Kommentar
Was genau der Nürnberger Pfarrer Matthias Dreher da eigentlich geschrieben hatte? Nur wenigsten machten sich die Mühe, es selbst zu lesen. Gleichwohl wurde der Fall des Pfarrers, der über einen Leserbrief zum Thema Seenotrettung stolperte, weit über die Kirchen hinaus in ganz Deutschland wahrgenommen. Der Vorgang hat den Blick auf die innerkirchliche Diskurskultur gerichtet.
Bedford-Strohm
Seenotrettung: Der bayerische Landesbischof und EKD-Ratspräses Heinrich Bedford-Strohm 2016 bei einem Besuch auf dem Tender "Werra" im Hafen von Cagliari.

Bei der jüngsten digitalen Tagung der Landessynode, dem "Kirchenparlament" der bayerischen evangelischen Kirche, hat nicht nur der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm beklagt, wie schwer es sei, mit geistlichen Themen in den Medien vorzukommen. Im "Fall Matthias Dreher" vermeldete dagegen jüngst sogar der Hamburger Spiegel genüsslich, dass der Nürnberger Pfarrer "nach Kritik an der Seenotrettung" seine Gemeinde verlassen musste.

Im Sonntagsblatt wird es nicht anders sein als im Korrespondenzblatt des bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins: Überschriften über den Leserbriefen schreiben die Briefschreiber in der Regel nicht selbst.

Doch mehr als die skandalöse Überschrift "Ein Christ kann ertrinken lassen" mussten die meisten gar nicht lesen, um ihr Urteil über den Leserbriefschreiber Matthias Dreher gefällt zu haben. Dass in seinem Brief (auch) ausdrücklich das Gegenteil stand, half ihm nichts mehr.

Kanzel-Kultur statt "Cancel Culture"

Man muss Luthers "Zwei-Reiche-Lehre" nicht richtig finden, mit der der Pfarrer argumentierte. Auch drückte er sich so ungeschickt aus, dass es leichtfiel, ihn misszuverstehen. Aber Dreher tat nichts anderes als das, was nun der Landesbischof vor der Synode forderte: kirchliche Diskurse "auf der Basis des Evangeliums" zu führen.

"Ich wünsche mir", sagte Bedford-Strohm nun in seinem Synodenbericht, "dass wir mehr Orte finden, an denen der Diskurs über unterschiedliche Meinungen gepflegt wird und an denen Menschen angstfrei ihre Meinung zum Ausdruck bringen können."

Der Bischof hat recht: "Wir können dankbar dafür sein, dass sich ganz unterschiedliche Menschen in unserer Kirche zu Hause fühlen." Vom "Bruch" in der erlösungsbedürftigen Schöpfung hat er vor der Synode eindrücklich gesprochen, von Dietrich Bonhoeffer und dem, was Christsein ausmacht: "Beten, Tun des Gerechten und Warten auf Gottes Zeit."

Nur Selbsterkenntnis und Selbstkritik führen aus der Blase

Gut, dass Bedford-Strohm nun auch zu diesen klaren Worten gefunden hat: "Die Moralisierung des Evangeliums führt genauso in die Irre wie seine Spiritualisierung." Daraus folgt, so der Bischof: "Selbstverständlich kann man auch in der Kirche unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob es zu den diakonischen Aufgaben der Kirche gehört, sich selbst in der Seenotrettung zu engagieren."

Es ist allerdings kein wirklich ermutigendes Zeichen, wenn – wie auf der Synode – die Frage nach der binnenkirchlichen Diskurskultur nur im Kontext von Rechtsextremismus und Corona-Leugnerei gestellt wird.

Um aus seiner Blase herauszukommen, braucht es Selbsterkenntnis und Selbstkritik: "Man kann immer nur Teil der Lösung sein, wenn man versteht, dass man auch Teil des Problems ist." Noch so ein Satz aus dem Feuerwerk kluger Sätze Bischof Heinrich Bedford-Strohms: Das ist Kanzel-Kultur, nicht ­Cancel Culture.

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