Kirchentag und Kirche
Thomas de Maizière ist der neue Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Im Sonntagsblatt-Interview erzählt er, wie er Kirche als junger Mensch erlebt hat, wie sie sich heute auf die großen Veränderungen unserer Zeit einstellen sollte – und wie er mit der Kritik an seiner Wahl umgeht.
Thomas de Maiziere vor dem Schriftzug "Jetzt ist die Zeit"
Der ehemalige Bundesinnen- und Verteidigungsminister Thomas de Maizière.

Seit Mitte Oktober steht fest: Der ehemalige Bundesinnen- und Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) wird neuer Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Damit wird de Maizière das Gesicht des Kirchentags 2023 in Nürnberg. Im Gespräch mit dem Sonntagsblatt redet er über seine eigenen Erfahrungen mit der Kirche, seine Wünsche und Pläne für den Kirchentag und die Kritik an seiner Wahl.

Wie viele Kirchentage haben Sie schon besucht?

Thomas de Maizière: Das habe ich ehrlich gesagt nicht gezählt, aber seit Mitte der 90er Jahre fast alle.

Ist Ihnen einer davon besonders in Erinnerung geblieben?

De Maizière: Köln 2007 hatte ein wunderbares Motto: "Lebendig, kräftig, schärfer". 2013 habe ich in Erinnerung, weil ich in Hamburg als Verteidigungsminister auf dem Kirchentag die Nachricht bekam, dass ein Soldat gefallen ist und meinen Aufenthalt dort dann abgebrochen habe. Und Dresden. Nicht nur, weil es meine Heimatstadt ist, sondern weil es ein zwar viel zu heißer, aber wunderbarer Kirchentag war.

Der kommende Kirchentag ist in Nürnberg. Welchen Einfluss hat der Kirchentag auf die jeweilige Stadt?

De Maizière: Je geschlossener eine Stadt und ein Stadtbild ist, umso eher prägt sie der Kirchentag mit den vielen Schals und den Menschen. Nürnberg hat die perfekte Größe und da werden wir das wunderbar erleben können.

Jetzt sind Sie selbst Kirchentagspräsident. Welche Eigenschaften sind nötig für dieses Amt?

De Maizière: Das ist ein Amt, was dem Titel nach auf Bedeutung und Macht hinweist: Präsident. Faktisch ist es aber nicht so. Der Kirchentag wird geprägt von tausenden von Ehrenamtlichen, von Projektgruppen. Er wird geprägt vom Präsidium, das sehr heterogen zusammengesetzt ist. Er wird geprägt vom Hauptamt und dem Generalsekretär oder der Generalsekretärin, die nach außen auftreten. Das ist das Wunderbare: Viele, viele Menschen wirken im Vorfeld darauf hin. Und trotzdem entsteht dann ein gemeinsames Ganzes. Der Präsident muss das irgendwie zusammenhalten. Aber er bestimmt nicht, wo es langgeht.

"Der Präsident muss das irgendwie zusammenhalten. Aber er bestimmt nicht, wo es langgeht."

Welche Erinnerung verbinden Sie mit Kirche?

De Maizière: Den Konfirmations-Unterricht. Danach bricht ja oft der Kontakt zum Gemeindeleben ab. Aber unser Pfarrer hat zu uns damals gesagt: Beim nächsten Gottesdienst teilt ihr das Abendmahl aus. Wir waren gerade eben konfirmiert, hatten gerade das Recht, zum allerersten Mal Abendmahl zu empfangen – und haben es gleich weitergegeben. Und das fand ich eine großartige Geste uns 14-, 15-Jährigen gegenüber. Das hat mich schon beeindruckt.

Und dann war ich  Pfadfinder in der Christlichen Pfadfinderschaft. Da waren die ersten Ausflüge: weg von zu Hause, ein Wochenende lang nicht die Zähne zu putzen. Die ersten Zigaretten zu probieren, nachts möglichst nicht ins Bett zu gehen, von älteren Jugendlichen zu lernen, das war alles großartig. Eine gewisse Selbstständigkeit – das habe ich mit den Pfadfindern erlebt.

Und wie erleben Sie Kirche heute?

De Maizière: Ich gehe meistens in der Frauenkirche in Dresden in den Gottesdienst. Das ist keine typische Kirche. Es ist eine Großstadtkirche, keine eigenständige Gemeinde, hoher Touristen-Anteil, dafür ganz wenig Kinder. Da sind überproportional viele Menschen in der, wie man so schön sagt,  Rushhour des Lebens, also voll erwerbstätig. Aber die Touristen kommen eben meistens ohne Kinder – oder mit erwachsenen Kindern.

In meiner örtlichen Heimatgemeinde sieht es anders aus, da wird viel ausprobiert und es gibt viele fantastische Angebote für Familien.  Und in meinem jetzt ehemaligen Wahlkreis erlebe ich Kirche wieder anders. Da sind es dann im Gottesdienst eben nur zehn oder zwanzig Menschen und davon vielleicht einer unter 60 oder 50. Und der Pfarrer bedient vier bis fünf Kirchen mit zwei oder drei Predigten an einem Sonntag. Das ist natürlich ganz etwas anderes. Ich erlebe also die ganze Vielfalt: Eine Großstadt-Kirche modernen Formen missionarischen Handelns, eine Familienkirche  und eine ländliche Kirche, die schrumpft.

Sie haben kürzlich gesagt, die Kirche sollte zu Themen wie Sterbehilfe oder der Corona-Pandemie lautere Statements abgeben. Wünschen Sie sich denn, dass die Kirche öfter und klarer Stellung zu solchen Themen bezieht?

De Maizière: Mit lauter meine ich vernehmlicher. Also nicht im Sinne von Fortissimo, sondern im Sinne von Intensität. Und das ist ein altes Thema: In der Landessynode in Sachsen haben wir Anfang der 2000er eine neue Kirchenverfassung erarbeitet und ich war Mitglied im Verfassungsausschuss. In der sächsischen Verfassung steht: Die Kirche äußert sich durch 'Kundgebungen'. Wir haben in der Synode darüber diskutiert: Ist das nicht ein altmodischer Begriff? Wir haben aber mit großer Mehrheit beschlossen, dass es bei diesem Wort 'Kundgebung' bleiben soll.

"Wenn die Kirche eine Stellungnahme macht, die in der Sprache des ADAC, des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Gewerkschaften oder der Arbeitgeberverbände verfasst ist, dann wird sie auch so behandelt."

Vor welchem Hintergrund?

De Maizière: Wenn die Kirche eine Stellungnahme macht, die in der Sprache des ADAC, des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Gewerkschaften oder der Arbeitgeberverbände verfasst ist, dann wird sie auch so behandelt. Das ist nicht abwertend gemeint, das sind wichtige und große Einrichtungen. Aber mit laut und vernehmlich meine ich, dass sich Stellungnahmen der Kirche durch eine bestimmte Qualität der Sprache, durch Intensität deutlich unterscheiden sollten von anderen.

Die Kirche muss nicht bei jedem Gesetzgebungs-Vorgang so sprechen. Aber zu Corona, zum Anfang und Ende des Lebens, zu Krieg und Frieden, zu Grundfragen der Gerechtigkeit, zur Schöpfung und Klima – da würde ich mir eine Sprache und eine Qualität der Aussage wünschen, die sich unterscheidet von den vielen anderen, die sich auch äußern.

Der scheidende Ratsvorsitzende Bedford-Strohm hat sich viel und oft geäußert. Meinen Sie das? Oder sagen Sie, es sollten doch mehr die grundsätzlichen Fragen und weniger tagesaktuelle Themen eine Rolle spielen?

De Maizière: Ich finde in der Tat, ein politisches Mandat sollte die Kirche nicht zu alltäglich vertreten. Das schleift sich ab. Und ich meine auch nicht einfache Erklärungen oder mal eine polemische Predigt oder den Bericht einer Synode, eines Bischofs oder eines Präsidenten, sondern ich meine Äußerungen der Kirche als Institution, gerne auch ökumenisch. Das sollte selten sein, und gut, und deswegen stark.

Der neue Kirchentags-Präsident Thomas de Maizière

De Maizière wurde am 21. Januar 1954 in Bonn geboren. Er ist evangelisch-lutherisch getauft, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

1972 Abitur, anschließend Wehrdienst

1974 bis 1979 Studium der Rechtswissenschaften und Geschichte in Münster und Freiburg

1986 Promotion zum Dr. jur. an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster

1983 Mitarbeiter der Regierenden Bürgermeister von Berlin, Richard von Weizsäcker und Eberhard Diepgen

1990 Mitglied der Verhandlungsdelegation für den Einigungsvertrag

1990 - 2005 verschiedene Ämter als Staatssekretär und Minister in den neuen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen

2005 - 2009 Bundesminister und Chef des Bundeskanzleramtes unter Angela Merkel (CDU)

2009 - 2011 Bundesinnenminister

2011 - 2013 Verteidigungsminister

2013 - 2018 Bundesinnenminister

2009 - 2021 direkt gewählter Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Meißen

Seit 2003 Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags

Sie haben es vorhin bereits angedeutet: Das leidige Thema der Kirchenaustritte bleibt natürlich präsent. Wie sollte die Kirche damit umgehen?

De Maizière: Zunächst mal sehe ich meine Aufgabe als Präsident des Kirchentages nicht darin, der Kirche immerzu von außen guten Ratschlägen zu geben. Der Kirchentag ist nicht die Kirche. Umgekehrt wünsche ich mir ja auch nicht, dass die EKD uns fortlaufend gute Ratschläge gibt.

Aber zu Ihrer Frage: Auch der Kirchentag muss und wird sich ändern angesichts der Herausforderungen, die Sie ansprechen. Diejenigen, die sich von Kirche abgewandt haben, ausgetreten sind, vielleicht nie bei der Kirche waren, aber die unsere Werte teilen, die nach dem Sinn des Lebens suchen, die nach Orientierung suchen – denen wollen wir ein Angebot machen, auf dem Kirchentag zu diskutieren und diese Fragen zu vertiefen.

"Ich bin nach Ernst Benda in den 90er Jahren seit langem mal wieder ein Kirchentags-Präsident, der der CDU angehört. Da könnte man auch sagen, es wurde vielleicht auch mal Zeit."

Es gab an Ihrer Wahl auch Kritik, vor allem aus den Gemeinden oder von Pfarrer*innen, die sich die sich im Kirchenasyl engagieren. Wie haben Sie das wahrgenommen und wie schätzen Sie das ein?

De Maizière: Ich habe das bedauert, weil das, glaube ich, Menschen sind, die mich in meiner Haltung nicht richtig kennen oder auch wenig erlebt haben in Debatten auf Kirchentagen, wo ich über Kirchenasyl und alle ähnlichen Themen schon diskutiert habe. Aber ich respektiere natürlich die Kritik. Ich bin nach Ernst Benda in den 90er Jahren seit langem mal wieder ein Kirchentags-Präsident, der der CDU angehört. Da könnte man auch sagen, es wurde vielleicht auch mal Zeit. (lacht)

Ich bin aber schon lange im Präsidium und von diesem wurde auch nicht nur ich gewählt, sondern auch Anja Siegesmund und Torsten Zugehör, als ganzer Präsidiumsvorstand. Und wir drei wollten nicht gewählt werden als ehemaliger CDU-Innenminister, als grüne Umweltministerin und als Oberbürgermeister von Wittenberg, sondern als engagierte Christen, die in der Zivilgesellschaft tätig sind und für den Kirchentag ihren Beitrag leisten wollen.

Sie haben auch betont, dass die Jugend eine größere Rolle spielen soll beim Kirchentag 2023. Was meinen Sie damit konkret?

De Maizière: Wir haben beim Kirchentag einen Prozess der Erneuerung begonnen. Und ich war Mitglied einer Gruppe, die speziell dafür eingesetzt wurde und Vorschläge entwickelt. Dort kam die Idee auf, viel mehr junge Menschen in die großen Debatten zu holen, und zwar nicht als Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern auf dem Podium. Ganz egal, um welches Thema es geht. Nicht nur bei Generationengerechtigkeit, nicht nur bei Klimaschutz, sondern immer und überall. Und das wäre schon eine große Neuerung und gar nicht so ganz leicht umzusetzen. 

"Es ist eine Zeit großer Veränderungen. Daraus erwächst für viele Angst und Sorge. Manche werden dadurch ermuntert, etwas zu tun."

Die Losung des Kirchentags lautet: "Jetzt ist die Zeit" Was verbinden Sie damit?

De Maizière: Der Kirchentag bezeichnet sich ja seit jeher als Zeitansage. Das ist ein hoher Anspruch, der sicher nicht immer eingelöst wird, aber der Anspruch bleibt trotzdem richtig. Und daher könnte man sagen, diese Losung wäre für jeden Kirchentag geeignet. Und natürlich nimmt jede Generation sich besonders wichtig und sagt 'Ja, auf uns kommt es jetzt an.' Das vorausgeschickt, glaube ich trotzdem, dass wir jetzt in einer Zeit leben, die besonders ist.

Die Experten sagen, dass wir nur noch wenig Zeit haben zur Verhinderung noch größerer Klimakatastrophen. Wir merken, dass wir eine Veränderung der Machtgewichte in der Welt haben. Wir werden rund um den Kirchentag zum ersten Mal weniger als die Hälfte der Deutschen als Mitglieder in einer der christlichen Kirchen haben.  Wir erleben, dass die Digitalisierung das Zusammenleben verändert. Und diese Dinge passieren alle gleichzeitig.

Es ist eine Zeit großer Veränderungen. Daraus erwächst für viele Angst und Sorge. Manche werden dadurch ermuntert, etwas zu tun. Auf jeden Fall ist es ein Aufruf zu mehr  Verantwortung: Schaut euch um in der Welt. Ich verrate mal, dass wir auch über eine andere mögliche Losung diskutiert hatten: "Steh auf und geh." Das haben wir verworfen. Aus guten Gründen. Die Losung heißt: "Jetzt ist die Zeit". Aber gedanklich muss man beides zusammennehmen. Jetzt ist die Zeit – steh auf! Und nicht: Jetzt ist die Zeit,  setz dich hin und bejammere das Elend der Welt. Das können evangelische Christen ja teilweise sehr gut.

"Und dann hoffe ich, dass die Zeichen der Erneuerung deutlich werden und möglichst viele die Welt mit etwas anderen Augen sehen, wenn sie wieder wegfahren."

Wann sagen Sie: Das war ein gelungener Kirchentag?

De Maizière: Wenn er friedlich war. Und mein größter Wunsch ist , dass wir einen Kirchentag haben, wo wir uns alle von Angesicht zu Angesicht begegnen. Natürlich wird der Kirchentag digitaler werden und wir werden auch mehr entsprechende Angebote machen. Aber es gibt eine große Sehnsucht danach, die fünf Tage wirklich zusammen zu sein. Und diese einzigartige Stimmung, die wollen wir wieder erreichen. Das ist mal die Hauptsache. Und dann hoffe ich, dass die Zeichen der Erneuerung deutlich werden und möglichst viele die Welt mit etwas anderen Augen sehen, wenn sie wieder wegfahren.

Würden Sie das auch für sich selbst wünschen, dass Sie die Welt mit anderen Augen sehen danach?

De Maizière: Ja, das ist bei jedem Kirchentag so. Das Blöde ist, dass dann die Routine des Alltags einen schnell wieder einholt. Aber ein bisschen bleibt. Und dieses bisschen kann ja ziemlich viel verändern.

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