Digitale Ethik
"Die Digitalisierung der Städte soll den Menschen helfen": Das meint der Philosoph Schröder. Ein Gespräch über digitale Ethik - und wie wir mit den neuen Smart Cities leben können.
Der Würzburger Philosoph und Theologe Wolfgang Schröder über Digitale Ethik in Smart Cities.

Mit der Digitalisierung verändern sich auch die Städte - hin zu "Smart Cities". Dahinter steckt die Idee, digitale Technologien für urbane Räume nutzbar zu machen und so die ökologischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Herausforderungen besser zu bewältigen. Welche ethischen Fragen dieses Konzept aufwirft, hat der Ethiker Wolfgang Schröder im Gespräch mit Christine Ulrich und Rieke Harmsen beschrieben. Schröder ist Professor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg.

Was eine Smart City ausmacht

Herr Schröder, Würzburg hat eine Open-Data-Plattform und einen Green-City-Plan und möchte "Smart City" sein. Ist Würzburg schon eine Smart City, oder was braucht es dafür?

Wolfgang Schröder: Würzburg ist, was Digitalisierung angeht, vorne mit dabei, nicht nur in Bayern. Das gilt für die Stadt wie für die Universität. Smart City ist ein auf Künstlicher Intelligenz basiertes Konzept zur Weiterentwicklung der Infrastruktur von Städten, das gerade auch für grüne Ziele - Umweltschutz, Energie sparen, Ressourcen einsparen, Dinge besser vernetzen, um wirtschaftlich effizienter zu arbeiten - sehr vielversprechend ist. Hier sollte man sich aber nicht naiv in die Hände von Großkonzernen begeben, sondern als Städte wissen, was man will, um so in Planungen und Verhandlungen einzusteigen.

Wo sehen Sie die ethischen Herausforderungen beim Konzept Smart City?

Schröder: Die kritischen Punkte sehe ich beim Datenschutz und in der Frage, inwieweit menschliche Urteilskraft digital ersetzbar statt bloß optimierbar ist. Ich bin weder als Philosoph noch als Theologe davon überzeugt, dass man Menschen wirklich Entscheidungen abnehmen kann. Vielmehr werbe ich dafür, eher von Assistenzsystemen zu sprechen, von Entscheidungshilfen. Wenn es wirklich um Big-Data-Zusammenhänge geht, etwa in datenintensiven medizinisch-diagnostischen Fragen, so sollten wir uns hier von den Maschinen helfen lassen. Aber das, was den Menschen anthropologisch ausmacht und wohl auch unterscheidet von anderen Lebewesen: dass wir den "logos" und eine Urteilskraft und klare Vorstellungen haben, worauf wir uns einlassen wollen - das kann eine Maschine nicht abschätzen, das ist nicht an Maschinen delegierbar.

Wo würden dem Menschen in einer Smart City denn Entscheidungen abgenommen, die die KI für ihn erledigt? Was verstehen wir unter Vernetzung im Sinne davon, dass wir Menschen etwas aus der Hand geben?

Schröder: Eine Smart City setzt ein Reihe datensammelnder vernetzter Sensoren und Monitoren in der Stadt voraus. Auch private Haushalte sind vernetzt mit städtischen Institutionen, etwa mit Energielieferanten oder anderer Infrastruktur, wodurch der Stadt relativ private Daten zu Verbrauch und Bedarf zur Verfügung stehen. Wir sollten die Bürger befragen, ob sie das so wollen. Man kann das sicher noch datenschutzfreundlicher organisieren. Wir sind normativ vergemeinschaftet auf der Grundlage des Grundgesetzes, und da spielen die Rechte des Individuums eine ganz große Rolle.

Narrative von Big Data in Smart Cities

Müll, Mobilität, Ökologie: Wie könnten wir sicherstellen, dass personenbezogene Daten in der Smart City geschützt werden?

Schröder: Das kann man zeigen, indem man zunächst die Idee aufgreift, dass es drei Kern-Narrative darüber gibt, was Smart Cities ausmacht. Das erste, das urbanistische Narrativ, knüpft an die Vorstellung an, dass die Stadt etwas Besonderes ist - das ist seit der griechischen Antike so. Die Stadt ist kein Dorf, es gibt andere Dinge als auf dem Land und auch andere Herrschaftsmöglichkeiten, die es so nicht unbedingt schon in der Familie gibt. In der Stadt respektiert man sich gegenseitig als gleich frei und gleich stimmberechtigt. Seit es das Frauenstimmrecht gibt, sind wir über die Männerzentriertheit der griechischen Polis hinaus.

Aber der Grundgedanke bleibt: dass man sich als gleichberechtigt anerkennt. Zweitens gibt es ein technizistisches Narrativ, das viel mit den Angeboten von großen Technikfirmen zu tun hat. Das ist ein großer Markt, die Städte zu digitalisieren, die ganze Infrastruktur zu vernetzen - allein an der nötigen Software und Hardware kann man eine Menge Geld verdienen. Deshalb werben viele Firmen für Smart-City-Konzepte, relativ unabhängig davon, was die Bürger für Vorstellungen haben. Drittens gibt es das Big-Data-Narrativ, das digitalethisch wohl die größte Herausforderung darstellt: Eine Smart City ist ein interessanter und hackbarer Ort, um an sensible Daten von Bürgern heranzukommen. In der Technik unterscheidet man zwischen "safety" und "security": Sind die Geräte safe, gehen sie nicht in Flammen auf, wenn man den Stecker reinsteckt. Aber ob sie nicht hackbar sind, dass der Datenabfluss also nicht stattfindet, wenn man das nicht will - das ist eine Security-Frage. In Europa sind wir dabei, dafür hilfreiche technologische Standards zu entwickeln.

Warum soll die Smart City wünschenswert sein: Will man nur die digitalen Möglichkeiten ausreizen und den Menschen das Leben erleichtern, oder hat man Vorstellungen von Stadt, die dadurch perfektioniert würden? Warum sollen wir uns vernetzen und alle unsere Daten hergeben - nicht nur, um Parkplätze zu finden oder politische Partizipation zu gestalten, sondern auch in unseren privatesten Bereichen?

Schröder: Ich merke, es gibt ein viertes Smart-City-Narrativ, nämlich Ihres: dass man kritisch prüft, was genau in der Smart City mehr Nutzen als Probleme für die Bürger bringt. Ich selbst brauche zum Beispiel keine Update-Information, wo ein Parkplatz in Würzburg zu finden wäre, weil ich vor zwei Jahren mein Auto abgeschafft habe. Insofern fragt sich: Ist jede Neuerung ein Fortschritt? Ich glaube aber, dass wir uns der Digitalisierung nicht entziehen können und dass es gerade im Energiesparbereich viele gute Gründe dafür gibt, dass man mehr Daten zur besseren Planung Verfügung haben sollte. Aber wir müssen diskutieren, wie die für die Bürger beste Smart City aussieht.

Digitale Ethik in Smart Cities

Entwickeln sich die Systeme nicht sehr viel schneller, als die Menschen mit ihren Fragen hinterherkommen? In Singapur wird gerade eine digital vernetzte Waldstadt gebaut, in der etwa ein Wasserkühlungssystem Emissionen sparen soll. Das wird von außen geplant und den Bürgern zur Verfügung gestellt. Wie kehren wir diesen Weg um und können Bürger mit hineinnehmen?

Schröder: Eine Smart City kann sehr gut Umweltgesichtspunkte miteinschließen. Ich kenne Beispiele wie Singapur, aber wir sollten uns hier auf den europäischen Kontext konzentrieren. Ich denke, dass wir viel von dem, was wir aus der analogen Stadt gewohnt sind: urbanes Lebensgefühl, Freiheit und Respekt, nicht für die digitale Welt aufgeben sollten. Ich denke nicht, dass wir schlaflose Nächte haben müssen wegen dem, was digital etwa in Asien passiert. Das ist schlimm für die Leute dort, und wir sollten politisch darauf reagieren, auch im Dialog mit China.

Aber das heißt nicht, dass digitale Überwachungssysteme automatisch weiter um sich greifen. Was wir international bislang schlecht angepackt haben, ist, dass wir große Firmen allzu lange haben "machen lassen" und die Frage, wie eine gute Digitalisierung der Stadt für alle möglich ist, zu oft denen überlassen haben, die hauptsächlich geschäftliche Interessen haben und ethische Gesichtspunkte höchstens als Marketing-Vorteil sehen. Unternehmer sagen oft nur: Aha, da ist ein Problem, und so könnte man es lösen. Das ist "solutionalism", aber kein genuin ethischer Ansatz. Ein solcher wäre: Was ist ein gutes Leben in der Stadt? Was respektiert die Rechte und die legitimen Wünsche für die Lebensgestaltung der Menschen am besten?

Was wäre die Erwartung an ein gutes Leben in der Smart City? Deren Versprechen sind etwa: Wir können Umwelttechnologien besser anwenden, weil wir den Verbrauch besser messen können; wir können uns besser durch die Stadt bewegen, weil die Mobilität optimiert ist; und wir können Bürger effektiver mitbestimmen lassen.

Schröder: Gerade aufgrund der Pandemieerfahrung rechne ich damit, dass sich unsere Arbeitsverhältnisse ändern werden, was auch mit mehr Digitalisierung zu tun hat. "Working from home" und entsprechende Smart-Home-Haushalte, in denen Geräte untereinander kommunizieren, werden wohl zunehmen. Vielleicht werden wir auch bestimmte Fähigkeiten verlieren dadurch, dass wir uns zunehmend auf digitale Tools verlassen. Zum Beispiel wird meine Handschrift immer schlechter lesbar, weil ich fast nur noch am Computer tippe. Ich singe daher kein naives Hoheslied auf eine unkritische Digitalisierung.

Übrigens funktionieren die ganzen digitalen Lösungen nicht mehr, wenn der Strom ausfällt. Aber natürlich: Die Möglichkeiten, die in einer digitalisierten Stadt stecken, sind primär in der Perspektive entwickelt, Menschen zu helfen. Daher sehe ich zunächst die Chancen der Digitalisierung, nehme aber auch deutlich Stellung, wenn ich den Eindruck habe, hier gibt es aus ethischer Sicht kritische Punkte.

 

Ethik Digital Podcast Titelbild
Der Podcast "Ethik Digital" von Christine Ulrich und Rieke Harmsen.

Privatheit und Digitalisierung - Digitale Ethik

Welche Werte stehen bei der Digitalisierung miteinander in Konflikt? Als Bürger ziehe ich Datenspuren durch die Stadt, anhand derer ich für die Firmen berechenbar bin. Andererseits geben mir digitale Anwendungen einen enormen Komfort. Oder als Beispiel: Es gibt in manchen Städten digitale Kliniksysteme, die organisieren, welche Patienten wohin verlegt werden können. Sind das nicht Smart-City-Beispiele für gute Vernetzung, die den Wert Privatheit in den Hintergrund drängen?

Schöder: Das können wir noch weitgehend selbst steuern. Wir sind noch nicht in den Händen der Maschinen. Wir haben eine eigene Urteilskraft, die anders aufgebaut und strukturiert ist als eine KI und einen anderen Horizont hat. Wir haben ein anderes "Problembewusstsein", als es ein Machine Learning-System hat. Zudem: Aus meinem Theologiestudium hat mich die Einsicht geprägt, dass Menschen aus der Sicht Gottes nie nur die Summe ihrer Taten oder ihrer Geschichte sind. Sie sind auch das, was Gottes Liebe in ihnen sehen will: Kreativität und Würde.

Diese Perspektive fehlt mir in der theologischen Debatte zur Digitalisierung ein bisschen. Deshalb möchte ich werben für mehr Kreativität und mehr Mut, ob in christlicher Perspektive, in jüdischer, buddhistischer, konfuzianischer oder muslimischer. In der theologischen Debatte sind wir hier aus meiner Sicht noch ziemlich am Anfang.

Wo wird die Smart City geplant? Doch nicht am Reißbrett in großen Gremien, so dass München gleich konzipiert wird wie Hamburg? Wo bringen Sie Ihre Expertise ein?

Schröder: Ich bin wissenschaftliches Mitglied vieler Gremien zu Digitalisierungsfragen, vor allem im Deutschen Institut für Normung und in Wirtschaftsverbänden. Kürzlich war ich beispielsweise in einem Workshop, den das Wirtschaftsministerium in Nordrhein-Westfalen zur ethischen Dimension von Smart Cities organisiert hat. Es wird deutlich wahrgenommen, dass man bei dem Thema auch Kompetenz von außen braucht.

Wie sehr schwanken wir gesellschaftlich zwischen den Bedürfnissen nach klaren Leitplanken und großer Flexibilität? Glauben Sie, dass wir Rahmen haben werden, etwa indem Unternehmen ethische Standards wie Transparenz, Teilhabe, Nachverfolgbarkeit installieren?

Schröder: Ich denke, in der Kirche sollte man derzeit mit Ratschlägen nicht vorlaut sein. Wo es, wie in "meiner" katholischen Kirche eine Menge Skandale aufzuarbeiten gilt, scheinen jetzt eigentlich eher Buße und Reform angeraten. Aber auch grundsätzlich kann es bei einer neuen Technik noch nicht fertig normierte Leitplanken für das geben, was sich gerade erst entwickelt. Ich würde daher für eine vorsichtige und umsichtige Kreativität plädieren. Wenn ein Schwerstverletzter auf einer Intensivstation von den digitalen Möglichkeiten der Medizin profitiert, sieht man, dass dieses Neue dem Menschen auch helfen kann.

Daher sollten wir auch aus theologischer Sicht neuen Techniken keinen pauschalen Misskredit entgegenbringen. Wir haben noch keinen Masterplan für Digitalisierung im Smart-City-Kontext, der die Rechte und Anliegen von allen Bürgern berücksichtigt. Aber mir macht das wenig Sorge, denn wann war es je anders? Wenn etwas Neues kommt und wir Christen und Christinnen stecken die Hände in die Taschen und sagen: Nö, das ist uns zu kompliziert - dann bleiben wir deutlich hinter dem humanen Auftrag des Evangeliums zurück. Christentum heißt für mich nicht zuletzt etwas, das mit Kreativität und Verantwortung für das Wohl von Menschen zu tun hat.

Ist es schwierig, manche Werte der digitalen Ethik wie etwa Autonomie zu begründen, ohne auf christliche Fundierungen zurückzugreifen?

Schröder: Ich bin vorsichtig geworden mit dieser Zuspitzung auf die christlichen Werte - einfach weil ich so vielen Leuten, auch international, begegnet bin, die ich sehr schätze und die ganz anders sozialisiert sind. Mit einem christlichen Fundamentalismus würden wir uns selber schaden. Das ist auch nicht die jesuanische Position: Wer nicht gegen uns ist, ist für uns - ein Satz von erstaunlicher Liberalität. Ich sähe bei den Kirchen gerne, dass man diese Liberalität mindestens dadurch ernst nimmt, dass man allen erstmal zuhört.

Digitale Ethik: Wie sich Bürger beteiligen können

Welche Art der Beteiligung beim Thema Smart Cities würden Sie den Bürgern ans Herz legen?

Schröder: Sich umhören und umsehen, auch im Netz, was es für Foren gibt - und dort seine Kompetenzen mit einbringen. Das kann ein städtisches Forum sein, ein nationales, ein internationales. Eine Lektion aus der altgriechischen Polis, also dem Stadtmodell schlechthin für Europa, lautet: Bürgersein ist ein Amt. Bürger müssen etwas tun für die Gemeinschaft. Und damit tut man es auch für sich selbst, denn zu dieser Gemeinschaft gehört man dazu. Ehrlich gesagt: Wenn man nachdrücklich dafür sorgen müsste, dass sich die Leute für ihre ureigenste Sache, nämlich die allgemeine Sache, die "res publica" engagieren, dann ist sowieso schon etwas schiefgelaufen.

Im Philipperbrief steht etwas vom "himmlischen Bürgersein", auf das wir uns in der Christengemeinde vorbereiten sollen. Karl Barth hat das schön herausgearbeitet. Und die Johanneischen Schriften etwa sagen: Am Ende der Zeit wird es nicht mal mehr einen Tempel geben müssen, sondern man wird Gott anbeten in der Wahrheit. Also brauchen wir als Christengemeinde letztlich vor allem den Willen zur Wahrhaftigkeit, zu etwas, was das Wohl aller Menschen betrifft, unabhängig von Zugehörigkeiten.

Findet genug Diskurs statt?

Schröder: Aus dem Ausnahmezustand der Corona-Pandemie heraus gesprochen denke ich: nein. Ich möchte uns allen Mut machen, das zu ändern und uns über diese Themen, die so zentral sind für unser Zusammenleben, möglichst bald wieder live zu verständigen: ob wir eine Smart City im asiatischen Sinne wollen oder lieber eine im europäischen Sinne, wo es um digitale Souveränität von Bürgerinnen und Bürgern geht, also um deren politische Mitbestimmung und Entscheidungsrechte. 

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Professorin Petra Grimm ist Professorin an der Hochschule der Medien in Stuttgart und leitet das Institut für Digitale Ethik. Im Podcast "Ethik Digital" spricht sie mit Rieke Harmsen und Christine Ulrich über digitale Ethik - und wie diese in Unternehmen und Startups eingebaut werden kann.

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