9.05.2020
Kommentar

Der muslimische Gebetsruf und die Religionsfreiheit

Die Corona-Pandemie hat das öffentliche religiöse Leben in Deutschland über Wochen lahmgelegt. Doch in eine Sache ist Bewegung gekommen: Etwa 30 Moscheegemeinden in Deutschland hatten bisher eine Erlaubnis für den Muezzinruf – nun kamen viele Gemeinden dazu, die bisher vergebens dafür gekämpft hatten. Warum man beim Muezzinruf jedoch genauer hinhören sollte – kommentiert Helmut Frank.
Minarett der Moschee in Duisburg-Marxloh.
Symbolbild: Minarett der Moschee in Duisburg-Marxloh.

Nun schallt der Gebetsruf "Allahu Akbar" auch über die Dächer von Fürstenfeldbruck, Kulmbach und Weißenburg. Vertreter der Kirchen haben diese Entwicklung begrüßt. In Deutschland gilt die Religionsfreiheit.

Dieses Grundrecht erlaubt es jedem Menschen, seine persönliche Glaubensüberzeugung frei und öffentlich auszuüben.

Muezzinruf ist ein Bekenntnis

Doch beim Muezzinruf sollte man einmal genauer hinschauen – oder besser hinhören: "Allah ist am größten! Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah. Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs Gesandter ist."

Der Ruf des Muezzin ist in erster Linie ein Bekenntnis. Erst am Schluss kommt der Aufruf: "Eilt zum Gebet!"

Naiv erscheint aus dieser Sicht der immer wieder gerne gezogene Vergleich mit den Kirchenglocken. Man kann es einfach nicht vergleichen. Das Bekenntnis im Ruf des Muezzin hat im ursprünglichen islamischen Verständnis eine durchaus aggressive Komponente.

Der wahre Glaube

Den Ungläubigen (Christen, Juden, Atheisten) wird damit öffentlich mitgeteilt, "wo die Glocken hängen", es ist der Ruf zur Bekehrung – als Chance, den "wahren Glauben" zu ergreifen, bevor die Unterwerfung vollzogen werden muss.

Ein "Zeichen der Fairness" also im Bemühen, Allah Raum zu geben in allen privaten, politischen und gesellschaftlichen Bezügen. Wo der Ruf des Muezzin erschallt, herrscht nach muslimischer Lehre Allah.

Nun mag man einwenden, die meisten Muslime würden das nicht so eng sehen. Die Realität ist weniger schön: In Berlin-Neukölln beispielsweise kam es zu wilden Szenen, als der dortige Moschee-Verein am 3. April erstmals öffentlich den islamischen Gebetsruf erklingen ließ.

"Vorboten eines Kulturkampfes"

Mehr als 300 Männer versammelten sich vor der Dar As-Salam-Moschee. Sie feierten den Muezzinruf als Sieg über die Ungläubigen. So lauteten jedenfalls viele Kommentare in den sozialen Medien.

Sie skandierten "Allah ist groß" und griffen die Polizisten an, die versuchten, die nicht genehmigte Versammlung aufzulösen. Die liberale Imamin Seyran Ates wertet die Ausschreitungen als "Vorboten eines Kulturkampfes".

Bevor es so weit kommt, sollten die Genehmigungen zum Muezzinruf besser wieder einkassiert werden. Dieses Element des Islam ist einfach zu laut, zu dominant, zu aufdringlich. Zur Religionsfreiheit gehört auch das Recht, nicht zwangsweise von anderen Glaubensüberzeugungen beschallt zu werden.

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Kommentare

Von Sonntagsblatt am Montag, August 17, 2020 - 11:48

Sehr geehrte Redaktion,

ich bin aufgrund des Kommentars Ihres Chefredakteurs zur Praxis des Muezzinrufs in Deutschland im Mai diesen Jahres erstaunt und verärgert. Der Ton den Herr Frank anschlägt ist polemisch, diffamierend und leider arbeitet sein Artikel mit subtilen Unterstellungen, wenn Herr Frank z.b. feststellt, das Bekenntnis im Ruf des Muezzin habe im ursprünglichen islamischen Verständnis eine durchaus aggressive Komponente. Was ist hier mit „ursprünglichem islamischen Verständnis“ gemeint? Was soll die aggressive Komponente sein?

Zur Religionsfreiheit gehört auch das Recht, nicht zwangsweise von anderen Glaubensüberzeugungen beschallt zu werden…diesem Satz von Herrn Frank würde ich gerne beipflichten, ihm dann aber auch die Frage stellen kann, wie er es vertreten kann, dass während evangelischen Gottesdiensten lautstark die Kirchenglocken beim beten des Vater unser geläutet werden. Handelt es sich hier neben einem Aufruf zum Gebet nicht durchaus auch um ein (christliches) Bekenntnis? Auf mich wirkt diese Form der öffentlichen Zwangsbeschallung jedenfalls nicht minder aggressiv als der Muezzinruf auf Herrn Frank, auch wenn er diese Sichtweise in seinem Artikel vorsorglich gleich als „naiv“ bezeichnet. Was ist an dieser Auffassung genau naiv? Ich halte es für durchaus schwierig hier bei einem vergleichbarem Sachverhalt mit zweierlei Maß zu messen.

Die unverhohlene Forderung von Herrn Frank, die Genehmigungen zum Muezzinruf sollten besser wieder einkassiert werden, bevor es zu einem Kulturkampf komme, dessen Vorboten wir schon längst bezeugen könnten (sein Beispiel: Neukölln), ist schließlich blanke Islamophobie. Es entfremdet mich wieder einmal sehr von der evangelischen Kirche, in der ich aufgewachsen bin, dass hier nicht im Sinne der aufklärerischen Errungenschaft der Toleranz gegenüber anderen Religionen geschrieben wurde, sondern von einem privilegierten Standpunkt aus gegen andere Religionen in abschätziger und agitatorischer Weise gewettert wird.

Leider hat das Sonntagsblatt an dieser Stelle undifferenzierten, tendentiell rechtspopulistischen und stimmungsmachenden Thesen Raum gegeben, statt fruchtbare Diskurse fortzuführen und informiert und fair über den Islam und die muslimische Community in Deutschland zu berichten.

Eine solchen Rhetorik ist aus einem journalistischem Standpunkt generell schwierig. Bei einem Magazin, dass sich als „evangelisch“ versteht finde ich umso mehr. Die Kirche sollte Brückenbauer sein und nicht Gesellschaft spalten. Das wäre zumindest mein persönlicher Anspruch an sie und auch an Ihre diversen Sprachorgane.

Mit freundlichen Grüßen

K.F.

Von Sonntagsblatt am Montag, August 31, 2020 - 16:15

Ich freue mich sehr über die sachlich ausgewogenen Worte von Herrn Frank.
Selbstverständlich stellt der Muezzinruf im Gegensatz zum Glockengeläut ein deutliches Verkündigungsmoment dar. Denn er ist sprachlich, soll die Menschen direkt ansprechen und allen entsprechende Glaubensinhalte transportieren. Er ist nicht verkündigungsfrei. Während das Glockengeläut auch beim innerkirchlichen Gebet ein rein klangliches sprachneutrales und nicht bekehren wollendes Zeichen ist. Da wird nicht gerufen "Der christliche Gott ist groß!" oder "Der christliche Gott ist größer!"

Hinzu kommt: Selbst Muslime wie etwa auch Ahmad Mansour, ein profunder Kenner des Islam, warnen davor, hier den Muezzinruf erschallen zu lassen. Er wird durchaus auch triumphierend wahrgenommen und nicht als dankenswertes Zeichen deutscher Toleranz. Es heißt dann auch ganz konkret: "Der Islam hat gewonnen!"

Besonders, ja außerordentlich ungut finde ich, dass Herrn Frank Islamophobie vorgeworfen wird. Hierbei handelt es sich um einen zwar oft gebrauchten aber haarsträubenden Kampfbegriff. Man sollte klare medizinische Definitionen einer schweren psychischen Krankheit nicht benutzen, um Andersdenkende abzublocken.

Eine Phobie ist eine hochgradige Angst vor völlig ungefählichen Sachverhalten. Sie kann sehr schwer und massiv lebenseinschränkend, ja auch lebensgefährlich sein.Sie badraf dann der Intervention von medizinischen Fachleuten.
Einer meiner Schüler hatte eine Höhenphobie. Er wagte es nicht, Treppen ins Klassenzimmer zu steigen. Sah er die, schrie und kreischte er, am ganzen Körper zitternd. Es gab für ihn kein Halten. Er war seiner Angst ausgeliefert. In engster Absprache mit Fachleuten und mit ihm führten ich eine Desensibilisierung durch. Er nahm zunächst kleine Treppen oder nur ein paar Stufen. Dabei hatten wir Wechselwäsche für den Fall des Einnässens. Nach knapp zwei Schuljahren konnte er auf Klettergrüste steigen und mit mir auf einer Eisenbahnbrücke stehen und mindestens 20 Sekunden ohne große Schwierigkeiten weit über die Gleise schauen. Er kann nun auch schulisch und privat an Wanderungen mit Hügeln teilnehmen.
Eine Kollegin hatte eine Spinnenphobie, was sie beinahe das Leben gekostet hätte. Während einer Autofahrt "seilte" sich plötzlich eine Spinne vom Rückspiegel ab. Die Kollegin verriss schockstarr phobisch das Steuer und landete mit dem auf dem Dach liegenden Auto im Straßengraben. Sie hat überlebt.

Dies so ausführlich, damit klar wird, welche Grenzen mit dem Kampfbegriff Islamophobie verschoben werden, wie unfair und letztlich auch attackierend, ja man darf leider auch sagen, wie im Kern diffamierend er ist.

In nicht wenigen dezidiert islamischen Staaten gilt z.B. für den Austritt aus der Glaubensgemeinschaft als Abfall vom rechten Glauben die Todesstrafe. Wer dies und nicht wenige andere Dinge zur Kenntnis nimmt, darf sehr skeptisch sein, muss sich frei äußern dürfen, ohne in eine ungute Ecke gestellt zu werden.

Ich danke Herrn Frank, wünsche ihm Gutes. Wir leben in einer Demokratie und in Glaubensfreiheit. Freiheit hin zu diesem oder jenem Glauben, aber auch Freiheit von jeglichem Glauben. Das soll bitte so bleiben.
Ich habe als Lehrer meinen Eid auf unsere freiheitlich demokratische Grundordnung geleistet, werde mich also auch zu ihrer Verteidigung zu Wort melden.

Wer zur Moschee zum Gebet rufen will, kann das auch sprachneutral mit einem Klangzeichen machen, wie das die christlichen Kirchen tun.

Von Sonntagsblatt am Dienstag, September 1, 2020 - 16:53

Ich hatte ausführlich die durchaus auch sehr schwerwiegenden Probleme von Menschen mit einer Phobie geschildert. Dann darauf hingewiesen, dass der Vorwurf gegenüber Andersdenkenden, sie seien islamophob, diffamierend ist.
Nun ist das Problem aber keine "Einbahnstraße" in Richtung derjenigen, die unzulässig als psychisch krank dargestellt werden.

Es ist eine Zweibahnstraße, weil damit in die andere Richtung auch die tatsächlich an einer Phobie Erkrankten beleidigt werden. Denn deren Krankheit und nicht selten große innere Not wird benutzt, um andere in eine üble Ecke zu stellen.

Wenn im Schulbus ein Kind unzulässig und abfällig zu einem anderen Kind sagt "Du bist ja behindert!", dann ist das auch üble Nachrede gegenüber tatsächlich behinderten Menschen. Was sagt ein eventuell tatsächlich daneben stehender real behinderter Mensch dazu! Er wird wissen, dass sein menschliches so Sein als Schimpfwort missbraucht wird. Auch so eine Form, andere zu degradieren.
In jedem Fall werden bei solchen Dingen beide Seiten beleidigt.

Menschen mit Behinderung und/oder psychischen Erkrankungen brauchen fachlichen Rat und fachliche Hilfe. Sie brauchen es nicht, dass ihre Erkrankung als Munition gegenüber Andersdenkenden missbraucht wird.

Ich denke nicht, dass jemand, der nach Brückenbauern ruft, sich so verhalten sollte. Denn er trägt nicht zur Integration und Befriedung bei, sondern zur Desintegration und Ausgrenzung. Man könnte da auch von Spaltung reden.

MfG
Joha

Von Wolf. Steckler am Sonntag, September 13, 2020 - 15:55

In reply to by HaJo

Danke für Ihre sachliche Richtgstellung.
Dieser Unterschied ist den meisten Kirchgänger + Kirchenchristen anscheinend nicht klar oder wird nicht real wahrgenommen.
Auf jeden Fall wichtig, dieses zu erklären. Noch 1mal Danke.
Gruß, Wolf.

Von Gast am Dienstag, September 1, 2020 - 17:35

Wo soll ein polemischer, diffamierender oder unterstellender Ton von Herrn Frank zu finden sein? Da fehlen die Beweise. Der Vorwurf kommt nicht über den Status der Befindlichleitsäußerung hinaus.
Ja, friedliche Muslime gehören zu Deutschland wie jeder friedliche Mensch, der sich an den Grundrechten orientiert.
Nur muss man leider festhalten, dass der Islam als Ganzes sein Verhältnis zur Gewalt nicht geklärt hat. Man betrachte die Themen Religionsfreiheit, Frauenrechte, Gewaltlosigkeit, Freiheit der sexuellen Ausrichtung, Demokratie, Umgang mit Satire und Karikaturen und anderes mehr.
Das Christentum hat eine blutige Geschichte hinter sich, aber eben auch eine Stifterfigur, die für ihren Glauben gestorben ist und nicht getötet hat. Letzteres hat der christlichen Religion immer wieder enorme innere Selbstreinigungskäfte vermittelt. Man kann die christliche Religion daher heute als insgesamt friedlich betrachten. Selbstmordattentäter sind da nicht vorgesehen.
Das ist bei einer Religion, die dezidiert auch von ihren Stifter mit Feuer und Schwert verbreitet wurde, schwerlich zu erkennen.
Die Toleranz hierzulande ist verbesserungswürdig aber insgesamt vorbildlich. Man kann Moscheen bauen, es gibt islamischen Religionsunterricht (natürlich unter der Aufsicht unserer grundgesetzlichen Vorgaben im Sinne der Achtung der Menschenrechte.
Kann man in islamischen Staaten so problemlos Kirchen bauen oder auch nur Grundstücke dafür erwerben?
Seyran Ates hat schon ein Attenta hinter sich, bei dem sie schwr verletzt wurde. Trotzdem gründete sie eine liberale muslismische Moschee. In diesem Lande kann und darf sie das. Leider muss sie Tag und Nacht von der Bundespolizei geschützt werden. Sie berichtet: "Von wem bekomme ich Morddrohungen und Hetze? Zu 98 Prozent von Muslimen ... Ja, ich als Muslimin fürchte mich mehrheitlich vor Muslimen."

Deshalb noch einmal: Ja, friedliche Muslime gehören zu Deutschland. Sie sind hier gerne gesehen und genießen den Schutz des Staates, den wir ihnen eben so gerne gewähren.
Die Vorwürfe gegenüber Herrn Frank wirken da ausgesprochen absurd.

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