Kommentar
Ist der Attentäter von Würzburg psychisch krank? War der Mord an drei Frauen religiös motiviert? Die Motive, die den jungen Afrikaner zu seinen Taten getrieben haben, sind für die Opfer und deren Angehörige nebensächlich. Der Staat muss alles daran setzen, dass sich solche Massaker nicht wiederholen - und seine Lehren ziehen. Auch wenn das unbequem ist. Ein Kommentar von Timo Lechner.

Die Integrationsstaatsministerin der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), fordert zurecht Bund, Länder und Kommunen auf, zu prüfen, "was falsch gelaufen ist in der engmaschigen Betreuung und Begleitung des psychisch auffälligen Mannes", wie sie dem "RedaktionsNetzwerk Deutschland" erklärte. Es dürfe "nicht sein, dass jemand durch das Raster falle, sechs Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland in einer Obdachlosenunterkunft lebe und bei gravierenden psychischen Auffälligkeiten nicht unter engerer Beobachtung stehe".

Deutsches Asylrecht wird oft nicht konsequent angewandt

Die Fragen müssen aber tiefer gehen: Wie kann es sein, dass ein illegal nach Deutschland Eingereister einen Asylantrag stellt, der in sechs Jahren nicht abgeschlossen wird, während der Antragsteller von Kommune zu Kommune weiterzieht? Jahre, in denen er irgendwie sogar einen subsidiären Schutzstatus erlangt und in ein Umfeld abdriftet, in dem islamistische Rattenfänger nur auf Männer wie ihn gewartet haben?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte erklärt, der Täter werde "durch den Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen". Genau dieser Rechtsstaat bot dem 24-Jährigen durch sein Asylrecht die Möglichkeit, mittellos und ohne Deutschkenntnisse entsprechende Anträge zu stellen und sein Verfahren mithilfe staatlich bezahlter Juristen schier endlos hinziehen zu lassen. Das deutsche Asylrecht zeugt zwar vom hohen sozialen Verantwortungsbewusstsein unseres Staats. Es wird aber oft nicht konsequent angewandt, wenn es mal gegen die Interessen des Asylbewerbers geht.

Psychologische Hilfsangebote für Asylsuchende

Will man Menschen wie den Würzburger Attentäter nicht abschieben, muss man ihnen ehrliche Perspektiven geben und die Fälle schneller bearbeiten. Noch dringender als mehr psychologische Hilfsangebote für Asylsuchende braucht es in Deutschland vor allem Personal, das nicht nur Fälle sachbearbeitet, sondern auch Mut zu unbequemen Entscheidungen in Asylfällen, ohne Angst vor dem "Beifall von der falschen Seite", aufbringt.

Humanes Verhalten gegenüber Asylbewerbern bedeutet auch, die Verfahren abzuwickeln, bevor sich zu Traumata und Ängsten noch Wut und religiöse Radikalisierung mischen, wie sie sich am 25. Juni 2021 in Würzburg entladen haben. Die Morde hätten verhindert werden können.

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