Ist KI die neue Heilsbringerin – oder der Antichrist im Serverraum? Wer heute die Diskussionen um KI verfolgt, hört rasch religiöse Töne: von Erlösung und Unsterblichkeit, von Weltuntergang und Jüngstem Gericht. Das ist kein Zufall. 

Die Begeisterung für die superintelligente Maschine und die Angst vor ihr speisen sich aus religiösen Vorstellungswelten, oft unbemerkt von denen, die sie vertreten. Technische Zukunftsbilder greifen auf alte Deutungsmuster zurück, besonders auf die Eschatologie, die Lehre von den letzten Dingen. Ein Blick auf vierzig Jahre digitaler Bildgeschichte zeigt, wie sich diese Muster wandeln.

Der Cyberspace als Jenseits

Am Anfang steht ein Roman. In William Gibsons "Neuromancer" (1984) schaltet sich der Hacker Case in den Cyberspace ein, eine "einvernehmliche Illusion", in der Menschen losgelöst von ihren Körpern leben. Wird er daraus ausgeschlossen, gleicht das einem Sündenfall: Case fällt zurück ins "Fleisch", wie Adam aus dem Paradies. Auch eine Art Auferstehung kommt vor, denn Dixie Flatline lebt als digitales Abbild im Netz weiter. Allgegenwart, Grenzenlosigkeit und Körperlosigkeit machen den Cyberspace zum technischen Ersatz für das christliche Jenseits.

Bis in die neunziger Jahre prägt die Metapher des Raumes das Bild vom Netz. Die digitale Vernetzung im World Wide Web erscheint als verheißenes Land jenseits aller Begrenzungen menschlicher Freiheit. Dass diese Vision im Silicon Valley entstand, wirkt folgerichtig, denn der amerikanische Aufbruch gen Westen kehrt im digitalen Gewand wieder.

Dann wandelt sich das Bild. Statt eines Raumes, den man betritt, steht nun das Netzwerk im Zentrum, die "virtuelle Gemeinschaft" (Howard Rheingold, 1993). Mit dem Web 2.0 wächst der Glaube an weltweite Verbundenheit durch Austausch und Zusammenarbeit. Man könnte darin eine digitale Variante der "Gemeinschaft der Heiligen" sehen.

KI zwischen Messias und Apokalypse

Seit etwa 2010 mischt sich ein neuer Ton in die Debatte. Robert Geraci zeigt in "Apocalyptic AI" (2010), dass Vordenker wie Ray Kurzweil und Hans Moravec ein messianisches Technikverständnis verbreiten. Ihre transhumanistische Vision lautet: Der Mensch überwindet sich selbst, und Technik schafft Unsterblichkeit und Vollkommenheit. Strukturell ist das eine Eschatologie in weltlicher Form.

Inzwischen ist die dunkle Seite populärer geworden: KI als existenzielle Bedrohung, als Vorbote des Endes. Hoffnung und Schrecken folgen einem Muster, das an die Endzeiterwartungen des Neuen Testaments erinnert.

Aus der Verheißung grenzenloser Freiheit ist vielerorts die Furcht vor ihrem Verlust geworden. Noch bedeutsamer: Einer Technik werden heute messianische Eigenschaften zugeschrieben. Wem dies wohl zugutekommt? Es lohnt sich, die religiöse Dimension der KI-Debatte und ihre menschlichen Protagonisten im Blick zu behalten.