1.03.2017
Luther-Pop-Oratorium

Ein Einsatz für zweitausend

Das Luther-Pop-Oratorium kommt nach München: Am 18. März gastiert das Mammutwerk von Dieter Falk und Michael Kunze in der Olympiahalle. Bei den 2100 Sängerinnen und Sängern steigt deshalb die Nervosität. Damit alle ihre Einsätze treffen, probt der Riesenchor am Samstag, 4. März, im Gasteig. Das Sonntagsblatt hat sich schon vorher bei den Teilnehmenden umgehört.
Frank Winkels als Luther bei der Uraufführung des gleichnamigen Pop-Oratoriums von Komponist Dieter Falk und Librettist Michael Kunze.
Frank Winkels als Luther bei der Uraufführung des gleichnamigen Pop-Oratoriums von Komponist Dieter Falk und Librettist Michael Kunze.

 

UNS HAT ES RICHTIG GEPACKT – schon beim ersten Mal«, sagt Beate Anton von der Kirchengemeinde »Zum Guten Hirten« in Friedberg (Dekanat Augsburg). Die Chorleiterin nimmt mit dem Gospelchor »Colours« der Friedberger Kirchengemeinde »Zum Guten Hirten« bereits zum dritten Mal an einem Chor-Großprojekt teil. Bei »Die Zehn Gebote« habe man mitgesungen, ebenso bei »Amazing Grace«, berichtet die Musikpädagogin: »Es war jedes Mal sehr beeindruckend.«

Entsprechend groß sei nun die Vorfreude. Die halbe Gemeinde habe sich Karten besorgt, erzält Anton. »Nicht nur wir Chorsänger werden die Aufführung miterleben, sondern auch viele Gemeindemitglieder.« Das habe sicher Auswirkungen auf den Zusammenhalt in der Gemeinde, meint die Chorleiterin.

An diesem Abend treffen sich die gut 50 Sängerinnen und Sänger zu einer letzten Auffrischungsprobe. Die Hälfte der Teilnehmer gehört zum Friedberger Gospelchor. Die anderen kommen aus unterschiedlichen Orten. Bernhard Schöner etwa ist von Fischach aus gut 30 Kilometer zur Probe gefahren. Die Zeit dafür nehme er sich: »Es ist doch toll, in einem so großen Chor zu singen«, sagt er. Gerade als Tenor sei man sonst oft alleine. »In München dagegen werde ich zwischen 200 anderen Tenören stehen. Das wird großartig.«

Auch Gisela Eckhard aus Kissing ist gespannt auf das Großereignis. Ein Dreivierteljahr lang habe man geübt. Jetzt freue sie sich auf den Auftritt: »Die vielen Menschen, die von überall zusammenkommen und beim Singen eine Einheit bilden: Das ist schon außergewöhnlich.«


 

Letzter Test vor der Hauptprobe im Münchner Gasteig: der Gospelchor »Colours« aus Friedberg.
Letzter Test vor der Hauptprobe im Münchner Gasteig: der Gospelchor »Colours« aus Friedberg.

 

AUCH AUS DENTLEIN AM FORST im Landkreis Ansbach singen am 18. März 22 Sängerinnen und Sänger mit. »Die größte Herausforderung ist, zur richtigen Zeit einzusetzen«, sagt Organisatorin Monika Winkel. Denn die mehr als 2000 Choristen begleiten die Musical-Darsteller punktuell mit einzelnen gesungenen Worten: »Immer gleich den richtigen Ton zu treffen ist auch nicht so leicht.«

Seit Mai 2016 proben die Sängerinnen und Sänger der evangelischen Kirchengemeinde Dentlein (Dekanat Feuchtwangen) schon. Die Motivation fürs Mitmachen sei einerseits das Erlebnis in der Olympiahalle an sich, sagt Winkel: »Aber auch unsere Begeisterung fürs Singen und für den Glauben.« Die Frohbotschaft singend ins Publikum zu bringen sei eine schöne Sache. Begleitet werden die Sängerinnen und Sänger aus Westmittelfranken von 67 Zuschauern, die mit zur fast ausverkauften Aufführung nach München fahren.

 

BEI DEN »GOSPELSPIRITS« AUS FREILASSING schwingt neben der Lust auf die Herausforderung auch ein dankbarer Moment mit: »Wer weiß, ob wir heutzutage ohne Luthers Reformation christliche Lieder in der jeweiligen Muttersprache singen würden?«, fragt Chorleiterin Anja Hager. 25 Mitglieder des Freilassinger Chors (Dekanat Traunstein) haben das Pop-Oratorium einstudiert.

»Der besondere Reiz am Pop-Oratorium ist der Auftritt in so einer großen Halle mit Profis, Orchester und Band«, sagt der 52-jährige Christian. Außerdem begeistere ihn die Musik: »Bei manchen Passagen bekommt man Gänsehaut – die Vorfreude auf das Live-Erlebnis ist jetzt schon riesig.«

Musikalisch schwierig seien die Stücke nicht, sagt Chorleiterin Hager. »Sich ins Ganze zu fügen, das erwarten wir mit Spannung«, ergänzt sie mit einem Augenzwinkern. Die eigentliche Herausforderung des Projekts sei gewesen, den Chor als Ganzes nicht aus den Augen zu verlieren. »Es singt ja nur die Hälfte mit – manche konnten zeitlich nicht, andere mögen keine Massenveranstaltungen.« Dennoch sollte keine Teilung der Gruppe entstehen – und so haben die Gospelspirits trotz Luther weiter fleißig ihr eigenes Repertoire einstudiert. Aus allen Stücken wird dann am 21. Oktober ein eigenes »Luther«-Gospelkonzert.

 

Michael Martin, Co-Chorleiter aus Nürnberg, Christopher und Nina aus Hof, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler aus München, Monika Winkel aus Dentlein am Forst, Bernhard Schöner aus Fischach (oben v. l.). Unten: Regionalprobe in Regensburg (l.); »Gospelspirit« auf dem Weg zur Probe in München.
Ganz Bayern singt das Luther-Oratorium: Michael Martin, Co-Chorleiter aus Nürnberg, Christopher und Nina aus Hof, Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler aus München, Monika Winkel aus Dentlein am Forst, Bernhard Schöner aus Fischach (oben v. l.). Unten: Regionalprobe in Regensburg (l.); »Gospelspirit« auf dem Weg zur Probe in München.

 

BEIM NÜRNBERGER CHOR »Reaching Heaven« laufen seit Jahresbeginn die Proben für das Luther-Oratorium. Leiter Michael Martin hat am 18. März in München nicht nur die Aufgabe, seine eigenen »Schäfchen« im Blick zu halten: Er ist nämlich neben Hans-Georg Stapff einer der beiden Chordirigenten der rund 2100 Stimmen, die erwartet werden.

»Wir singen nicht geschlossen mit. 20 meiner etwa 35 Sängerinnen und Sänger konnten sich für das Oratorium begeistern. Daneben haben sich aus Nürnberg aber noch 15 weitere Menschen gefunden, mit denen ich die Parts einstudiere«, sagt Martin, der als Gospelreferent beim Verband für christliche Popularmusik in Bayern e. V. angestellt ist. So hat er neben dem eigenen Chor derzeit noch einen Projektchor. »Es ist für mich ebenso wie die Teilnehmer eine einmalige Chance, mit so vielen Leuten bei einer solch großen Produktion zu singen. So etwas erlebt man im Sängerleben kaum ein zweites Mal«, ist Martin überzeugt.

 

ZWEI STIMMEN MIT ECHTER »LEBENSFREUDE« kommen aus Oberfranken nach München. Im gleichnamigen Chor der Lebenshilfe Hof singen 18 Menschen mit und ohne Behinderung, seit 2011 unter der Leitung von Nina Kurz. Darunter ist Christopher Rödel, trotz einer geistigen Behinderung ein echtes Naturtalent: Stücke, für die manche wochenlange Proben benötigten, beherrschte er nur mithilfe der Übungs-CD und des Liederbuchs.

Als sie auf das Oratoriumsprojekt aufmerksam gemacht wurden, waren beide »sofort Feuer und Flamme«, berichtet Nina Kurz. Mit Christopher zusammen singt sie beim Luther-Oratorium jetzt in der Tenorgruppe, »und das macht enorm Spaß«. Von Lampenfieber sei bis jetzt nichts zu spüren, meint Nina Kurz. Aber beiden ist bewusst, dass der Chor bei der Aufführung eine zentrale Rolle spielt. Schon jetzt steht fest: Christopher Rödel und Nina Kurz werden auch beim großen Finale am 29. Oktober in Berlin mitwirken.

 

Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler
Oberkirchenrätin Susanne Breit-Keßler ist Regionalbischöfin im Kirchenkreis München und Oberbayern und Ständige Vertreterin des bayerischen Landesbischofs.

 

DAS EUROPÄISCHE PARLAMENT bekommt bereits am 7. März einen Vorgeschmack auf das Luther-Pop-Oratorium: Auf Einladung der Stiftung »Creative Kirche« singt Georg Niesl aus Train (Kreis Kelheim) mit. Er ist Co-Chorleiter beim Gospelchor »GoTrain«, der sich mit seinem Projektchor am Pop-Oratorium in München beteiligt.

Im EU-Parlament geben 40 Choristen aus Bayern ihre Sangeskunst zum Besten. »Eine tolle Geschichte, ich werde auf jeden Fall teilnehmen«, sagt Niesl. Für den Katholiken hat Luther eine große Bedeutung: »Ohne Luther würde die katholische Kirche nicht in der Form existieren wie heute. Er hat viel bewegt und zum Besseren verändert.« Singen gehört für ihn zum Glauben dazu: »Einmal singen ist so viel wie zehnmal beten.«

Auch seine Tochter Laura (22) singt mit. »Das ist eine ganz neue Erfahrung, in einem so großen Chor mitzusingen«, sagt sie. Die Texte gefallen ihr. »Luther ist sehr emotional. Da gibt es Dramatik und Leidenschaft. Was will man mehr als Chor?«. Vor dem Auftritt in München sei ihr nicht bange. Sie habe schon bei der Regionalprobe im Herbst in der Regensburger Dreieinigkeitskirche mitgemacht. »Außerdem haben wir vor dem großen Auftritt am 18. März in München auch noch eine Generalprobe. Es wird schon schiefgehen«, sagt Laura.

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Sonntagsblatt