Elisabeth Abegg, am 3. Mai 1882 geboren, wuchs in Straßburg in einer evangelisch-reformierten Familie auf. Der Vater, ein Jurist und Offizier, war nach dem Sieg über Frankreich 1871 ins Elsass gezogen. Die junge Frau besuchte das Straßburger Lehrerinnenseminar und begann mit 27 Jahren – als die Universitäten den Frauen ein Studium erlaubten – Geschichte, Romanistik und Latein zu studieren. 1924 zog Abegg nach Berlin und begann an der Luisen-Mädchenschule als Lehrerin für Geschichte, Latein und Französisch zu arbeiten.

In Berlin freundete sie sich mit der Religionslehrerin Elisabeth Schmitz an und lernte den Pfarrer Friedrich Siegmund-Schultze kennen, der die "Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost" (SAG) gründete, eine Bildungseinrichtung für Arbeiter. Abegg leitete in dieser Bildungseinrichtung einen "Klub" junger Arbeiterinnen.

Elisabeth Abegg setzte sich für die Gleichberechtigung von Jüdinnen und Juden ein

Sie begegnete dem Theologen und Arzt Albert Schweitzer, dessen Pazifismus und Ethik nachhaltigen Eindruck auf sie hatten. Sein Ausspruch "Das bequeme Wort: Das geht mich nichts an, das gibt es für Christen nicht" wurde zum Lebensmotto Abeggs, konstatierte Martina Voigt in ihrer Biografie über die Widerstandskämpferin.

Die überzeugte Demokratin wurde Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) – die sich für die bürgerliche Gleichberechtigung von Jüdinnen und Juden stark machte. 1933 sorgte ein neuer Direktor für einen radikalen, regimetreuen Umbau der Schule. Abegg wurde an die Rückert-Schule nach Berlin-Schöneberg zwangsversetzt und verlor ihre Berechtigung, Geschichte zu unterrichten.

Privat belastete sie das Schicksal ihrer Jugendfreundin Anna Hirschberg, die 1933 als "jüdischstämmige" Lehrerin ihren Posten verloren hatte und in Berlin verzweifelt nach einer Anstellung suchte. Als Hirschberg deportiert wurde, begriff Abegg die Tragweite der nationalsozialistischen Judenverfolgung.

Elisabeth Abegg fand bei den Quäkern Halt

1937 wurde ihre Wohnung durchsucht, weil sie dem evangelischen Theologen und Lehrer Kuno Fiedler in verschiedenen Briefen ihre Unterstützung zugesichert hatte und diese bei seiner Verhaftung von der Gestapo entdeckt wurden. Abegg wurde verhört. Zwar blieb sie auf freiem Fuß, doch gab es nun einen offiziellen Verweis in ihrer Personalakte.

Die SAG, in der Abegg aktiv war, wurde 1940 von den Nationalsozialisten verboten. Nun trat Abegg in die "Religiöse Gesellschaft der Freunde" ein und fand bei den Quäkern ihre religiöse Heimat. Weil sie in ihrem Schulunterricht weiterhin über die Schrecken des Krieges sprach, wurde sie von Schülerinnen denunziert und daraufhin gezwungen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Die Schulleiterin sorgte dafür, dass sie offiziell aus Gesundheitsgründen ausschied und weiterhin ihre Bezüge bekam. Dieses Geld nutzte sie, um Verfolgte zu unterstützen.

Elisabeth Abeggs erste geheime Hilfsaktionen datieren ins Jahr 1942

Als die Nationalsozialisten immer aktiver jüdische Bürgerinnen und Bürger verfolgten, nahm Abegg die 53-jährige jüdische Modistin Hertha Blumenthal bei sich auf, die im letzten Moment aus ihrer Wohnung geflohen war, nachdem der Hausmeister sie vor einem "Abholkommando" gewarnt hatte. Abegg brachte die Frau bei Freunden unter, besorgte ihr einen falschen Postausweis und half ihr, ins Elsass zu fliehen.

Auch andere Verfolgte suchten Schutz bei Abegg. 1943 nahm sie für kurze Zeit Hertha Pineas bei sich auf, die dann weiter in württembergische Pfarrhäuser reiste. Auch der Lehrer Ludwig Collm, der wegen seiner jüdischen Herkunft aus dem Dienst entlassen worden war und mit seiner Ehefrau Steffy und der siebenjährigen Tochter Susanne untergetaucht war, bekam über Abegg verschiedene Unterkünfte vermittelt.

Abegg unterstützte auch die Familie Goldstein, die sich 1943 nach einer Razzia der Gestapo mehrere Tage lang auf dem Dachboden versteckt hatte, bevor sie floh. Die fünfjährige Tochter wurde auf einem Gutshof in Ostpreußen untergebracht, die Eltern lebten in Mietzimmern und behaupteten, er sei Soldat auf Genesungsurlaub. Sie wurden enttarnt, Ernst Goldstein verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau transportiert und ermordet.

Elisabeth Abegg ging für den Schutz anderer bewusst Risiken ein

Abegg kümmerte sich um die Ehefrau Herta Goldstein, versorgte sie mit Geld und brachte sie bei einer ihrer "SAG-Mädels" unter. In einem anderen Fall verkaufte Abegg ihren eigenen Schmuck, um die Flucht von Jizchak Schwersenz in die Schweiz zu organisieren. All diese Aktivitäten fanden unter den Augen der Nachbarn statt, von denen einige aktive Nazis waren.

Abegg zögerte nicht, große Risiken einzugehen. Als sich Liselotte Pereles, die Direktorin der Kindertagesstätte in Berlin, nicht dazu entschließen konnte, mit ihrer neunjährigen Nichte Susi unterzutauchen, musste sie in ein "Judenhaus" umziehen. Abegg besuchte sie dort Ende Januar 1943 und überzeugte Pereles schließlich, unterzutauchen.

Einige der Überlebenden, die nach dem Krieg mit ihr in Kontakt blieben, widmeten Abegg an ihrem 75. Geburtstag im Jahr 1957 eine Sammlung von Memoiren mit dem Titel "Und ein Licht leuchtet in der Finsternis". Am 23. Mai 1967 erkannte Yad Vashem Elisabeth Abegg als Gerechte unter den Völkern an. 2022 erschien eine umfangreiche Biografie von Martina Voigt, die das komplexe Hilfsnetzwerk zur Rettung jüdischer Verfolgter rekonstruierte.

Literatur und Quellen

  • Martina Voigt, Einig gegen die Trägheit der Herzen. Das Hilfsnetzwerk um Elisabeth Abegg zur Rettung jüdisch Verfolgter im Nationalsozialismus. Lukas Verlag, Berlin 2022.
  • Claus Bernet: Elisabeth Abegg. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 26, Bautz, Nordhausen 2006, ISBN 3-88309-354-8, Sp. 1–3.
  • Martina Voigt: Grüße von "Ferdinand". Elisabeth Abeggs vielfältige Hilfe für Verfolgte. In: Beate Kosmala, Claudia Schoppmann (Hrsg.): Sie blieben unsichtbar. Zeugnisse aus den Jahren 1941 bis 1945. Förderverein Blindes Vertrauen e. V. des Museums Blindenwerkstatt Otto Weidt, Berlin 2006, ISBN 978-3-926082-27-5, S. 104–116.
  • Sara Bender, Jakob Borut, Daniel Fraenkel, Israel Gutman (Hrsg.): Lexikon der Gerechten unter den Völkern. Deutsche und Österreicher. Yad Vashem und Wallstein-Verlag, Göttingen 2005, ISBN 978-3-89244-900-3.
  • Siegfried Mielke (Hrsg.) unter Mitarbeit von Marion Goers, Stefan Heinz, Matthias Oden, Sebastian Bödecker: Einzigartig – Dozenten, Studierende und Repräsentanten der Deutschen Hochschule für Politik (1920–1933) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Lukas-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-032-0, S. 82 (Kurzbiographie).
  • Liselotte Pereles: Die Retterin in der Not. In: Kurt R. Grossmann: Die unbesungenen Helden. Menschen in Deutschlands dunklen Tagen. Ullstein Verlag, Berlin / Wien 1984, ISBN 978-3-548-33040-2, S. 85–93.
  • Martina Voigt: Einig gegen die Trägheit des Herzens. Das Hilfsnetzwerk um Elisabeth Abegg zur Rettung jüdischer Verfolgter im Nationalsozialismus. Lukas, Berlin 2021 (Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand; 17), ISBN 978-3-86732-399-4.
  • Abegg, Elisabeth, in: Gudrun Wedel: Autobiographien von Frauen : ein Lexikon. Köln : Böhlau, 2010, S. 1f.

Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen Nationalsozialismus"

Die Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus" stellt Frauen vor, die sich mutig gegen das NS-Regime gestellt haben. Diese Frauen halfen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern, besorgten gefälschte Papiere, organisierten den Widerstand oder verteilten Schriften. Die Ausstellung zeigt prominente und weniger bekannte Frauen aus allen sozialen Schichten und politischen Lagern und verdeutlicht die Vielschichtigkeit des Widerstands sowie die Bedeutung dieser Geschichte für uns heute. Das Dossier mit den Porträts aller Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus finden Sie unter diesem Link.

Die Plakatausstellung ist ab 299 Euro in den Formaten A1, A2 und A3 erhältlich. Die Ausstellung eignet sich besonders für Bildungseinrichtungen wie Bibliotheken, Schulen, Volkshochschulen, aber auch für Gemeinden, Kommunen oder Verbände. LeihnehmerInnen erhalten kostenloses Pressematerial sowie eine Plakatvorlage und Pressefotos für die Werbung.  Weitere Infos zur Ausstellung: ausstellung-leihen.de/frauen-widerstand-ausstellung

Diese Frauen sind Teil der Ausstellung "Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus”:

  1. HANSCHE, Hildegard (1896-1992)  
  2. VADERS, Maria (1922-1996)  
  3. INAYAT KHAN, Noor-un-Nisa (1914-1944) 
  4. SEIDENBERGER, Maria (1927-2011) 
  5. STREWE, Lucie (1887-1981) 
  6. BEEK, Cato Bontjes van (1920-1943) 
  7. MOLTKE, Freya Gräfin von (1911-2010) 
  8. ROTHE, Margaretha (1919-1945) 
  9. BERGER, Hilde (1914-2011) 
  10. LEBER, Annedore (1904-1968) 
  11. KARMINSKI, Hannah (1897-1943) 
  12. OVEN, Margarethe von (1904-1991) 
  13. FITTKO, Lisa (1909-2005) 
  14. HAAG, Lina (1907-2012) 
  15. ABEGG, Elisabeth (1882-1974) 
  16. MENSAH-SCHRAMM, Irmela (*1945) 
  17. REICHERT-WALD, Orli (1914-1962)
  18. KERN, Katharina Käthe (1900-1985)

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