Die Evangelische Kirche in Deutschland hat nach 18 Jahren eine aktualisierte friedensethische Denkschrift veröffentlicht, die sich angesichts aktueller Krisen wie dem Krieg in der Ukraine mit der Frage beschäftigt, wie gerechter Frieden möglich ist.
Das Papier betont den Vorrang des Schutzes vor Gewalt, stellt aber auch die Förderung von Freiheit, den Abbau von Ungleichheiten und den friedensfördernden Umgang mit Pluralität in den Mittelpunkt. Waffenlieferungen werden als zulässig anerkannt, allerdings nur als ultima ratio zum Schutz von Menschen und zur Wiederherstellung des Friedens, während Atomwaffen weiterhin geächtet werden.
So ordnen Theolog:innen die neue Friedensdenkschrift der EKD ein
Interview mit Landesbischof Christian Kopp
Der bayerische Landesbischof Christian Kopp beschreibt Frieden als Ergebnis täglicher Bemühungen und kleinen Gesten, die sowohl im privaten Umfeld als auch global wirksam werden können. Er hebt hervor, dass Frieden nur in Verbindung mit Gerechtigkeit gedeiht und dass die EKD-Denkschrift diesen Zusammenhang betone, indem sie Konfliktlösung und gerechte Lebensverhältnisse miteinander verknüpfe.
Für Kopp sind praktische Friedenszeichen im Alltag ebenso wichtig wie strukturelle Maßnahmen, und die Kirche unterstütze diese Bemühungen durch die Förderung von Verantwortungsbewusstsein und Solidarität.
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Kommentar von Reiner Anselm
Der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm liest die neue Friedensdenkschrift der EKD nicht politisch, sondern theologisch. Sie stelle das Evangelium ins Zentrum und entfalte eine Ethik, die weder naiv noch resignativ ist – eine Hoffnung, die die Welt aushält.
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Kommentar von Friedrich Kramer
Der EKD-Friedensbeauftragte Friedrich Kramer betont, dass die neue EKD-Denkschrift die friedensethische Debatte angesichts aktueller Krisen neu belebt und den Schutz vor Gewalt als vorrangige Dimension herausstellt, ohne die Chancen von Prävention, ziviler Konfliktbearbeitung und Diplomatie zu vernachlässigen. Er weist auf die Bedeutung eines realistischen Menschenbildes und die Notwendigkeit von Friedensvisionen hin, die Politik und Zivilgesellschaft zum Brückenbauen und ausgleichenden Handeln motivieren, und hebt zugleich die Bewahrung der Schöpfung als übergreifende Aufgabe hervor.
Kontrovers bewertet Kramer die Frage der Nuklearwaffen, kritisiert die Rechtfertigung atomarer Abschreckung und ruft dazu auf, in Gemeinden und Landeskirchen weiter im Gespräch zu bleiben, um die Friedensbereitschaft zu stärken.
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Kommentar von Heinrich Bedford-Strohm
Der Vorsitzende des Weltkirchenrats Heinrich Bedford-Strohm lobt die neue Denkschrift als klar ethisch fundiert und differenziert, ohne dabei jede konkrete Schlussfolgerung vorzugeben. Er unterstreicht, dass militärische Gewalt nur als letzte Maßnahme legitim ist und zivile Konfliktbearbeitung grundsätzlich Vorrang hat, was den Kern evangelischer Friedensethik ausmacht.
Zudem betont Bedford-Strohm die Berücksichtigung globaler Herausforderungen wie der Klimakrise, deren Friedensrelevanz in die Denkschrift aufgenommen wurde, und sieht darin eine notwendige ethische Güterabwägung.
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Kommentar von Hendrik Meyer-Magister
Der stellvertretender Direktor der Evangelischen Akademie Tutzing Hendrik Meyer-Magister hebt hervor, dass die Denkschrift die Friedensethik angesichts neuer Konfliktdynamiken wie KI, Drohnen und hybrider Kriegsführung aktualisiert. Sie verbinde den Vorrang friedlicher Konfliktbearbeitung mit der notwendigen Möglichkeit rechtmäßiger Verteidigung und betont, dass Schutz vor Gewalt die Grundlage für die weiteren Dimensionen des Gerechten Friedens bildet.
Die Denkschrift verweise zugleich auf die Begrenztheit menschlichen Handelns und die Orientierung am Frieden Gottes, wodurch sie sowohl eschatologisch als auch praxisnah bleibt.
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Kommentar von Jan Kingreen
Der Friedensbeauftragter der EKBO Jan Kingreen beschreibt die neue Denkschrift als Wendepunkt in der evangelischen Friedensethik, da sie eine realpolitisch orientierte Verantwortungsethik stärker betone. Sie rücke den Schutz vor Gewalt ins Zentrum und anerkennt damit auch den Einsatz von Gegenmaßnahmen wie Waffenlieferungen oder Verteidigungsinvestitionen als legitimes, wenn auch ethisch anspruchsvolles Mittel.
Gleichzeitig bleibe das Ideal der Gewaltfreiheit leitend, und die Denkschrift fordere eine vertiefte ethische Debatte über aktuelle Herausforderungen wie KI, Drohnen und hybride Kriegsführung.
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Kommentar von Susanne Büttner
Die Sprecherin der Initiative "Christlicher Friedensruf" Susanne Büttner kritisiert die neue Denkschrift: Sie setze den Schutz vor Gewalt so stark in den Vordergrund, dass militärische Gewalt als ultima ratio gerechtfertigt werden könne, während Diplomatie, Pazifismus und nicht-militärische Perspektiven an den Rand gedrängt werden.
Sie bemängelt zudem, dass das jesuanische Prinzip der Gewaltfreiheit zugunsten territorialer Verteidigungsinteressen eingeschränkt werde und globale, ökologische und soziale Folgen militärischer Maßnahmen kaum berücksichtigt würden.
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Kommentar von Martin Tontsch
Pfarrer Martin Tontsch würdigt die neue EKD-Friedensdenkschrift als wertvollen Beitrag zur Schärfung friedensethischer Urteilskraft in Krisenzeiten. Er betont, dass der Text am Konzept des gerechten Friedens festhält, dabei aber realistischer als 2007 den Schutz vor Gewalt als grundlegendes Gut hervorhebt und Verteidigungsfähigkeit anerkennt.
Kritisch merkt Tontsch an, dass die pazifistische Tradition zu wenig gewürdigt wird. Positiv hebt er hervor, dass die Denkschrift Demokratien als beste Friedensgaranten darstellt und institutionelle Selbstkritik übt, ohne prophetische Kraft gänzlich einzubüßen.