22.04.2020
Neupfarrkirche in Regensburg

Erster Kinderkirchenführer ist fertig: Wenn Kinder die Geheimnisse einer Kirche ausloten

Lina (9) und Finn (11) sind zurzeit im schulischen "Homeoffice", daheim bei der Mama. Für ein Telefonat über ihr neuestes Projekt lassen sie sich aber gerne ablenken.
Durch diesen „Spion“ ist der Mesner über den Fortlauf des Gottesdienstes informiert, das heißt, er weiß, wann er die Glocken in Bewegung setzen muss. Die Regensburger Neupfarrkirche kann man jetzt mit Kinderaugen betrachten. Auf 16 Seiten haben Kinder Gemaltes und Getextetes über die älteste evangelische Kirche Regensburgs festgehalten.

Die beiden Geschwister waren zwei von insgesamt acht Kindern, die an einem neuen Kinderkirchenführer mitgearbeitet haben. Lina hat die Neupfarrkirche, Regensburgs älteste protestantische Kirche, gezeichnet, zusammen mit zwei anderen Kinder. "Das hat mir sehr gefallen", sagt sie. Immer wieder seien sie nach draußen vor die Kirche gelaufen, um die Details der Außenansicht und den Umriss der hoch aufragenden Kirche genau zu betrachten.

Genaues Beobachten war bei der Erstellung des Kinderkirchenführers gefragt

Wie viele Fenster die Kirche hat, dass es Rundbögen mit Verzierungen sind, wie die Turmuhr gestaltet ist: All das haben die Kinder in ihrem Bild festgehalten. Es ziert nun das Titelblatt des ersten Kinderkirchenführers der Stadt.

Zu Beginn wurden die Kinder von Kirchenvorsteherin Sabine Freudenberg durch die Kirche geführt. Sie hätten dabei alle Winkel und Ecken der Kirche sowie deren verborgene Geheimnisse selbst ausloten können, in den Heizungsschacht hinabsteigen und bis zum Altar vorkriechen: "Da war es sehr dreckig, dunkel und staubig, wir mussten eine Taschenlampe oder das Handylicht nehmen, um etwas zu sehen", erzählt Lina.

Aber die Kinder waren auch ganz oben auf der Empore bei der Orgel, auf der Kanzel oder in der Sakristei, in die man sonst nicht hineinkommt. Auch da gab es Schätze zu entdecken, wie zum Beispiel den Kelch, der 1542 für das Abendmahl in beiderlei Gestalt in Regensburg verwendet wurde. "Er ist in einer dicken Schatulle verwahrt und hinter einem mittelalterlichen Tresor fest verschlossen", sagt Finn. Den Kelch habe er sogar in die Hand nehmen dürfen.

Dem Elfjährigen verdankt der Kirchenführer das Kapitel über die Geschichte der Neupfarrkirche: Darin berichtete er, wie im Jahr 1519 der Rat der Stadt beschlossen hat, die Juden aus Regensburg zu vertreiben. Die Regensburger Bürger zerstörten die Häuser und die Synagoge der Juden. Daraufhin errichteten sie auf den Grundmauern der jüdischen Synagoge eine hölzerne Wallfahrtskirche, die Zur schönen Maria genannt wurde.

Die Stadt Regensburg plante dann anstelle der hölzernen Kirche eine riesige Wallfahrtskirche aus Stein, von der aber nur ein kleiner Teil fertiggestellt wurde. Dieser Teil wurde später zu einer ganzen Kirche umgebaut. Um 1542 wurde der erste evangelische Gottesdienst in der Neupfarrkirche gefeiert, schreibt Finn in dem Kapitel klar und verständlich.

Viele Besonderheiten konnten die Kinder entdecken

Dass es an der Nordseite der Kirche eine Treppe gibt, die zu den zerstörten Judenhäusern führt und zu einem Ringbunker aus der Nazizeit, findet der Elfjährige besonders spannend. "Das wusste ich vorher nicht".

Entdeckt haben die Kinder aber auch andere Besonderheiten, die ihnen vorher fremd waren, wie den Spion, durch den der Mesner den exakten Zeitpunkt für den Glockenschlag bestimmen kann, oder den Rückspiegel für den Organisten, der ihn immer die Einsätze richtig treffen lässt. Aber die Kinder haben sich auch schlau gemacht, was es mit dem mächtigen Schalldeckel über der Kanzel auf sich hat, der das Wort des Pfarrers besser im Kirchenraum hörbar machen soll.

Die Idee zum Kikifü, wie der Kirchenführer genannt wird, stammt vom Kirchenvorstand, "weil Kinder Dinge finden, die man in keinem Kirchenführer lesen wird und durchaus handfester als Information sind, als so manche kluge Abhandlung über Gemälde und Kirchenschätze", sagt Freudenberg.

Natürlich soll der Kinderkirchenführer die Neugierde wecken

Kurz darauf scharte sich eine kleine Gruppe aus zwei Müttern und acht Kindern um Friderike Hofmeister vom Kirchenvorstand. "Ich bin begeistert, dass die Kinder aus freien Stücken mitgemacht haben", sagt sie. Sämtliche Texte entstammten der Feder der Kinder. Der Kikifü sei somit eine Chance für alle Kinder, selbst auf Entdeckungstour in der Kirche zu gehen.

Der Gedanke gefällt auch Anna Stöckel, der Mutter von Lina und Finn: "Es ist wichtig, dass Kinder das Gotteshaus als ihre Kirche empfinden können". Wenn nicht mehr alle Generationen einer Familie in ein- und derselben Kirche getauft werden, lasse auch der Bezug zur Kirche nach. Durch den Kikifü könnte sich das ändern, hofft sie. Der neue Kinderkirchenführer Kikifü liegt in der Neupfarrkirche auf und kann gegen eine kleine Spende erstanden werden.

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