, kann aber auch Druck erzeugen. Denn wenn alles optimierbar ist, kann auch alles zum persönlichen Defizit werden. Was gestern noch gereicht hat, ist heute verbesserungswürdig; was anderen gelingt, wird zum neuen Maßstab.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob Selbstoptimierung grundsätzlich schlecht ist. Sondern wann aus dem Wunsch nach Veränderung das Gefühl entsteht, grundsätzlich noch nicht gut genug zu sein.

Wie wärs denn gleich mit etwas Sonntagsblattmaxxing?

Sollten wir auch in unserer Redaktion Maxxing betreiben? Immer mehr Artikel, höhere Aufrufzahlen, mehr Likes? 

Hört sich für unsere Statistiken natürlich gut an, würde dann aber intensive und gründliche Recherchen, saubere journalistische Aufarbeitung und persönliche Geschichten vernachlässigen. Stattdessen müsste man – wie es andere Seiten teils tun – mehr auf Clickbaiting, Schlagzeilen und provozierte Polarisierung legen und dagegen kleine, sympathische Lebensgeschichten oder bewusst unbekannte Projekte, die mehr Aufmerksamkeit verdienen, weglassen. All das würde sich mit unserem Verständnis von kirchlicher Publizistik nicht vereinbaren lassen.

Das ist die wichtigste Erkenntnis aus dem Maxxing-Trend: Optimieren heißt nicht immer höher, besser, weiter. Und nicht jeder Erfolg muss gemessen werden. So muss auch nicht jedes Thema unbedingt überhaupt den Maßstab "erfolgreich" haben, um eine Daseinsberechtigung zu bekommen. Der Wert eines Artikels lässt sich nicht immer messen und der Wert eines Lebens, eines Hobbies, eines Körpers schon gleich gar nicht.