Seit dem 1. Juli 2024 bilden die bisherigen Dekanate Weiden, Sulzbach-Rosenberg und Cham gemeinsam ein neues Dekanat. Es erstreckt sich von Waldsassen im Norden über Sulzbach-Rosenberg im Westen bis nach Zwiesel im Südosten. 69 Kirchengemeinden mit rund 67.000 Gemeindegliedern gehören dazu. Geleitet wird das Dekanat von Dekan Thomas Guba (Weiden) und Dekanin Ulrike Dittmar (Sulzbach-Rosenberg und Cham). Landesbischof Christian Kopp hat sich bewusst selbst eingeladen, um das neu entstandene Dekanat Eins kennenzulernen – das größte Flächendekanat der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Was auf der Landkarte beeindruckend aussieht, bedeutet im Alltag vor allem eines: viele Kilometer zurücklegen. Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen, Religionspädagogen und Ehrenamtliche sind in diesem Dekanat ständig unterwegs. Und der Landesbischof wollte dieses Erlebnis selbst nachempfinden. Daher ging es einen Tag lang mit dem gemeindeeigenen Kleinbus der evangelischen Kirchengemeinde Bad Kötzting von Station zu Station – immer mit anderen Passagieren mit an Bord, die jeweils ihre 15 bis 30 Minuten Fahrtzeit nutzten, um sich und ihre Kirchengemeinde vorzustellen und auf die jeweiligen Belange aufmerksam zu machen.

Alltag zwischen Cham und Rötz: Entscheidungen und Herausforderungen

Als sich der Bus mit Pfarrer Stefan Nagel aus Bad Kötzting am frühen Morgen in Cham in Bewegung setzt, wird schnell deutlich: Diese Reise ist kein symbolischer Pflichtbesuch. Das wird gleich zu Beginn in Cham deutlich. Pfarrer Michael Rummel beschreibt die Situation seiner Gemeinde, die sich über weite Teile des Landkreises erstreckt – mit Orten wie Furth im Wald oder Rötz, wo nur alle drei Wochen ein Gottesdienst stattfindet. Ein runder Geburtstag ab 70, eine Beerdigung, ein Gemeindefest: Für viele Termine sind lange Autofahrten keine Ausnahme, sondern Normalität. Wer mehrere Orte betreut, sammelt schnell tausende Kilometer im Jahr. Zeit, die auf der Straße verbracht wird – Zeit, die im Büro, im Seelsorgegespräch oder in der Vorbereitung fehlt.

Diese Realität prägt Entscheidungen. Geburtstagsbesuche müssen gebündelt oder reduziert werden, Gottesdienstpläne so abgestimmt, dass an einem Sonntag mehrere Orte nacheinander erreichbar sind. Die Frage nach Präsenz wird zur logistischen Herausforderung – und zur geistlichen Gratwanderung.

Pfarrer Michael Rummel (rechts) erläutert die Gemeindesituation in Cham.
Pfarrer Michael Rummel (rechts) erläutert die Gemeindesituation in Cham.

In Cham schildert Pfarrer Michael Rummel sehr konkret, was Gemeindearbeit in der Fläche bedeutet. Seine Gemeinde umfasst nicht nur die Stadt Cham selbst, sondern reicht bis nach Furth im Wald an der tschechischen Grenze sowie nach Rötz und in zahlreiche kleinere Orte dazwischen. Entfernungen von 40 bis 50 Kilometern innerhalb einer Kirchengemeinde sind keine Ausnahme.

Diese Weite prägt den Alltag spürbar. Ein runder Geburtstag in Rötz, eine Beerdigung in Furth im Wald oder ein Gemeindetermin in Cham lassen sich nicht "nebenbei" erledigen. Sie bedeuten Fahrzeit, Planung und oft die Entscheidung, wo Präsenz möglich ist – und wo nicht. Pfarrerinnen und Pfarrer sind hier regelmäßig mehrere Stunden unterwegs, um sichtbar zu bleiben.

Aber es gibt auch Positives – wie ein breiteres, kirchenmusikalisches Angebot: "Jede drei Kirchengemeinden Cham, Furth im Wald und Waldmünchen bereichert die Pfarrei. Der Posaunenchor aus Cham spielt neuerdings beispielsweise in Furth", beschreibt Rummel ein Beispiel.

Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Nähe zu den Menschen gerade in der Diaspora eine besondere Qualität hat. Evangelisches Leben wird bewusst wahrgenommen, Begegnungen sind oft intensiver als in städtischen Räumen. "Gerade durch die Distanz entsteht auf diese Weise mehr menschliche Nähe", sagt Rummel.

In Cham geht es aber nicht nur um Menschen, sondern auch um Gebäude. Kirchenvorstandsmitglied Michael Baltes erklärt, wie sich die Gemeinde intensiv mit ihrem Gebäudebestand auseinandersetzt. Nicht jede Kirche, nicht jedes Gemeindehaus lässt sich dauerhaft halten. Nachdem Dekanin Ulrike Dittmar nach Sulzbach-Rosenberg umgezogen ist, sei beispielsweise deren ehemaliges Haus als soziale Wohngemeinschaft neu vermietet worden. Langfristig werde man das Haus mitsamt dem Grundstück aber verkaufen.

Gerade in einer Region, in der evangelische Kirchen oft als sichtbares Zeichen der Minderheit gebaut wurden, ist das emotional belastend. Gebäude erzählen Geschichten von Flucht, Neuanfang und Gemeinschaft. Doch die Gemeinde stellt sich der Realität: Zukunft braucht Konzentration, nicht bloß Bewahrung.

In der St. Johanneskirche in Bodenmais
In der St. Johanneskirche in Bodenmais.

Weite Gemeinden, neue Formen: Kirche als Resonanzraum

Wie weit Pfarrsprengel tatsächlich sein können, macht Pfarrer Roland Kelber deutlich. Sein Arbeitsgebiet reicht von Viechtach bis Bodenmais – ein Raum, in dem allein für regelmäßige Besuche enorme Strecken anfallen. Ein runder Geburtstag kann schnell zu einer Halbtagesreise werden.

In Bodenmais wird deutlich, wie die Bodenmaiser Johanneskirche auf diese Bedingungen antworten kann. Pfarrer Matthias Schricker beschreibt seine Kirche als einen offenen Raum, der tagsüber bewusst zugänglich ist. "Die Menschen machen sich hier ihren eigenen Gottesdienst", sagt er – und meint damit keine Beliebigkeit, sondern eine neue Form persönlicher Spiritualität.

Konkret wird das beim Blick in den Kirchenraum: Eine Klagemauer aus Ziegelsteinen ist aufgebaut. In die Zwischenräume stecken Zettel mit Gedanken, Bitten, Klagen und Hoffnungen. Kerzen können entzündet werden, Texte liegen aus, stille Rituale laden zum Innehalten ein. Wer hereinkommt, muss nichts wissen, nichts können, nichts erklären. Die Kirche bietet Resonanzraum – nicht Programm.

Tourismusreferent Tobias Wolf unterstreicht, wie wichtig diese Offenheit ist. Bodenmais lebt vom Tourismus, von Menschen auf Zeit, die oft mit Fragen kommen, für die es keine schnellen Antworten gibt. Kirche wird hier zur stillen Begleiterin. Gottesdienste, Bergandachten, Kooperationen mit dem Tourismus: Kirche ist präsent, ohne sich aufzudrängen.

Auch strukturell wird weitergedacht. Pfarramtssekretärin Christiane Lorenz stellt Pläne vor, das Untergeschoss der Kirche auszubauen – für Begegnung, niedrigschwellige Angebote und neue Nutzungen. Zukunft entsteht hier nicht aus der Fülle, sondern aus kluger Nutzung des Vorhandenen.

Religionsunterricht in Bad Kötzting: Inforunde mit den wenigen evangelischen Kindern an den Schulen
Religionsunterricht in Bad Kötzting: Inforunde mit den wenigen evangelischen Kindern an den Schulen.

Evangelisches Leben in Minderheit: Nähe trotz Distanz

Die Rückfahrt von Bodenmais nach Bad Kötzting wird für die zugestiegenen Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinden im Bayerischen Wald zu einer rollenden Diskussionsrunde. Zwischen Serpentinen und Schneeresten geht es offen über das Leben als evangelische Minderheit in einer katholisch geprägten Region – und über die Zukunft ihrer Kirche. Einer der Gesprächsteilnehmer schildert ganz konkret, was Strukturveränderungen bedeuten: "Wir hatten neulich den Fall, dass zwei Beerdigungen gleichzeitig waren. Weil der Kollege schon ‚beviertelt‘ war. Die Leute waren richtig sauer."

Solche Situationen seien keine Ausnahme mehr, sondern Vorboten dessen, was komme. Dennoch warnt Landesbischof Kopp davor, vorschnell aufzugeben: "Jetzt schon zu sagen: Wir ziehen uns zurück, weil wir das die nächsten 20 Jahre nicht mehr halten können – das halte ich für absolut falsch. Da steckt für mich nicht die Hoffnung des Evangeliums drin."

Kopp beschreibt das Dilemma der Kirchenleitung: Einerseits müsse man auf demografische Veränderungen reagieren, andererseits dürfe man die Menschen vor Ort nicht aus dem Blick verlieren. "Wir müssen eine gute Mischung hinbekommen: das Gute bewahren, was jetzt da ist – und gleichzeitig überlegen, was das für die Generationen nach uns bedeutet."

Lernen an den Rändern: Erfahrungen aus der Diaspora

Gerade in der Diaspora, wendet jemand ein, habe man schon früh gelernt, flexibel zu sein. Eine Teilnehmerin erinnert daran, dass ihr Dekanat schon seit Jahrzehnten mit großen Entfernungen lebe: "Für mich war das selbstverständlich: Zur Dekanatssitzung waren es 40 Kilometer einfach. Woanders ist das jetzt erst eine Herausforderung – für uns war das Alltag." Besonders bewegt sprechen die Mitfahrenden über den Verlust gewachsener Gemeinschaften durch neue Strukturen. Früher habe es große Dekanatstreffen gegeben, heute seien die Einheiten kleiner, anonymer. "Da kamen Leute aus Regen und Zwiesel zusammen und sagten: ‚Ach, schön dich wiederzusehen! Wie geht’s dir?‘ – das gibt es so nicht mehr."

Kopp macht deutlich, dass Reformen nicht nur Verwaltung betreffen dürfen: "Viel wichtiger als die Struktur ist das Pastorale. Die Frage ist doch: Wie erreichen wir die Menschen?" Zugleich räumt er ein, dass Themen wie Gebäudeplanung und Verwaltungsreformen enorme Kräfte binden: "Das frisst wahnsinnig viel Energie." Dennoch blickt er mit Respekt auf frühere Generationen von Kirchenleitenden: "Die in den 60er- und 70er-Jahren haben Kirche in Bayern so gestaltet, weil sie wussten: Wir werden viele sein. Jetzt müssen wir genauso klug für eine andere Wirklichkeit planen."

Am Ende der Fahrt ist keine einfache Lösung gefunden. Aber es ist spürbar: Die evangelischen Gemeinden im Bayerischen Wald haben Erfahrung mit Wandel. Sie wissen, wie es ist, Minderheit zu sein – und wie wichtig Nähe trotz großer Entfernungen bleibt. Oder, wie es eine Teilnehmerin zusammenfasst: "Wir waren immer schon Kirche in Bewegung. Vielleicht ist das unsere größte Stärke."

Landesbischof Koppf mit Ehren- und Hauptamtlichen und dem Gemeindebus in Bad Kötzting vor der evangelischen Kirche.
Landesbischof Koppf mit Ehren- und Hauptamtlichen und dem Gemeindebus in Bad Kötzting vor der evangelischen Kirche.

Bad Kötzting: Minderheit leben – sichtbar bleiben

In Bad Kötzting richtet sich der Blick auf einen anderen Brennpunkt evangelischen Lebens: die Schule. Bürgermeister Markus Hofmann beschreibt das ökumenische Miteinander in einer klar katholisch geprägten Region. Evangelische sind hier selbstverständlich Teil des Ganzen – gerade weil sie in der Minderheit sind. Zusammenarbeit, gegenseitige Unterstützung und gemeinsame Verantwortung prägen den Alltag.

Besonders deutlich wird die Diasporasituation im Religionsunterricht. Landesbischof Christian Kopp und andere Beteiligte berichten von ihren eigenen Erfahrungen. Heute sitzen in manchen Klassen nur ein oder zwei evangelische Kinder, die dann jahrgangsübergreifend mit anderen unterrichtet werden. Gerade hier zeigt sich, wie wichtig Präsenz ist: Religionsunterricht schafft Kontaktflächen zwischen Kirche, Schule, Familien und Öffentlichkeit. Fällt er weg, verschwindet Kirche aus einem zentralen Lebensbereich junger Menschen.

Fazit: Lernen an den Rändern

Christian Kopp wollte dorthin, wo evangelisches Leben nicht selbstverständlich ist: an die Grenzen Bayerns, in weitläufige Regionen, in denen evangelische Christinnen und Christen oft nur wenige Prozent der Bevölkerung ausmachen. Das Experiment ist gelungen. Nicht trotz der Ränder, sondern wegen ihnen ist das Verständnis für Kirche gewachsen.