2025 begann mit diesem Gefühl, dass man der Demokratie inzwischen öfter mal was Gutes tun muss. Ich schrieb über den Rechtsruck in Europa, Alarmstufe Rot, und darüber, wie schnell Grenzen im Kopf wieder salonfähig werden, wenn genug Leute so tun, als wäre das normal. Ach stimmt ja: "Normal" ist kein Naturgesetz. Es ist Gewohnheit. Und Gewohnheiten lassen sich leider verdammt schnell umlernen, wenn man sie lange genug wiederholt.
Und wie das dann so ist: Du schreibst einen Kommentar, und plötzlich sitzt du nicht mehr nur am Rechner, sondern gefühlt an einem Stammtisch, der sich aufbäumt. Es kamen Reaktionen, Zustimmung, Wut, dieses klassische "Ihr dürft das nicht sagen". Da merkte ich ziemlich früh: 2025 wird für mich weniger ein Jahr der perfekten Meinung, sondern ein Jahr der Frage: Wer sagt was, wann und wozu und wer schweigt?
Müdigkeit, AfD-Verbot, Wandern
Im März ging’s dann um etwas, das erst mal langweilig klingt, aber eigentlich ziemlich viel über unsere Zeit verrät: "Dienst nach Vorschrift". Viele machen nur noch das Nötigste. Und ganz ehrlich: Ich finde das nicht schockierend, ich finde es logisch. Wenn Einsatz nichts mehr zählt, sondern als selbstverständlich gilt, dann geht irgendwann der Schalter aus. Und diese Müdigkeit gibt’s nicht nur im Job. Man sieht sie auch in Debatten: Viele haben keine Lust mehr auf Streit, ziehen sich zurück, lassen andere reden oder klatschen einfachen Antworten Beifall. Rückzug ist bequem. Nur löst er nichts.
Im Mai knallte dann wieder Politik rein, diesmal mit der großen Frage: AfD verbieten? Ich habe dagegen argumentiert, weil ein juristischer Schnellschuss oft genau denen hilft, die man kleiner machen will. Bitter, weil "Verbieten" sich nach Lösung anfühlt. Der kurze Weg wirkt nur so gut, bis man merkt, wo er endet.
Und weil 2025 nicht nur aus Schlagzeilen besteht, sondern auch aus dem, was wir täglich so mit unserem Kopf und Handy anstellen, ging’s danach raus aus dem Politischen und rein ins Leben: Wandern. Natur. Ruhe. Und daneben Menschen, die mit Ringlicht am Aussichtspunkt stehen, als wäre der Berg ein Fotostudio mit Gratis-Panorama. Ich schrieb "Wandern fürs Netz" und meinte eigentlich: Leute, schaut doch einmal kurz hin, bevor ihr euch selbst davor platziert. Stille ist nicht leer. Stille ist Luxus. Und Luxus ist inzwischen das, was man sich aktiv erlaubt.
Der Sommer hatte dann den Moment, der mich am meisten genervt hat, weil er mich selbst erwischt hat: Fitnessstudio, Hassparolen, Schweigen. Ich, der sonst gerne laut ist, war in dem Augenblick still. Daraus wurde "Beim nächsten Mal sage ich was". Kein Heldentext. Eher ein Geständnis. Und das Spannende war: Genau da kamen die Leserreaktionen, die ich nicht erwartet habe. Nicht "starker Kommentar", sondern: "Kenn ich. Hab ich auch erlebt." Zivilcourage ist meist nur ein Satz im richtigen Moment.
Coole Kirche, Fremdscham, Aufrüstung
Und genau dieses Thema, echt sein statt Eindruck schinden, holte mich im September wieder ein. Nicht als Event, sondern als Frage: Muss Kirche unbedingt cool wirken? Ich schrieb, dass dieser "fresh"-Reflex schnell peinlich endet. Nicht, weil Kirche alt sein soll, sondern weil Glaubwürdigkeit nicht aus Show kommt. Menschen merken ziemlich schnell, ob etwas echt ist oder nur geschniegelt.
Irgendwann kam der Moment, bei dem ich mich als Mann mal kurz fremdschämen musste: Markus Söder, dieses Frauenbild von gestern, und die Frage, warum wir 2025 immer noch so reden, als wäre Respekt optional. Auch das hat am Ende mit Zivilcourage zu tun: nicht alles als "wird man ja wohl noch sagen dürfen" durchgehen lassen, nur weil es laut genug rausgehauen wurde.
Der Oktober war politisch dann wieder Hardcore: Aufrüstung, Wehrpflicht, Kriegsrhetorik. Das Grundgefühl war oft Angst, nur in unterschiedlichen Kostümen. Ich schrieb, dass Angst keine Politik machen darf. Dass man Frieden ernst nehmen muss, statt Panik zu verwalten. Dazwischen leistete ich mir "Merzland", diese Glosse über Politik als Schaufensterpflege: Stadtbild hübsch, Gesellschaft kalt. Ende Oktober kam noch Halloween als Familienrealität (nein, der Glaube kippt nicht, nur weil ein Kürbis grinst) und direkt danach Luther als Social-Media-Avatar. Der Reformator würde heute vermutlich nicht leiser posten. Reform beginnt selten geschniegelt, eher mit einer unbequemen Wahrheit.
Die heutige Jugend, Aktivrente, Weihnachten
Im November ging es nochmal richtig rund: Gen Z und ihr Verständnis von Arbeit, Sinn, Grenzen, Fairness. Ich hab beim Schreiben gemerkt, wie leicht man über "die Jugend" lästert, wenn man sich nicht die Mühe macht, genau hinzusehen. Und mitten rein platzte die Aktivrente: als "Geschenk" verkauft, für viele aber eher als Druck, noch länger durchzuhalten. Und wieder dieselbe Frage wie das ganze Jahr: Machen wir einfach mit, weil es halt so ist, oder sagen wir irgendwann: Stopp, so nicht?
Im Dezember kam dann wie jedes Jahr und doch für manche überraschend Weihnachten. Erst mit "Fürchte dich nicht" als Versuch, den Kern freizuschaufeln unter Lichterflut und Geschenkeschlacht. Und dann der Kommentar, der leider so typisch ist: "linksversifft". Das Wort ist keine Analyse, das ist ein Aufkleber. Und natürlich kam dazu auch diese Sorte Rückmeldung, die immer wieder auftaucht: "Ich lese euch nicht, aber…" Da schloss sich für mich der Kreis zum Januar: Wenn Begriffe nur noch zum Abwerten benutzt werden, ist das nicht Debatte, das ist Abriss.
Ein Jahr gegen Angst-Getöse, Abwertung und das eigene Schweigen
Wenn ich 2025 zusammenfassen müsste: Es war ein Jahr gegen Gewöhnung. Gegen Angst-Getöse. Gegen Abwertung. Und manchmal gegen das eigene Schweigen. 2025 war das Jahr, in dem ich gelernt habe: Der größte Gegner ist selten der Shitstorm. Es ist die eigene Bequemlichkeit. Und die kleidet sich gern als "Ich will keinen Stress".
Spoiler: Stress kommt trotzdem. Dann lieber mit Haltung.