Jüdische Gemeinde
Die Jüdische Kultusgemeinde Erlangen sucht ein eigenes Zuhause - schön wäre ein Haus der Begegnung mit Synagoge. Kompliziert wird die Suche allerdings, weil der neue Ort in einem bestimmten Bereich sehr hohe Anforderungen erfüllen muss.
Drei männliche Mitglieder der Jüdische Kultusgemeinde Erlangen stehen auf einem steinernen Platz von Bannern mit der Aufschrift "Haus des jüdischen Lebens in Erlangen".
Auf dem Erlanger Rathausplatz erläutern Christoph Eberstadt, Yonathan Amrani und Peter Friedmann (von links) das Projekt.

Die neuzeitliche Geschichte der Erlanger Jüdinnen und Juden begann im Jahre 1861, als es den ersten jüdischen Menschen erlaubt wurde, sich in der Stadt niederzulassen. Die Gemeinde florierte, und wurde mitgeprägt von großen Persönlichkeiten wie dem Medizinprofessor Jakob Herz und der Physikerin Emmy Noether.

Die Geschichte der Erlanger Juden

Im 19. Jahrhundert existierten im Erlanger Umkreis sechs Synagogengebäude - in Bruck, Büchenbach, Dormitz, Forth, und - in den etwas weiter weg gelegenen Orten - Ermreuth und Kunreuth. Während die Landjuden aus den umliegenden Dörfern in die Städte zogen und ihre Synagogen eine nach der anderen geschlossen wurden, blieb die im Jahr 1871 gegründete (erste) Jüdische Gemeinde in Erlangen bis zu ihrer Auslöschung 1943 sowie ihre Nachfolgergemeinden in den vergangenen 150 Jahren ohne eigenes Bethaus - bis heute.

Christoph Eberstadt hat sich mit der Geschichte der Erlanger Jüd*innen beschäftigt, die nach dem 2. Weltkrieg wieder neu begonnen hat. "Es gab in der Nachkriegszeit eine Studentengemeinde mit hochinteressanten Personen", erläutert er. "Da war zum Beispiel ein Schindlerjude dabei, da waren spätere Botschafter des Staates Israel dabei, dazu Gründungsmitglieder der Gemeinden in Nürnberg und in Fürth sowie Wissenschaftler mit internationalem Rang. Die hatten einen eigenen Betraum dort, wo heute die Hochschulplanungsbehörde sitzt", berichtet Eberstadt. Alle seien aber bis 1950 ausgewandert, und die Gemeinde wurde aufgelöst.

In den 1970er Jahren wollte der Verleger und Rabbiner Shlomo Levin in Erlangen eine neue jüdische Gemeinde aufbauen. 1980 wurde er von Neonazis ermordet. Damit erlosch das jüdische Leben in Erlangen. "Sie waren in Schockstarre", sagt Eberstadt. Er spannt dann den Bogen in die 1990er Jahre als die Kontingentflüchtlinge kamen. "Wir haben vor allem ukrainische Juden in der Gemeinde. 250 Leute waren das damals, und da sah man die Chance, eine jüdische Gemeinde zu gründen". 1997 sei sie aus der Taufe gehoben worden. Aktuell stammt die Mehrheit der Gemeindemitglieder aus der ehemaligen Sowjetunion, erklärt er.

Gebäude, die einen Gemeindemittelpunkt bilden sollten

Nachdem 2001 der Friedhof als Bestattungsstätte geweiht worden war, fehlte also weiter eine Synagoge. In den letzten 25 Jahren wurden drei Objekte angemietet und es entstand jeweils mit viel Optimismus und Aufwand ein Gemeindemittelpunkt. Immer wieder mussten die Mietverhältnisse jedoch beendet werden. Seit dem Anschlag von Halle sind die Sicherheitsanforderungen an solche Bauten stark gestiegen.

Nun drängt die Zeit, denn auch in der Jugendstilvilla am Erlanger Burgberg, die die Gemeinde derzeit gemietet hat, fehlen diese Sicherheitsvorkehrungen. "Wenn im Jahr 2023 der Mietvertrag ausläuft, wird der Vermieter nicht genehmigen, dass diese Baumaßnahmen in der denkmalgeschützten Villa durchgeführt werden", erklärt Eberstadt. Er könne das durchaus verstehen. Denn sollte der Vermieter die Maßnahmen genehmigen, müsste die Gemeinde die ganze Einrichtung wieder zurück bauen, wenn sie später ein eigenes Gebäude bekäme. "Das wäre der Ruin einer so kleinen Gemeinde, das beides gleichzeitig zu stemmen." Ohne ein Zuhause könnte die Erlanger jüdische Geschichte möglicherweise noch in diesem Jahrzehnt zu Ende gehen.

Start einer Fundraising-Kampagne

So muss also schnell ein neues Gebäude her, das sicher ist und trotzdem ein offenes Haus bleiben kann. Um das Projekt zu verwirklichen, hat die Gemeinde in diesem Sommer eine Fundraising-Kampagne mit dem Werbeprofi Terry Swartzberg gestartet. Er ist für einige Aktionen im Gedenken an die Opfer des Holocaust - etwa die "Stolperstein"-Aktionen in München oder seine Aktion "Kippa tragen in der Öffentlichkeit" - bekannt.

Mit seinem Team hat er eine Imagebroschüre erstellt und appelliert darin: "Bitte helfen Sie uns, unser eigenes Zuhause zu finden!" Laut Swartzberg dürfte das Projekt rund 4,4 Millionen Euro kosten, abzüglich der öffentlichen Mittel müsste die Jüdische Kultusgemeinde (JKG) noch 1,1 Millionen Euro beisteuern, Geld, das zum Großteil über die Fundraising-Kampagne hereinkommen soll.

Mit einem "Fest des jüdischen Lebens" wurden die Pläne für den Bau des Hauses nun öffentlich vorgestellt. Es ging unter anderem darum, "bekannt zu werden, sich vorzustellen und Vorurteile abzubauen", sagt die JKG-Vorsitzende Ester Limburg-Klaus. Die Gemeinde hat heute rund 120 Mitglieder - so viele wie Mitte des 19. Jahrhunderts.

Peter Friedmann ist Christ. Er gehört zum Förderkreis für die jüdische Gemeinde und engagiert sich für das geplante Haus des Jüdischen Lebens in Erlangen. "Ich hoffe, dass das jüdische Leben hier präsenter wird. "Sie sollen Veranstaltungen machen können, die mehr Öffentlichkeit anziehen", sagt er, "so dass das jüdische Leben hier greifbar hörbar und sichtbar ist".

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