23.10.2019
Glaubensfrage

Der Heilige Geist: Wer er ist und wo man ihn findet

Was ist der Heilige Geist? Wie erkenne ich sein Treiben? Und wo finde ich ihn?
Mosaikdarstellung des Heiligen Geistes und der Apostel

"Ich glaube an den Heiligen Geist." Was ist das, Doktor Luther? Antwort im Großen Katechismus: "Das ist nu der Artikel, der da immerdar im Werk gehen und bleiben muss. Denn die Schöpfung haben wir nun, die Erlösung ist vollbracht, aber der Heilige Geist treibt sein Werk ohn Unterlass bis auf den jüngsten Tag." Aber wie erkenne ich sein Treiben?

Der amerikanische Fernsehsender CNN hätte die Bilder noch am gleichen Tag rund um den Globus gejagt. Sensationelles ist in Jerusalem passiert. Die Stadt, von der wir normalerweise Bilder kennen, wie Palästinenser Steine auf Israelis werfen und umgekehrt, bietet einen ungewöhnlichen Anblick. Nicht die Sprache der Gewalt hallt durch die Straßen, sondern Menschen verschiedenster Völker reden miteinander und mehr noch: sie verstehen einander jeder in seiner Sprache. Die Barrieren von Sprache und Kultur sind für einen Augenblick gefallen. Die Völker feiern Verständigung. Die Leute, die die Szene beobachten, reagieren mit Schrecken, manche sogar mit Spott: "Die sind ja besoffen".

Die Kommentatoren haben das Sprachenwunder später so gedeutet: Der Heilige Geist wurde über die Menschen ausgegossen und damit die babylonische Sprachverwirrung aufgehoben. Dieses Fest der Verständigung unter den Völkern wurde Pfingsten genannt. Pfingsten 1999 liefert CNN andere Bilder. Nicht vom Fest unter Völkern berichten sie, sondern von einem Krieg unter den Völkern. Auf dem Balkan vertreiben Menschen, besoffen von Mord und Zerstörungswut, ein ganzes Volk. Der böse Geist von Nationalismus und Chauvinismus, schon vor Jahren aus der Flasche gelassen, treibt sein Unwesen. Völkerverständigung ist kaum denkbar. Vernagelt sind Köpfe und Herzen.

Wenn die Bibel vom Heiligen Geist redet, geht es um nichts Geringeres als die Kraft des Lebens

Pfingsten 1999: ein unheiliger Geist wurde ausgegossen über einen Teil Europas. Schlechte Zeiten also für den Heiligen Geist? Wenn es um den Erweis des Geistes und der Kraft geht, schneidet er schlecht ab, so scheint es. Ist der Heilige Geist also nur etwas für ein paar durchgeistigte Seelen, die sich in der Aura esoterischer Zirkel die Welt schöner denken? Angesichts manch uninspirierten Redens über den Heiligen Geist, nicht nur an Pfingsten, könnte man meinen: der Heilige Geist ist doch ein recht harmloser Geist.

Die Reformatoren setzten auf den Heiligen Geist, um den Mief von mehr als tausend Jahren unter den Talaren der Religion auszutreiben. Da war der Heilige Geist alles andere als harmlos, allerdings auch schwer zu kontrollieren; oder besser gesagt: die Leute, die sich auf ihn beriefen. Luthers Auseinandersetzung mit den Schwärmern zeigt: Nicht alles, was sich geistreich gebärdet und sich auf den Geist beruft, beruft sich auf den Heiligen Geist. Paulus hatte ein hilfreiches Kriterium, um die Geister zu unterscheiden: "Es muss aufbauen", nicht im Sinn eines Wirtschaftswunders, sondern im geistlichen Sinn: Es muss dem inneren geistigen und geistlichen Wachstum einzelner Menschen oder ganzer Gemeinschaften dienen. Wenn die Bibel vom Heiligen Geist redet, geht es um nichts Geringeres als die Kraft des Lebens.

Mit dem Beginn allen Lebens ist er da - noch mitten im Chaos. Er ist die Kraft, die ins Dasein ruft. Die Schöpfung fängt mit ihm an. Noch bevor die Welt geschaffen wurde, als noch alles Tohu Wabohu war, lag Gottes Geist über den Wassern. Und das war der Anfang der Ordnung im Chaos. Vom Wirken des Geistes wird mit Bildern der Natur erzählt: Der Geist ist wie Feuer, Sturm oder ein leises Säuseln. Nur am Rand notiert: Über die fruchtbare und lebensspendende Kraft wüsste Maria, die Jungfrau, einiges zu sagen.

Die schöpferische Kraft des Geistes wird in einem alten Hymnus zu Pfingsten in vielen Kirche besungen: "Komm, Schöpfer, Heiliger Geist; veni creator spiritus". Damit verbindet sich der Wunsch: der Geist des Lebens möge stärker sein als alle zerstörerischen und lebensbedrohenden Kräfte. So hatten es auch die Jüngerinnen und Jünger Jesu an Pfingsten erlebt. Mit einmal sind sie aus der Erstarrung gerissen, die sie nach dem Tod Jesu befallen hatte. Alles war verloren, der geliebte Mensch und alle ihre Hoffnungen.

Wo ist der Heilige Geist nun? Bekanntlich weht er, wo er will

Doch plötzlich lebt die Vision vom Reich Gottes, der Traum von einer besseren und friedvollen Welt in ihnen wieder auf. Die Kraft des Lebens und der Geist der Hoffnung hat sie erfasst: Über den Tod hinaus gibt es Hoffnung auf Leben. So gehen die Jüngerinnen und Jünger unter die Leute mit der Überzeugung, dass im Glauben an Jesus Christus die Verheißung auf sinnvolles Leben steckt, das den zerstörerischen Kräften des Lebens trotzen kann. Sie tun das im Sinne Jesu und in seinem Geist, dem Heiligen Geist.

Wo ist der Heilige Geist nun? Bekanntlich weht er, wo er will. Man müsste seine Gegenwart sichtbar machen können wie auf alten Pfingstdarstellungen: Geisterfüllte wurden mit einer feurigen Zunge über dem Kopf gemalt. Aber vielleicht kann man den Heiligen Geist da vermuten, wo Erstarrtes wieder in Bewegung kommt, wo Ideen aufblitzen, wo eingefahrene Gleise verlassen werden, wo entfremdete Menschen wieder zueinander finden, wo Menschen statt der Sprache der Waffen wieder die Sprache der Worte verstehen.

Heiliger Geist ist heute möglicherweise nicht so sehr da, wo man sich charismatisch gebärdet und in Zungen redet; vielleicht wirkt er gerade bei denen, die mit Sinn und Verstand das richtige tun, die lebensspendende Ordnung und Struktur in das Chaos bringen. "Ich glaube an den Heiligen Geist". Aber wie erkenn ich sein Treiben, Doktor Luther? Antwort: In seinen Spuren!

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