"Mir fehlt die Farbigkeit"
Abend für Abend sieht sie weiße Männer in den Talk-Shows im Fernsehen. Das stört die Augsburger Jazzsängerin mit schwarzer Hautfarbe, Sylvia Beyerle. Gegen Rassismus hilft aber ihrer Ansicht nach vor allem ein Aufeinanderzugehen.

Vor einem Jahr hat die Stiftung gegen Rassismus in Darmstadt das Projekt "Engagiert gegen Rassismus" initiiert. Es soll Vertreter aus bestimmten Berufsgruppen dazu gewinnen, vor allem während der UN-Wochen gegen Rassismus ein Zeichen für eine menschenfreundliche Gesellschaft zu setzen.

Auch die Augsburger Jazzsängerin Sylvia Beyerle hat sich zur Mitarbeit entschlossen. Als Tochter einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters habe sie in ihrer Heimat auf der schwäbischen Alb schon immer den Stempel der "Exotin" gehabt und "fast ausschließlich sogenannten positiven Rassismus erlebt", sagt Beyerle dem Sonntagsblatt.

Auch positiver Rassismus bedeutet Ausgrenzung 

Schon in der Schule bekam die Jazzsängerin, die sich "Mom Bee" nennt, ständig zu hören, dass sie sicher besonders gut singen und tanzen könne. Ihr sei ein tolles Rhythmusgefühl zugeschrieben worden, aber niemand habe beachtet, dass sie auch in Deutsch eine Eins habe.

"Auch wenn dahinter keine böse Absicht steckt", sagt die 47-Jährige, "tut positiver Rassismus auch weh. Das ist auch eine Ausgrenzung." Damit einher gehe stets die Botschaft: "Du bist anders." Das sei kein schönes Gefühl, betont Beyerle.

Erwachsene können von der Offenheit der Kinder lernen

Gleichwohl sei ihr sehr wichtig, "entspannt" damit umzugehen. Sie freut sich, wenn Kinder sie frei heraus fragen, woher sie kommt oder warum sie dunkle Haut hat. "Diese Offenheit nimmt viel von der Unsicherheit", meint die Sängerin. "Da können Erwachsene etwas von Kindern lernen."

Ihr Engagement gegen Rassismus spiele sich nicht auf der großen Bühne ab, sondern vor allem im Alltag. "Wichtig ist, aufeinander zuzugehen", sagt Beyerle. "Da sollte man nicht mit Verbotsschildern arbeiten."

Sylvia Beyerle: "Der Ton macht die Musik"

Viele Menschen seien verunsichert, welche Worte sie benutzen dürften und welche nicht. Sie fürchtet, die Angst vor falschen Begriffen könnte eine Schranke aufbauen. "Oft habe ich das Gefühl, die Menschen haben einen Knoten in der Zunge. Das ist schade."

Sie könne sogar damit umgehen, wenn ein alter Herr in einer Gaststätte auf dem Dorf sie als "nettes Negermädel" bezeichne. "Weil er nicht weiß, dass dieses Wort tabu ist." Anders sei es, wenn ein Städter dieses Wort mit einem Unterton sage. "Das verletzt." Beyerle ist überzeugt: "Der Ton macht die Musik."

Beyerle fehlt die Diversität in der Medienlandschaft

Die Jazzmusikerin wünscht sich wesentlich mehr Austausch. Deshalb stört sie zum Beispiel sehr, dass in Talkshows Abend für Abend vor allem weiße Männer miteinander diskutieren. "Das finde ich beschämend", sagt Beyerle. Generell fehlt ihrer Meinung nach in der kompletten deutschen Medienlandschaft die Diversität. Sie würde sich wünschen, dass in Politsendungen mehr Gäste mit schwarzer Hautfarbe sitzen, ganz normal.

"Es gibt ja genug", meint sie. Diese Menschen hätten nicht nur eine andere Hautfarbe, sondern auch andere Erfahrungen. "Mir fehlt die Farbigkeit", betont Beyerle. Schließlich werde Deutschland immer bunter. 

Weitere Artikel zum Thema:

Künstliche Intelligenz

Screenshot der Webiste meta-bot.de
Wer Diskriminierung erfährt, weiß oft nicht, wie er oder sie sich wehren soll - und hat vielleicht Hemmungen, sich bei einer Beratungsstelle Hilfe zu holen. Das will ein Erfinder ändern: mit dem ersten Beratungs-Chatbot im Internet gegen Diskriminierung und Rassismus.

Gesellschaftliche Spaltung

Splitter und Balken. Gemälde von Domenico Fetti, 1619.
So viel Moral wie heute war selten. Und zugleich vertieft sich die gesellschaftliche Spaltung in den westlichen Demokratien zusehends. Gibt es einen Zusammenhang? Ja, denn gerade Menschen, die besonders sensibel sind für die Vorurteile und Fehler von anderen, sind um so blinder für die eigenen Vorurteile und Fehler. Das ist nicht nur eine gefühlte Wahrheit, sondern auch das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie der Cornell University. Ein Kommentar von Markus Springer

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*