16.05.2020
Kommentar

Die Kirchen fordern mehr Geld für Pflegekräfte – zahlen es aber nicht

Evangelische und katholische Kirche zählen mit ihren Sozialverbänden Diakonie und Caritas zu den größten Arbeitgebern in der Pflege. In den ersten Wochen der Pandemie machten sie sich für bessere Gehälter in der Pflege stark, jedoch nur mit Worten. Das fällt ihnen jetzt auf die Füße. Ein Kommentar von Wolfgang Weissgerber.
Entlohnung in der Pflege

Gottesdienste mit anwesender Gemeinde sind trotz Corona wieder erlaubt. Doch es gibt strenge Auflagen. Wo es keine Bänke gibt, stehen die Stühle nun weit auseinander. Dazwischen ist viel Platz. Da kennt sich die Kirche aus, denn sie sitzt wieder zwischen allen Stühlen.

Die Rede ist von der Pflege. Evangelische und katholische Kirche zählen mit ihren Sozialverbänden Diakonie und Caritas zu den größten Arbeitgebern der Branche. In Krankenhäusern und Altenheimen steht das Personal zurzeit in vielfacher Hinsicht unter erhöhtem Druck. Zum einen erfordern die Sicherheitsvorkehrungen wegen der Corona-Krise besondere Aufmerksamkeit. Zudem ist die besondere Ansteckungsgefahr auf den Stationen eine zusätzliche Belastung für die Beschäftigten.

Anspruch auf Notfallbetreuung

Für Pflegekräfte mit kleinen Kindern hält die Pandemie weiteren Nervenkitzel bereit: Wer betreut mein Kind, wenn die Kita geschlossen ist und ich arbeiten muss? Als Angehörige eines "systemrelevanten" Berufs haben Pflegekräfte zwar Anspruch auf Notfallbetreuung, aber zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffen mitunter Lücken.

In den ersten Wochen der Pandemie haben die Deutschen den Beschäftigten in der Pflege wegen ihres Einsatzes von den Balkonen herab Beifall gespendet. Das kam nicht ausschließlich gut an – sie hätten lieber bessere Gehälter statt Applaus, ließen Pflegekräfte wissen. Auch Kirche, Diakonie und Caritas machten sich dafür stark –
mit Worten. Das fällt ihnen jetzt auf die Füße.

Finanzierungslücken bei den Kirchen

Denn als Arbeitgeber haben sie die Höhe der Gehälter schließlich selbst in der Hand. Da wirkt es seltsam, wenn diakonische Arbeitgeber zwar eine Bonuszahlung von 1500 Euro befürworten, aber hinzufügen: sofern die Pflegekassen sie bezahlen. Als Lösung zeichnet sich ab, dass der Bund zwei Drittel trägt, ein Drittel sollen Bundesländer und Arbeitgeber übernehmen.

Die Kirchen sehen für die nächsten Jahre gewaltigen Finanzierungslücken entgegen. Die Corona-Krise lässt ihre Einnahmen aus der Kirchensteuer weiter einbrechen. Das Geld, das sie den Beschäftigten in der Pflege sicher gern zukommen lassen würden – sie haben es nicht.

Nicht mehr. In vielen fetten Jahren war reichlich Zeit. Die Kirchen mit ihren Verbänden von Diakonie und Caritas bekamen von ihren Beschäftigten und den Gewerkschaften mehrfach zu hören, sie sollten für eine auskömmliche Bezahlung sorgen, Tarifverträge schließen und mit gutem Beispiel vorangehen, um die gesamte Branche mitzuziehen. Das haben sie verpasst. Nun sitzen sie zwischen den Stühlen.

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

"Als 'großer Tanker' haben wir mehr Stabilität in der Krise"

Mathias Hartmann Rektor Diakoneo
Die Corona-Krise hinterlässt auch bei Diakoneo seine Spuren. Es fehlen Einnahmen in Millionenhöhe, sagt der Vorstandsvorsitzende und Rektor des evangelischen Sozialunternehmens, Mathias Hartmann, im Interview. Trotzdem sei die Krise momentan keine existenzielle Bedrohung für Diakoneo.

Senioren und Corona

Seniorin Hände Stock Pflege
Seit Mitte März gilt ein Besuchsverbot in den bayerischen Altenheimen, um die hochbetagten und häufig vorerkrankten Bewohner vor einer Ansteckung mit Covid-19 zu schützen. Neben den ganz praktischen Problemen bringt das auch ethische Fragen mit sich: Ist der Schutz vor einer Infektion höher zu gewichten, als der Erhalt sozialer Kontakte? Und welche Sorgen plagen die Pflegekräfte?
Sonntagsblatt