17.01.2021
Kommentar

Weshalb wir mehr Miteinander brauchen 

Corona, Klimawandel, Hunger, Flucht und Vertreibung - die Probleme der Menschheit sind groß. Gerade deshalb wird mehr Solidarität und Miteinander gebraucht. Ein Kommentar von Stephan Bergmann.

Ein Piks, der’s hoffentlich bringt. Sich impfen lassen – auch ein Akt der Solidarität. Ein Selbstschutz, der ebenso andere schützen dürfte – ähnlich wie das Einhalten der Corona-AHA-Regel.

Doch so mancher Zeitgenosse scheint nicht begriffen zu haben, dass in unserem demokratischen Rechtsstaat persönliche Freiheit auch immer verantwortlich gelebt werden muss. Rechte und Pflichten bilden im Gemeinwesen eine untrennbare Einheit – gerade in Zeiten der Pandemie.

Grundrechtecharta der EU

Solidarität sollte aber nicht nur im eigenen Lande gelten. In der Grundrechtecharta der EU gehört sie sogar zu den universellen Werten. Deshalb ist es umso erfreulicher, dass sich die EU während der gerade beendeten deutschen Ratspräsidentschaft doch noch zu solidarischem Handeln aufraffte. Corona-Notfonds und Haushalt sowie die Festlegung auf verschärfte gemeinsame Klimaziele sind Ergebnisse praktizierter Solidarität. Ebenso übrigens wie der auf den letzten Drücker ausgehandelte Brexit-Deal.

Ähnliches lässt sich leider nicht in Sachen Migrationspolitik feststellen. Die immer noch schlimme Lage der Flüchtlinge auf Lesbos sagt genug. Derweil reagiert man in vielen Ländern angesichts der heimischen Corona-Pandemie auf die zunehmenden Krisen und Kriege in der Welt, ob in Belarus, im Jemen oder in Äthiopien nur noch mit einem Achselzucken.

Fast 700 Millionen Menschen leiden unter Hunger

Umso bemerkenswerter ist es, dass kürzlich UN-Generalsekretär Guterres vor dem Bundestag Deutschlands konstruktive Rolle im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gewürdigt hat: sowohl wegen Berlins Engagement für Frieden als auch wegen des Kampfs gegen die Klimakrise, die ja ebenfalls die Sicherheit in der Welt bedroht und die Solidarität der Reichen mit den Armen erfordert.

Letztere sind nun durch Corona und Klimawandel gleich doppelt betroffen: Fast 700 Millionen Menschen in der Dritten Welt leiden mittlerweile unter Hunger. Ein Nährboden für bewaffnete Konflikte, Flucht und Vertreibung. Da ist es richtig und wichtig, dass gerade die Kirchen sich als Anwälte dieser Menschen verstehen, indem sie z. B. die fragwürdige Rüstungs­export-Politik Deutschlands anprangern oder international mehr Hilfen und gerechtere Handels- und Produktionsbedingungen für die schwachen Staaten einfordern.

Faire Verteilung der Impfstoff-Dosen

Solche Solidarität muss im Übrigen ebenso für die weltweite Verteilung der Corona-Impfstoff-Dosen gelten, auch weil nur eine umfassende, globale Versorgung über den eigenen Tellerrand hinaus wirklichen Schutz für alle Menschen bietet. Mit dem neuen US-Präsidenten Biden im Verein hat Deutschland gute Chancen, sein Engagement für Multilateralismus und gegen Nationalismus und Populismus zu verstärken und so auch Solidarität vorzuleben.

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