Universität
Rund ein Drittel aller bayerischen Schülerinnen und Schüler besucht den Ethik-Unterricht. Gegeben wird er größtenteils aber von fachfremden Lehrkräften. Ab Oktober kann man das Unterrichtsfach Ethik in Bayern nun erstmals "grundständig" studieren.
Jörn Müller, Professor für Philosophie an der Universität Würzburg mit dem Sonderpädagogen Reinhard Lelgemann

Dass Lehrerinnen und Lehrer an Realschulen oder Gymnasien Mathematik, Englisch oder Religion unterrichten, ohne das Fach jemals an der Uni studiert zu haben - in Bayern im Prinzip unvorstellbar.

Anders jedoch beim Fach Ethik. Das geben, obwohl es seit Jahren stetig mehr Schülerinnen und Schüler belegen, gut 90 Prozent der Ethik-Lehrkräfte fachfremd. Das soll sich nun mit einem neuen Studiengang an den Universitäten Würzburg und Eichstätt ändern.

Bisher ist Ethik kein grundständiges Fach im Lehramtsstudium gewesen

Der Würzburger Philosophie-Professor Jörn Müller spricht von einer "misslichen Situation" in Bayern. Denn der Freistaat ist das einzige Bundesland, in dem Ethik bisher kein sogenanntes grundständiges Fach im Lehramtsstudium gewesen ist.

Grundständig hieße: Nur wer zwei Hauptfächer auf Lehramt studiert hat, darf diese auch unterrichten. Bislang ist Ethik in Bayern ein "Erweiterungsfach", wie zum Beispiel auch Sozialkunde.

Lehrer müssen also neben ihren beiden "Hauptfächern" ein drittes Fach in abgespeckter Form belegen und auch darin zum ersten Staatsexamen antreten.

Ethik wird bislang oft von fachfremden Lehrkräften unterrichtet

Das ist eine große Hürde, weil es zusätzliche Belastungen für die Studierenden bedeutet, sagt Müller. Wohl auch deshalb sind es nicht allzu viele Lehramtsstudierende, die diesen Weg auf sich nehmen. In Würzburg machten pro Semester etwa 25 Erweiterungs-Studierende ihr Ethik-Staatsexamen.

Letztlich führte das dazu, dass Ethik meistens eben von fachfremden Lehrkräften unterrichtet wird: "Ohne jede universitäre Fachbildung, oft auch ohne jede Weiterbildung oder irgendein Zertifikat", sagt Müller.

Seit Jahren streitet er deshalb mit Philosophie-Kolleginnen und -Kollegen an den bayerischen Hochschulen für eine Aufwertung des Fachs in der universitären Ausbildung.

2016 wurde in Bayern, das 1972 sogar als erstes Bundesland überhaupt Ethik als Unterrichtsfach eingeführt hat, eine Beratungskommission für ein neues grundständiges Studienfach eingerichtet. Auch Professor Müller war Mitglied. Herausgekommen ist der neue grundständige Studiengang "Philosophie/Ethik".

Fach kann zunächst nur an zwei Standorten studiert werden

Ein wenig kurios ist, dass man das neue Fach ab diesem Wintersemester erst einmal nur an zwei Standorten studieren kann: in Würzburg - und an der Katholischen Universität (KU) Eichstätt.

"Das die KU mit im Boot ist, hängt maßgeblich auch damit zusammen, dass es dort die einzige Professur für Fachdidaktik im Bereich Ethik und Philosophie in ganz Bayern gibt", sagt Müller. In Würzburg wird die Aufgabe der Didaktik-Vermittlung erstmal eine abgeordnete Gymnasial-Lehrkraft übernehmen.

Die Zahl der Ethik-Schüler steigt

Wie dringend notwendig die Ausbildungs-Aufwertung im Bereich Ethik ist, zeigen die Zahlen: Besuchten im Schuljahr 2009/2010 an den allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Bayern noch rund 78,3 Prozent aller Schüler den katholischen oder evangelischen Reli-Unterricht, waren es im Schuljahr 2019/2020 noch 66,5 Prozent. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ein Drittel der bayerischen Schülerinnen und Schüler besucht inzwischen den staatlichen Ethik-Unterricht.

Aufgabe des Ethik-Unterrichts ist, den Schülerinnen und Schülern ein "werteinsichtiges Urteilen und Handeln unabhängig von weltanschaulichen Überzeugungen zu vermitteln", sagt Müller.

Dazu brauche es "wissenschaftlich fundiert ausgebildete Ethik-Lehrkräfte". Die künftig grundständig studierenden Ethik-Lehrkräfte in Würzburg und Eichstätt beschäftigen sich mit Philosophie von der Antike bis in die Gegenwart - immer mit dem Bezug zur Praxis. Am Ende steht ein Staatsexamen, "das gegebenenfalls auch zur Promotion berechtigt".

Philosoph Müller und begrüßt die Einführung 

Dass sich die Staatsregierung so lange gegen eine Aufwertung des Ethik-Unterrichts durch besser ausgebildete Lehrkräfte gewehrt habe, versteht Philosoph Müller nicht:

"Ethik ist keine Konkurrenz für den konfessionellen Religionsunterricht. Dieses Gegeneinander war immer künstlich. Eigentlich sollten alle Schüler Ethik belegen - und Religion zusätzlich freiwillig."

In einer zunehmend pluralistischen Gesellschaft sei es "doch gut, wenn Heranwachsenden verschiedene Zugänge zu ethischen Themen vermittelt werden".

Das sieht auch Oberkirchenrat Stefan Blumtritt so, der bei der Landeskirche unter anderem für den Reli-Unterricht zuständig ist.

Die Einführung eines grundständigen Ethik-Lehramtstudiums sei wichtig, da dies der "fundierten Bildung unserer Jugendlichen an Gymnasien dient", sagt er. Wie notwendig es sei, "die Reflexion verschiedener Weltanschauungen - für die der Religions- und der Ethikunterricht je auf ihre Weise stehen - zu stärken, ist gerade in der Zeit der Corona-Pandemie deutlich geworden."

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