29.08.2020
Kommentar

Mitarbeiterin eines Pflegezentrums: "Gut gemeint, aber in der Praxis ist der Corona-Pflegebonus ungerecht"

Der Corona-Pflegebonus sei zwar gut gemeint, doch in der Praxis ungerecht, meint Dagmar Illi, Personalsachbearbeiterin in einem Evangelischen Pflegezentrum in München. In ihrem Gastbeitrag schildert sie, wie sie das Thema Wertschätzung in Zeiten des Coronavirus in der Pflege erlebt.
Altenpflege

Die Pandemie ist im Frühjahr wie eine Schreckenswelle über die Pflegezentren gerollt. Die Mitarbeitenden waren täglich mit neuen Herausforderungen, Verunsicherungen und Ängsten konfrontiert.

Dieser enorme Druck ist der Öffentlichkeit nicht verborgen geblieben. Es gab anerkennende Worte durch Politiker, lobende Presseberichte und auch eine finanzielle Würdigung dieses Einsatzes.

Lesen Sie hier alles rund um Höhe und Auszahlung des Pflegebonus in den einzelnen Bundesländern.

Pflegebonus in der Altenpflege

Der sogenannte "Corona-Pflegebonus" sollte den Mitarbeitenden in Pflegezentren dabei in besonderer Weise Wertschätzung vermitteln. Die Vorbereitung der Auszahlung dieser Sonderzuweisung gehörte zu meinen Aufgaben als Personalsachbearbeiterin im Evangelischen Pflegezentrum Lore Malsch der Inneren Mission.

Doch mich bedrückt, wie ungerecht diese gut gemeinte Initiative am Ende umgesetzt wurde.

Die Bewältigung der Krise lag auf den Schultern aller Mitarbeitenden. Alle waren exponiert dem Ansteckungsrisiko ausgesetzt, alle mussten verantwortungsvoll an einem Strang ziehen. Doch bei der finanziellen Würdigung wurden dann schmerzhafte Unterschiede gemacht.

Konkret sah das so aus: Ich musste die Mitarbeitenden als Personalsachbearbeiterin aufgrund bestimmter Kriterien in fünf unterschiedliche Gruppen einteilen, über die schließlich die Höhe der Auszahlung entschieden wurde.

Klar geregelt war dabei zunächst nur, dass alle Pflegefachkräfte und Pflegehilfskräfte in die Gruppe 1 gehören, sowie die Auszubildenden in Gruppe 4 und der FSJ'ler in Gruppe 5 eingestuft wurden.

Gemeinsam mit der Pflegefachreferentin überlegte ich anhand eines Kriterienkataloges, wie die Aufteilung der anderen Mitarbeitenden bestmöglich erfolgen könne. Gefühlt im Stundentakt kamen unterdessen neue Informationen, Hinweise, Anweisungen von allen damit befassten Hierarchieebenen.

Zugleich hatten die Mitarbeitenden aus den Medien vom Pflegebonus erfahren und waren voller Erwartungen.

Durch die sich immer wieder verändernden Kriterien und Anweisungen musste ich unsere bereits verschickte Mitarbeiterliste dann noch einmal überarbeiten.

Nicht wenige Mitarbeiter rutschten durch die modifizierten Anweisungen daraufhin in eine niedrigere Gruppe. Das hat auch angesichts des Stresses zu Enttäuschung und Bitterkeit geführt. Als Personalsachbearbeiterin musste ich hier trösten, erklären, den Frust auffangen.

Frust und Ärger in Pflegezentrum

Zwei Festlegungen haben dabei für besonderen Ärger gesorgt. Erstens haben diejenigen am unteren Ende der Lohnskala nun abermals, wie bereits beim bayerischen Pflegebonus, am wenigsten bekommen. Zweitens wurden die Reinigungskräfte, Küchenmitarbeiter und Haustechniker schlecht eingruppiert.

Das ist umso unverständlicher, als dass viele von ihnen jeden Tag in die Bewohnerzimmer gehen, in direktem Kontakt mit den Bewohnern sind und durch Corona eine Erschwerung ihrer Arbeit erlebt haben.

Mit Mundschutz putzen? Quarantänezimmer einrichten? Zusätzliche Hygienemaßnahmen durchsetzen? Corona war für diese Berufsgruppen in gleicher Weise eine kräftezehrende Herausforderung wie für die Pflegekräfte!

Die Einrichtungsleitungen, Pflegedienstleitungen sowie stellvertretenden Pflegedienstleitungen indessen wurden durchgängig der Gruppe 1 zugeteilt. Die Bestverdiener im System haben also abermals am meisten profitiert.

Doch gerade in der Krise waren die genannten Leitungskräfte nicht schwerpunktmäßig in der direkten Pflege und Betreuung tätig, sondern sie mussten die Aufrechterhaltung des Betriebes sichern.

Aus der Perspektive derer, die unmittelbaren Kontakt zu unseren Bewohnern hatten, war das ungerecht. Und ich finde, dass so ein Vorgehen dem diakonischen Gedanken entgegensteht.

Ich betone, dass ich keine Neiddiskussion führen möchte.

Es geht mir um Gerechtigkeit. Ich setze mich ein für die schwächsten Glieder im System. Gerade diese Menschen haben sich in der Krise als "systemrelevant" erwiesen. Sie hätten deshalb auch den Bonus in voller Höhe verdient. Reinigungskräfte, Hausmeister und Küchenpersonal waren noch mehr gefragt als in normalen Zeiten.

Hochkritische Anforderungen an die Hygiene, neue Abläufe beim Essen, Materialengpässe und das Einrichten von Quarantänebereichen haben ihre Arbeit erschwert. Geschlossene Grenzen hatten darüber hinaus zur Folge, dass Kolleg/innen nicht aus dem Urlaub zurückkehren konnten und viele Überstunden zu leisten waren.

Diejenigen, die während der dramatischen Wochen im März und April ihren Dienst taten, standen unter nie zuvor dagewesenem Druck. Doch dann wurde ihnen durch eine schlechte Eingruppierung beim Corona-Pflegebonus signalisiert, dass ihr Einsatz nicht so wichtig war!

Gut gemeint, aber in der Praxis ist der Corona-Pflegebonus ungerecht.

Ich wünsche mir, dass diese Zurücksetzung wahrgenommen und thematisiert wird! Diakonie will gelebt sein! Der diakonische Auftrag erstreckt sich nicht nur auf die uns anvertrauten Menschen, sondern auch auf die Mitarbeitenden aller Bereiche.

Der Corona-Pflegebonus war gut gemeint. Aber wurde er dann wirklich gut in die Tat umgesetzt? Meine Bilanz als Praktikerin in einem Heim fällt an dieser Stelle kritisch aus: Die Revision der Einteilungskriterien hat viele enttäuscht.

Und gerade weil alle Mitarbeitenden "systemrelevant" und gleichermaßen psychisch und physisch belastet waren, hätten nach meiner Auffassung auch alle die gleiche Wertschätzung verdient!

 

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