26.04.2020
Wirtschaft

Mittelfranke Robert Hertel kennt das Potenzial von Hanf: Vom Kölner Dom zum Autoteil

Dass die Hanfpflanze in der Öffentlichkeit weitgehend auf illegales Kiffen reduziert wird, macht Unternehmer Robert Hertel ärgerlich. Was aus dem uralten Rohstoff sonst gemacht werden kann.
Hanfpflanze

Robert Hertel ärgert das: Die Hanfplfanze wird in der Öffentlichkeit weitgehend auf illegales Kiffen reduziert. Wenn die Polizei Anti-Drogenkampagnen mit dem typisch gezackten, fingerförmigen Hanfblatt illustriert, werde die bedeutende Geschichte und das Potenzial der Pflanze komplett ausgeblendet. Hertel ist Chef der Firma Hempage im mittelfränkischen Adelsdorf.

ie verkauft Mode für Damen und Herren aus Hanf- und Biobaumwolle. Außerdem tüftelt man dort unter anderem an Kunststoffbauteilen für die Automobilindustrie mit Hanffasern.

Die Möglichkeiten vom Rohstoff Hanf sind enorm, zeigt sich der Hanfpionier von den Vorteilen überzeugt. Die Fasern der einjährigen Hanfpflanze wurden ähnlich wie Flachs schon früh von Menschen versponnen. Daraus wurden unter anderem Bogensehnen, Garne, Seile, aber auch Segeltuch hergestellt.

Hertel gerät ins Schwärmen, wenn er an die Einsatzvielfalt denk. So sei etwa im Mittelalter ein früher Hanfbeton beim Bau vom Kölner Dom oder der Pariser Kathedrale Notre-Dame genutzt worden. Auch Nürnbergs erste Papiermühle verarbeitete um das Jahr 1390 neben Flachs auch Hanf zu Papier, um darauf die Bibel zu drucken.

Hanf, ein gebrandmarkter Rohstoff

Hertel, Jahrgang 1964, hat die Firma für Hanfmode 1999 mitgegründet. Heute lässt er in einer spezialisierten Firma im Norden Chinas seine Waren nähen. Verarbeitet wird dort lokal angebauter Hanf, der teils zu feinem Garn verarbeitet werde. So kann ein Gramm Hanfgarn schon mal 40 Meter Länge erreichen, das fühle sich an wie Seide. Außerdem bezieht er von dort Rohwaren, die in Ungarn zu Socken und in Tunesien zu Jeans verarbeitet werden.

Für Hertel ist die Zertifizierung nach der Fair Wear Foundation (FWF) sehr wichtig. Er sei bundesweit der zweite Betrieb mit diesem Siegel gewesen, erzählt er. Fair Wear ist eine Stiftung aus Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen, die sich unter anderem für menschengerechte Arbeitsbedingungen und gegen ausbeuterische Kinderarbeit entlang der gesamten Lieferkette einsetzt. Der unvollendete Maschinenbau- und Bauingenieur-Student sowie gelernte Zentralheizungs- und Lüftungsbauer Hertel nennt dieses Siegel das Wichtigste überhaupt. FWF hat der Textilindustrie geholfen, Glaubwürdigkeit herzustellen, sagt er mit Blick auf eine Siegelflut zum Greenwashing.

Deshalb macht er seine gesamte Lieferkette transparent und lässt statt wegzuschauen auch alle Vorlieferanten durchleuchten. Diese Konsequenz kommt nicht von ungefähr. Vor seinem Hanfunternehmen betrieb Hertel eine Art Dritte-Welt-Laden mit Handarbeiten und Mode zunächst aus Südamerika. Ein Besuch in einer indischen Näherei Anfang der 1990er Jahre habe ihn tief geschockt. Bis heute lehnt er das menschenverachtende Kastenwesen in Indien ab, sagt er. In einer südindischen Fabrik sei er über tote Arbeiter gestiegen.

Noch ist Hanf teurer als Baumwolle

Deshalb warnt er auch heute seine Branche, dass der Ablasshandel mancher Textilunternehmen auf Dauer nicht funktioniert. Neben seinem Kampf für eine global gerichtete Textilwirtschaft unterstützt er auch das Nürnberger Bündnis Fair Toys bei der Gründung eines Vereins nach dem Vorbild der FWF. Außerdem tüftelt er mit seiner technischen Ader rund um den Einsatz von Hanfprodukten. So hat er mit anderen Experten einen Prototyp entwickelt, der vollautomatisch die Hanffasern vom hölzernen Stengelkern entfernt. Nach dem Verbot von Hanfanbau in den 1940er Jahren in der westlichen Welt befinde sich die Technologie der Maschinen auf den Stand von vor über 70 Jahren, stellt Hertel fest.

Derzeit ist Hanfkleidung noch deutlich teurer als Baumwolle. Hertel will irgendwann einmal erreichen, dass sie sich einmal jeder Schüler leisten kann. Außerdem entwickelt er Patente, damit die Wirtschaft das enorme Potenzial von Hanf nutzen kann. Die Naturfaser mache beispielsweise Kunststoffbauteile deutlich leichter und gleichzeitig widerstandsfähiger. Ein weiterer Vorteil sei, dass das Pflanzenprodukt ein idealer CO2-Speicher ist. Wenn wir einmal CO2-neutral wirtschaften wollen, führt an Hanf kein Weg vorbei, ist Hertel überzeugt.

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