22. Mai 2021
Dokumentation

"Jüdische Friedhöfe sind Geschichtsarchive": Bayerischer Bezirketag fordert bessere Dokumentation der Grabsteine

Die 128 jüdischen Friedhöfe in Bayern sind nach Ansicht des Bayerischen Bezirketags "die letzten sichtbaren Zeugnisse des einst blühenden jüdschen Lebens in Bayern" - und deshalb besonders schützenswürdig. Anders als in anderen Bundesländern wird jedoch zu wenig für die Dokumentation getan.
Rund 700 Meter vom Dörfchen Allersheim im Ochsenfurter Gau entfernt steht der 350 Jahre alte Bezirksjudenfriedhof. Er dokumentiert einzigartig das jüdische Leben und Sterben vom letzten Drittel des 17. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts.

Der Bayerische Bezirketag fordert von der bayerischen Staatsregierung mehr Einsatz bei der Dokumentation von Grabsteinen auf jüdischen Friedhöfen im Freistaat. Diese seien "vielfach die letzten sichtbaren Zeugnisse des einst blühenden jüdischen Lebens in Bayern", heißt es in einer an Kunstminister Bernd Sibler (CSU) und den Landtag gerichteten Resolution des Bezirketags, die auch der unterfränkische Bezirks-Heimatpfleger Klaus Reder unterstützt. Die Resolution stammt bereits von Ende Januar, seither sei "außer großen Ankündigungen nichts passiert", kritisiert Reder.

In Bayern gibt es 128 jüdische Friedhöfe

Die Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen sind laut Reder in ihrem Bestand mittlerweile akut gefährdet. "Die Steine sind, gerade in Unterfranken, wo es die meisten der 128 jüdischen Friedhöfe in Bayern gibt, oft aus Sandstein", sagt der Bezirks-Heimatpfleger. Da Sandstein ein sehr weiches Material sei, gingen mit jeder neuen Frostperiode Inschriften verloren. Gerade diese ausführlichen Inschriften böten aber viele wichtige Informationen über Jüdinnen und Juden, die seit dem Mittelalter in Bayern lebten. "Die jüdischen Friedhöfe sind steinerne Geschichtsarchive, die es zu erhalten gelte, sagt Reder.

Der Freistaat habe mit dem Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern zwar eine Vereinbarung über die Pflege der 128 Friedhöfe mit den rund 80.000 Gräbern geschlossen - doch die Grabsteine verwitterten weiter, auch weil im Judentum Grabsteine aus religiösen Gründen eben nicht erneuert oder restauriert würden, sagt Reder. Umso wichtiger sei, dass die Grabsteine nun "zeitnah fotografisch von Profis dokumentiert" würden, um die noch lesbaren Inschriften festzuhalten: "Diese Grabsteine sind Denkmäler - der Freistaat ist daher sogar zur Dokumentation verpflichtet."

Andere Bundesländer haben jüdische Grabsteine bereits dokumentiert

Zwar sei beim Landesamt für Denkmalpflege eine Stelle für die Organisation und Koordination der Dokumentation jüdischer Friedhöfe in Bayern eingerichtet worden. "Das reicht aber hinten und vorne nicht aus, um das Vorhaben zeitnah umzusetzen - und die Zeit drängt ja bekanntlich", sagt Reder. Er verstehe ohnehin nicht, "warum der Kulturstaat Bayern" das Thema nicht längst angegangen habe. In vielen anderen Bundesländern wie etwa Baden-Württemberg sei eine fotografische Dokumentation der jüdischen Grabsteine - wie nun vom Bezirketag gefordert - längst geschehen.

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Autor
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