Kommentar
Die Corona-Pandemie ist auch eine der Zahlen: Inzidenzwerte, Neuinfektionen, neu gemeldete Todesfälle, der Anteil der Geimpften. Aus ihnen resultieren politische Entscheidungen, die unseren Alltag bestimmen. Es gibt aber auch andere Kennziffern, die nicht in Vergessenheit geraten sollten. Ein Kommentar von Redakteur Timo Lechner.
Coronavirus (Symbolbild)

Seit mehr als einem Jahr fokussieren wir uns in unserem Alltag auf ausgewählte Daten wie Inzidenzwerte, Neuinfektionen, die Zahl der Todesfälle und Geimpften. Vieles wird jedoch in keiner Corona-Statistik erfasst. 

Zuerst soll nun einmal erinnert werden. Zum Beispiel

  • an die Toten, die sich aus Angst vor Ansteckung mit dem Virus nicht mit ihren Sorgen in die Arztpraxen und Kliniken trauten und dadurch Krankheiten verschleppt haben, die eigentlich heilbar gewesen wären;
  • an die Toten, die noch leben könnten, wären ihre Behandlungen und Operationen nicht verschoben worden, weil Kliniken Kapazitäten frei halten mussten für Corona-Patienten, die zeitweise gar nicht kamen;
  •  an die Menschen, für die Einsamkeit, Kontaktsperre und Isolation zum Beispiel in den Heimen der Tropfen war, der das Fass ihrer seelischen Inzidenz zum Überlaufen brachte und die sich das Leben nahmen. Oder die "aufgaben", weil sie keine Angehörigen und Freunde mehr sehen durften;
  • an die Kinder mit bleibenden seelischen oder körperlichen Verletzungen, die ihnen in ohnehin schon prekären Elternhäusern zugefügt wurden und die durch die Kontaktbeschränkungen keinen temporären Schutz und Ventil mehr von außen hatten;
  • an die Kinder, die Schulklassen wiederholen oder einen anderen schulischen Weg einschlagen müssen, weil Zeit für ihre Bildung auf der Strecke blieb;
  • an Freundschaften, familiäre und kollegiale Beziehungen, die dauerhaft gelitten haben oder zerbrochen sind, weil die Diskussionen um die politisch verordneten  Maßnahmen irgendwann nicht mehr sachlich, sondern vernichtend geführt wurden.

Aber: Wünschenswert wäre auch mal eine Statistik über

  •  Menschen, die sich von ihrer Kirche bereits verabschiedet hatten, aber jetzt wieder zu ihr fanden, weil jemand die richtige Idee hatte und den richtigen Ton traf;
  • Menschen, denen trotz ihres Kopfschüttelns nicht schwindelig wurde und die ihrem Gegenüber zuhörten, auch wenn dieser sich gerade in Verschwörungs­fantasien zu verstricken drohte;
  • Menschen, die Nächstenliebe zeigen: nicht nur trotz, sondern gerade wegen Corona;
  • die Zahl der guten Worte des Trosts und der Hoffnung, die von Menschen ausgesprochen wurden, die in dieser Krise über sich hinausgewachsen und dabei für sich und andere stark geworden sind.

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