12.06.2019
Zu seinem Todestag am 17. Juni

Wie Sebastian Kneipp zum Heiligen der kleinen Leute wurde

Am 17. Juni ist der Todestag von Pfarrer Sebastian Kneipp. Den "kleinen Leuten" und anderen Leidgeplagten galt der Bauernpfarrer und Klosterbeichtvater als Helfer in der Not. Schon zu Lebzeiten verkaufte er die Rechte an seinem Namen - und legte so den Grundstein für eine ganze Heilmittel-Industrie.
Am 17. Juni ist der Todestag von Sebastian Kneipp

Der Augsburger Regierungspräsident Winfried von Hörmann hatte sich 1866 mit einer geharnischten Anklageschrift gegen einen schwäbischen Klosterbeichtvater zu befassen: Sebastian Kneipp in Wörishofen sei ein "großartiger Pfuscher", der mit "der größten Unverschämtheit seit zwölf Jahren sein Wesen treibt, eine eigene Badeanstalt im Kloster errichtet hat". Zwar nehme er keine Bezahlung, aber er wisse schon, wie er es machen müsse, "dass er für seine Bemühungen nicht leer ausgeht, und was das Schlimmste ist, von den Gesetzen nicht erreicht werden kann". Unterzeichnet war die Anklage vom königlichen Bezirksarzt Dr. Schmidt.

Das Bischöfliche Ordinariat in Augsburg hatte die vielen Beschwerden gründlich satt und befahl dem Amateurmediziner, er solle sich gefälligst auf die Seelsorge beschränken, statt den Doktoren und den Apothekern Konkurrenz zu machen. Vergeblich stellte der so Gemaßregelte richtig, dass seine "Badeanstalt" nur aus einer Wanne bestehe, dass sich seine Patienten keine teuren Behandlungen leisten könnten, dass er keinen Kreuzer für seine Bemühungen nehme und den bettelarmen Kranken stattdessen Medizin und Kräuter aus seiner eigenen Apotheke schenke. Er beschränke sich auf "allereinfachste Naturheilverfahren", sagte er.

"Soll am Ende nicht helfen dürfen, wer zu helfen vermag?"

Einen Seitenhieb konnte sich Sebastian Kneipp (1821-1897) allerdings nicht verkneifen: "Hätten die Medizinen der Ärzte (...) den rechten Erfolg gehabt, so wäre an mich kaum je eine Bitte gerichtet worden, indem gerade Wasseranwendungen und bittere Tränke nicht gesucht werden." Und weiter: "Soll am Ende nicht helfen dürfen, wer zu helfen vermag?" Jedenfalls war die "stille Revolution", die er in der Heilkunde einleitete, kein triumphaler Siegeszug. "Mich hat nicht der Beruf oder die Vorliebe für das Medizinieren dazu gebracht, die heilsamen Wirkungen des Wassers zu erproben, sondern die bittere Not."

Als junger Mensch galt der später kraftstrotzende Gesundheitsapostel als Todeskandidat. Er wuchs in der blühenden Allgäuer Landschaft auf und betätigte sich in der warmen Jahreszeit begeistert als Hüterbub. Doch im Winter musste der "Baschtl" hinunter in den engen, feuchten Keller, um seinem Vater am Webstuhl zu helfen. Nach etlichen Jahren im stickigen Gewölbe war seine Gesundheit ruiniert, Sebastian hatte sich einen chronischen Luftröhrenkatarrh geholt - die Berufskrankheit der Webersleute. Spät, mit 23, durfte der bettelarme Kneipp dank der Hilfe eines Kaplans doch noch aufs Gymnasium nach Dillingen.

Krankheit als Todesurteil

Dort brach das tückische Lungenleiden voll aus: Ein mörderischer Husten quälte ihn, er spuckte Blut, Ärzte diagnostizierten Schwindsucht - damals eigentlich ein Todesurteil. Wie durch ein Wunder stieß Kneipp auf ein verstaubtes Buch, verfasst von einem schlesischen Arzt namens Johann Siegemund Hahn, das für eine Therapie mit frischem Wasser, Bewegung in frischer Luft und vernünftiger Ernährung warb. Mitten im November beginnt Kneipp Vollbäder in der eiskalten Donau zu nehmen, zwei-, dreimal pro Woche. Er reißt sich die Kleider vom Leib, tastet sich mit bloßen Füßen in das eiskalte Wasser hinein, hockt sich nieder.

Die Kälte traktiert seinen Körper wie mit Tausend spitzen Nadeln. Die paar Sekunden muss er sich wie in einer Eishölle gefühlt haben - im Winter 1849/50 herrschten Temperaturen von bis zu 15 Grad minus. Doch immer, wenn er schlotternd und prustend aus seinem Eisbad auftaucht, fühlt er sich regelmäßig wie neu geboren, frisch und stark.  In München, wo er zu studieren begann, setzt er die Eigentherapie auf abenteuerliche Weise fort: Des Nachts steigt er aus einem Fenster des Wohnheims in den Garten, steigt in den Springbrunnen und begießt sich mit einer Kanne; öffentliche Bäder gab es damals noch nicht.  

Der Wendepunkt

Bei der vorgeschriebenen Untersuchung vor der Priesterweihe 1852 stellte der Arzt verblüfft fest, der Kandidat Kneipp sei "kerngesund". Als Klosterbeichtvater und Bauernpfarrer in Wörishofen bemühte er sich, das selbst erlebte Wunder an andere Notleidende weiterzugeben. Die Apotheker und Ärzte zeigten ihn empört wegen "Kurpfuscherei" an, die einfachen Leute aber verehrten ihn bald wie eine Mischung aus einem Heiligen und Doktor Faust. Tagelöhner, Bauernmägde, Professoren und Gräfinnen strömten nach Wörishofen, das sich zum Kurort entwickelte. Die Wasserkur hat Kneipp nicht erfunden - aber systematisiert.

Mit kalten und warmen Bädern, Ganz- und Teilwaschungen, vielfältigen Güssen, kalten und heißen Wickeln, Dampfkompressen, Brei- und Lehmauflagen sowie heilenden Dämpfen versucht Kneipps Wasserkur den Stoffwechsel anzuregen. Kälte erzeugt Wärme, Wärme erzeugt Kälte - das ist das ganze Geheimnis. Der Wechsel der Temperatur sorgt für neue Energie. Kneipp hat sich nicht nur als "Wasserdoktor" verstanden. Heute gilt er als Pionier ganzheitlicher Heilkunde und naturgemäßer Lebensweise, wozu etwa Bewegung, ausgewogene Ernährung und das richtige Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele gehören.

Entstehung der Kneipp-Marke

Schon früh vermarktet Kneipp seinen Namen: 1891 übertrug der Priester dem Würzburger Apotheker Leonhard Oberhäußer, den er über einen Freund kennengelernt hatte, alle Rechte, pharmazeutische und kosmetische Produkte unter seinem Namen anzubieten. Oberhäußer gründete zusammen mit seinem Apothekerkollegen Robert Landauer das "Kneipp-Heilmittelwerk". Landauer verkaufte seine Anteile an der gemeinsamen Firma bald an Oberhäußer. Das erste Produkt, das von der Firma vertrieben wurde, waren Kneipp-Pillen gegen Darmträgheit, die 1897 in Oberhäußers Engel-Apotheke verkauft wurden.

Für Kneipp bestand Krankheit nicht einfach in einer Funktionsstörung irgendwelcher Organe - man muss den Gesamtorganismus im Blick haben und auch die äußeren Lebensumstände berücksichtigen. Um die Heilung des ganzen Menschen gehe es, sagte Kneipp, deshalb sei das Gespräch über Lebenschancen oder Seelenängste genauso wichtig wie ein gutes Medikament: "Erst als ich daranging, Ordnung in die Seelen meiner Patienten zu bringen, da hatte ich vollen Erfolg." Als er mit 75 schwer an Blasenkrebs erkrankte, konnte dem Nothelfer der kleinen Leute keiner mehr helfen. Am 17. Juni 1897 schlief er für immer ein.

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